Berlin - Ein Schreibtisch, ein Stuhl, ein Schrank, ein Regal und ein Bett – sehr viel mehr steht nicht im Zimmer von Benedikt Pittana. Der 28-jährige Rechtsreferendar lebt in einem zehn Quadratmeter großen Zimmer in einem anthrazitfarbenen Neubau in der Stromstraße 36 in Moabit. 45 Zimmer in neun Wohngemeinschaften gibt es dort, jeweils fünf bilden eine WG. Wer mit wem zusammenleben muss (oder darf), entscheiden allerdings nicht die Bewohner. Das übernimmt der sogenannte Community-Manager.

„Ich kannte niemanden in Berlin“, sagt Pittana, der aus München kommt. Weil er nicht alleine leben wollte, habe er sich um den Platz in der Wohngemeinschaft beworben – und wurde genommen. Co-Living nennt der Vermieter, die Berliner Medici Living Group, das WG-Projekt. Im April dieses Jahres wurde das Haus unter der Marke „Quarters“ eröffnet. Alle Plätze sind bereits vergeben. Die Unterkünfte haben jedoch ihren Preis. 489 Euro kostet ein Zimmer in der WG, 539 Euro müssen diejenigen bezahlen, die noch einen Balkon dazu haben.

WLAN und Waschküche

In der Miete sind alle Betriebskosten enthalten, außerdem WLAN. Neben den Zimmern gibt es Gemeinschaftsflächen, die die Bewohner nutzen können. So hat jede WG eine 20 Quadratmeter große Gemeinschaftsküche, in der ein großer Tisch mit Kochplatten steht. An der Wand hängt ein Flachbildschirm zum Fernsehen. Außerdem gibt es zwei Badezimmer. Im Erdgeschoss stehen den Bewohnern zudem ein Fernsehraum, eine Leseecke, eine weitere Gemeinschaftsküche sowie ein langer Tisch zur Verfügung. Zudem gibt es eine Waschküche, deren Benutzung im Preis enthalten ist.

„Das Konzept ist gut“, sagt Benedikt Pittana. Weil die WGs bereits komplett eingerichtet seien, sogar bis zum Besteck – habe er für den Umzug von München nach Berlin nur zwei Kisten und eine Reisetasche gebraucht. Mindestens zwei Jahre will Pittana in Berlin bleiben. So lange dauert sein Referendariat.

Die Medici Living Group will mit ihrem Co-Living-Projekt junge Berufseinsteiger, Kreative und Gründer ansprechen, sagt Anne Weimann, PR-Managerin des Unternehmens. Das 2012 gegründete Unternehmen vermietet derzeit rund 1200 Wohnungen in verschiedenen Städten. Ein WG-Haus wie in Berlin gibt es aber nur in New York. Zwar richtet sich das Angebot der WG-Häuser überwiegend an Jüngere, doch gerade erst wurde in Berlin auch ein 55-Jähriger angenommen.

Ausgewählt werden die Bewohner in den Wohngemeinschaften von einem Community-Manager. Das ist in der Stromstraße der 30-jährige John Lugo. Bei der Auswahl der WG-Bewohner schaue er, wer von der Ausbildung und den Interessen zueinander passe, sagt er. So leben in dem Haus unter anderem ein Architekt, eine Grafik-Designerin, eine Filmregisseurin und ein Stand-up-Comedian. „Bisher ist alles gut gegangen“, sagt John Lugo. Die wichtigste Eigenschaft, die er für seinen Job mitbringen müsse, sei die Fähigkeit zu moderieren. Die Kenntnisse, die er während seiner Ausbildung erworben hat, helfen ihm dabei. Der US-Amerikaner hat internationale Beziehungen und Politik studiert. Die Bewohnerschaft des WG-Hauses ist international. Aktuell leben Mieter mit zehn verschiedener Nationalitäten dort. Sie kommen aus Deutschland, Frankreich, Belgien, Italien, Holland, der Schweiz, aus Österreich, China, Australien und den USA. „Wir versuchen, es so bunt zu machen wie möglich“, sagt John Lugo. 70 Prozent der Bewohner sind männlich, 30 Prozent weiblich. Das soll sich aber ändern. „Unser Ziel ist, ein ausgeglichenes Verhältnis von Männern und Frauen zu erreichen“, sagt John Lugo. Grund: Frauen kommunizieren stärker. Das sei für die Gemeinschaft wichtig.

Ein paar Beschränkungen

Zwar haben die Bewohner viele Freiheiten, doch gibt es dennoch ein paar Einschränkungen. So sind nicht nur Haustiere verboten, auch die Unterbringung von Lebenspartnern ist nur begrenzt möglich. Jeder darf Frau oder Freundin, Mann oder Freund nur für fünf bis sieben Tage pro Monat in die WG mitbringen. Eine längere Unterbringung wäre nicht fair für die anderen, weil sie sich schließlich alle Bäder und Küche teilen müssen, sagt John Lugo.

Benedikt Pittana fällt als Rechtsreferendar etwas aus der Reihe der vielen Kreativen in dem WG-Haus heraus. Aber er hat sich dennoch eingelebt. „Wir kochen oft zusammen“, sagt er. Pittana lebt mit einem Holländer, einer Frau aus den USA und einem Mann aus dem baden-württembergischen Lörrach zusammen. Beim Essenmachen übernehme jeder eine Aufgabe. Einer sei für die Kartoffeln zuständig, der andere für das Fleisch. Wenn man abends zusammen komme, werde gefragt, wie der Tag gelaufen sei. „Es ist fast wie eine kleine Familie.“ Ärger wegen unterschiedlicher Auffassungen über die Sauberkeit gibt es in der WG übrigens nicht. „Wir haben eine Putzfrau“, sagt Pittana. „Sie kommt alle zwei Wochen.“