Das Reichskanzlerpalais in der Wilhelmstraße 77 (heute 92). Die Aufnahme entstand 1898, in jenem Jahr war Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst Reichskanzler. Sein Vorgänger (bis 1894) hieß Leo Graf von Caprivi und war im Amt direkt auf Bismarck gefolgt.
Foto: Wikipedia/Verlag Kunstanstalt W. Sommer, Berlin-Schöneberg

Berlin-MittePlattenbauten, schütteres Grün, ein paar Bänke unter jungen Bäumen, im Erdgeschoss ein Ladenlokal. So sieht es an der Wilhelmstraße 92 aus. Unmöglich zu erkennen, dass sich hier wie nirgendwo sonst die Geschichte des zweiten und dritten Deutschen Reiches zwischen 1871 und 1945 zusammendrängt. Doch obwohl dieser Ort seit Jahrzehnten eigentlich nicht mehr existiert, drängt sein Geist mächtig in die Gegenwart. Hier stand, damals mit der Hausnummer 77, das Reichskanzlerpalais, das zentrale Gebäude des Berliner Regierungsviertels. Dieses erstreckte sich entlang der Wilhelm- und der Voßstraße.

In der Reichskanzlei residierte der Kanzler der Einheit Otto von Bismarck, auch seine Nachfolger nahmen hier Wohn- und Dienstsitz. Zuletzt nutzte Adolf Hitler das geräumige Palais als Privatwohnung. In unmittelbarer Nachbarschaft hatte er sich von seinem Lieblingsarchitekten Albert Speer die Neue Reichskanzlei als Regierungssitz bauen lassen. Dieser dehnte sich in der Voßstraße von der Nummer 1 bis zur 19. Die sowjetische Militäradministration ließ beide Kriegsruinen abtragen, dann dämmerte die ganze Gegend im Mauerrandbereich dahin, bis in den 1980er-Jahren mehr als tausend von DDR-Bürgern heißbegehrte Plattenbauwohnungen entstanden.

Inzwischen entwickelt sich im Ost-Ambiente eine seltsame Erinnerungslandschaft: Zunächst stand da eine von der Topographie des Terrors gestaltete Tafel, die sachlich-knapp über das einstige Gebäude und das darin wirkende Kanzleramt informiert. Erwähnt wird der Berliner Kongress, der 1878 im Festsaal tagte und unter Bismarcks Vermittlung die vorangegangene Balkankrise beilegte.

Seit dem 08.11.2011 steht die Silhouette von Georg Elser, dem Hitler-Attentäter, in der Wilhelmstraße.
Foto: Imago/Pemax

Direkt über dieser Tafel reckt sich seit 2011 eine schlanke Metallskulptur in den Himmel. Dort, wo der Führer und seine nationalsozialistischen Kampfgenossen 1933 ihren Wahlsieg feierten, erinnert das Denkzeichen an Johann Georg Elser, einen schwäbischen Schreiner, der 1939 im Münchner Bürgerbräukeller versuchte, Hitler mit einer Bombe zu töten, um das Allerschlimmste zu verhindern. Leider scheiterte er.

Hinter dem Haus Wilhelmstraße 92 parken heute die Autos der Mieter. Auch hier steht eine Tafel: An diesem Ort wurden am Nachmittag des 30. April die Leichen von Adolf Hitler und seiner frisch angetrauten Frau Eva, geborene Braun, verbrannt. Ein paar Meter weiter, im Führerbunker, hatten sich die beiden selbst umgebracht. In Sichtweite erinnert das Stelenfeld an die Millionen ermordeten europäischen Juden.

Seit einiger Zeit ergänzt eine weitere Gedenktafel unmittelbar vor der Hausnummer 92 die neue Geschichtslandschaft. Unter dem Titel „Erinnern, versöhnen. Gemeinsam Verantwortung tragen für unsere Zukunft“ weist sie darauf hin, dass genau hier vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 die Berliner Afrikakonferenz tagte. Neben einem Begleittext zeigt die Tafel Fotos von der Reichskanzlei, vom Konferenzsaal, eine Afrikakarte und eine Gruppe gefangener Herero.

Eine Stele erinnert an die Afrika-Konferenz. Im Hintergrund das Parterre der Wilhelmstraße 92, wo die Dekoloniale ihren Sitz hat.
Foto: Maritta Tkalec

Bismarck hatte die Vertreter des Osmanischen Reiches und der europäischen Mächte Österreich, Ungarn, Belgien, Frankreich, Großbritannien, Dänemark, Italien, Niederlande, Spanien, Russland und Schweden-Norwegen eingeladen, um die Aufteilung Afrikas zu regeln. 14 Staaten unterzeichneten, die ebenfalls anwesenden Vertreter der USA signierten nicht. Der Kolonialskeptiker Bismarck wurde als ehrlicher Makler gelobt. König Leopold II. von Belgien ging als Krösus davon – er hatte den rohstoffreichen Kongo eingestrichen. Die sogenannte Kongoakte regelte die Kolonialisierung des Kontinents durch gegenseitige Akzeptanz der Kolonialmächte.

Afrikanische Interessen und die auf der riesigen Landmasse lebenden Menschen existierten für die Herren am Konferenztisch nicht. Auf der Tafel heißt es: „Afrikaner traten bei der Konferenz nur als Gegenstand europäischer Politik auf.“ In 38 Paragrafen legte der Vertrag Regeln für das Vorgehen im Konfliktfall sowie für die Schifffahrt auf Flüssen fest und verbot den internationalen Sklavenhandel.

Die jüngste geschichtspolitische Marke in der Pop-up-Erinnerungslandschaft setzte im August 2020 die Initiative zur Entkolonialisierung Berlins, genannt Dekoloniale: Sie bezog das Ladenlokal im Erdgeschoss der Nummer 92 als Stabsstelle und öffentlichen Treffpunkt. Der Tonfall der Aktivisten klingt schärfer und weniger auf Gemeinsamkeit gerichtet als der auf der Tafel herrschende Duktus.

Bevor die Corona-Pandemie den internationalen Städtetourismus auf nahe null schrumpfte, fand das Publikum allerdings nicht den Ort interessant, an dem folgenschwere Kolonialgeschichte mit allein im Kongo Millionen Opfern gemacht wurde. Hier interessierte vor allem Adolf Hitler: sein Bunker, das Büro in der Neuen Reichskanzlei sowie die „Führerwohnung“ in der Alten – mitsamt Schlafzimmer, Zimmer von Eva Braun, Speisesaal und Wintergarten. Adolf Hitler war im Mai 1934 eingezogen.

Das Publikum kennt diese Orte aus Filmen, von Fotos, aus dem Internet. Solche Eindrücke haben „mythische Geschichtszeichen“ erzeugt, wie Professor Thomas Sandkühler, Historiker an der Humboldt-Universität, beobachtet hat. Im Jahrbuch 2016 des Vereins für die Geschichte Berlins veröffentlichte er den detaillierten Aufsatz „Die Reichskanzlei in der Wilhelmstraße 1871–1945 und Adolf Hitlers ‚Führerwohnung‘: Geschichte eines vergessenen Ortes“.

Demnach hat Hitler die Räume der Reichskanzlei förmlich erobert: Umfangreich ließ er renovieren und modernisieren, ohne Rücksicht auf die Kosten. „Der erfolgreiche Buchautor und nachlässige Steuerzahler Hitler“, so schreibt Sandkühler, beglich einen Teil der Rechnungen aus seinem Privatvermögen. Die Wohnung des Führers bestand aus Repräsentationsräumen im Erdgeschoss und Wohnräumen im ersten Stock der Reichskanzlei. Wie das aussah, beschreibt Sandkühler so: „Es repräsentierte anstelle wilhelminischer Schwere nun eine räumliche Großzügigkeit, die Hitler offenbar als Inbegriff ästhetisierenden Führertums betrachtete …“ Der frühere Gartensaal wurde zur Wohnhalle. An deren Wänden hingen große Teppiche, später Gobelins. In einer Vitrine standen Radio und Plattenspieler. Eine stationäre Leinwand ermögliche abendliche Filmvorführungen.

Bücher spielten für den Vielleser Hitler eine große Rolle und waren auch in der Wohnung präsent. Allerdings hielt sich Hitler am liebsten im Wintergarten auf. Im Speiseraum mit Friedrich-II.-Reminiszenzen soll Adolf Hitler 1941 den obersten NSDAP-Funktionären seinen Plan verkündet haben, die Juden Europas zu ermorden.

Doch die Geschichte des Palais reicht in die Zeit weit vor Hitler, Hindenburg und Bismarck zurück. Ursprünglich hatte sich der Kavalleriegeneral Adolf Friedrich Reichsgraf von der Schulenburg 1738/39 noch im Stil eines barocken Herrenhauses eine Residenz in der preußischen Hauptstadt errichten lassen, doch er fiel zwei Jahre später in einer Schlacht. Bald kaufte die polnische Fürstenfamilie Radziwill das repräsentative Gebäude. Drei Radziwill-Generationen machten das Palais zum quirligen Ort Berliner Lebens. Prominenz wie Frederic Chopin, Wilhelm und Alexander von Humboldt, Felix Mendelssohn-Bartholdy und Karl Friedrich Schinkel gehörten zu den Gästen im Salon des „polnischen Berlins“. 1874 verkaufte die Familie an das Deutsche Reich. Als erster Staats-Bewohner zog Kanzler Otto von Bismarck ein und gab dem Gebäude, das ihm fortan als repräsentativer Amts- und Wohnsitz diente, den Namen Reichskanzlei.

Das Gebäude ist physisch getilgt und doch präsenter, als man vor Jahren noch hatte denken können. Auch für historische Orte gilt offenbar: Totgesagte leben länger.