Wo einst Autos fuhren, wachsen Bäume. In der Mitte der einstigen Fahrbahn kühlen Wasserspiele die Luft. Mit diesem schönen Computerbild möchte Mobilitätssenatorin Bettina Jarasch (Grüne) Lust machen auf die Neugestaltung des autofreien Abschnitts der Friedrichstraße in Mitte. Doch in Wirklichkeit sind die Möglichkeiten sehr begrenzt. Längst nicht alles, was wünschenswert wäre, ist bautechnisch möglich – und das ist schon seit langem bekannt.

Ein Stadtzentrum wie in Italien, voller Leben, mit Platz zum Spazierengehen und Ausruhen. Diesen Traum träumt man in der Senatsverwaltung für Mobilität. Das autofreie Teilstück der Friedrichstraße soll künftig einem italienischen Stadtplatz gleichen, sagte Senatorin Jarasch Anfang Mai. „Meine Wunschvorstellung ist eine Piazza, wie ich sie in Italien kennengelernt habe“, schwärmte die Politikerin.

Doch Rainer Boldt, der 25 Jahre lang die Interessen der Anlieger in diesem Teil des östlichen Berliner Stadtzentrums vertreten hat, hält die Ideen des Senats für unrealistisch. „Die Verwaltung gaukelt uns etwas vor, was nicht funktionieren kann“, sagte Boldt der Berliner Zeitung. Die Ideen, die jetzt wieder diskutiert werden, seien nicht neu und schon vor vielen Jahren verworfen worden – aus Gründen, die heute noch gelten. „Offensichtlich sind die Politiker und Verwaltungen vergesslich“, bemängelte er.

Eine Flaniermeile in der östlichen Innenstadt von Berlin

Es geht um den gerade mal 500 Meter langen Abschnitt zwischen der Leipziger und der Französischen Straße, der seit Monaten im Mittelpunkt einer heftigen Debatte steht. Ende August 2020 erklärten Bezirk und Senat ihn zur „Flaniermeile“ und sperrten Autos aus. Seitdem gehört die Fahrbahn den Fußgängern – und den Radfahrern, für die ein breiter Radfahrstreifen markiert wurde.

Nachdem die Kritik an der Sperrung und der provisorischen Gestaltung immer lauter wurde, ging Bettina Jarasch auf ihre Kontrahenten zu. Zwar bekräftigte die Senatorin, dass der Abschnitt wie geplant für Kraftfahrzeuge gesperrt bleibt, und zwar dauerhaft. Doch sie kündigte an, dass er künftig auch für Radfahrer tabu sein werde. Ein Gestaltungswettbewerb sei ebenfalls vorgesehen. So kam das Computerbild, das einen Fußgängerbereich mit Bäumen und Springbrunnen zeigt, in die Welt – als Appetizer.

Wie soll die Friedrichstraße aussehen? Das ist ein Thema, das Anlieger und Investoren schon lange umtreibt, sagte Rainer Boldt. Der damalige Banker war 1992 Gründungsmitglied und bis 2017 Vorsitzender der Interessengemeinschaft Friedrichstraße. „Das Thema Begrünung ist wirklich nicht neu.“ In den 90er-Jahren habe der Verband mit dem Pflanzenschutzexperten Hartmut Balder von der Beuth-Hochschule einen Wettbewerb ausgeschrieben. „Das Ergebnis war sehr ernüchternd, keine vernünftige Idee kam heraus“, so Boldt.

Imago
Ein Zug der U-Bahn-Linie U6 in der Station Unter den Linden. Unter der Friedrichstraße verläuft der Tunnel dicht unter der Oberfläche.

Wurzeln könnten U-Bahn-Tunnel der BVG in der Friedrichstraße beschädigen

Dass das Resultat nicht so ausfiel wie erwartet, habe mit Gründen zu tun, die heute noch zutreffen, wie Boldt betont. Das Pflaster aufreißen und Bäume in die Erde setzen: Das sei in der Friedrichstraße einfach nicht möglich. „Unter den Gehwegen verlaufen massenweise Versorgungsrohre und Kabel dicht unter der Oberfläche“, erläutert er. Schon bald würden Baumwurzeln auf unterirdische Hindernisse stoßen. Nicht anders sehe es unter der Fahrbahn aus. Dort ziehe sich der Tunnel der U-Bahn-Linie U6 die Friedrichstraße entlang – und auch er verlaufe knapp unter dem Pflaster.

Der Tunnel der U6 liege nur 50 Zentimeter bis einen Meter unter der Straße, bekräftigte Jannes Schwentu, Sprecher der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Über solchen Unterpflastertunneln wäre es nicht möglich, Springbrunnen mit tiefem Unterbau zu installieren. „Deren unterirdische Strom- und Wasserversorgung können unsere Tunnel und deren Stabilität gefährden. Das Gleiche träfe auf Bepflanzungen auf Straßenniveau zu, da die Tunnel in kurzer Zeit durch das Wurzelwerk beschädigt werden können.“

Senat: Lieber Fassaden begrünen als Springbrunnen bauen?

Die Gestaltungsmöglichkeiten sind also stark limitiert – das bestätigte auch die Senatsverwaltung für Mobilität. Bei dem Anfang Mai veröffentlichten Computerbild handele es sich „lediglich um eine Ideenskizze“, sagte Jan Thomsen, Sprecher von Senatorin Jarasch. „Dies ist aber kein Plan, keine Simulation, kein konkreter Vorschlag und soll auch nichts vorwegnehmen, was ein künftiger Gestaltungswettbewerb bringen kann.“ Die baulichen Restriktionen auf der Strecke, etwa der U-Bahn-Tunnel direkt unter der Straße, seien bei der Erstellung der Skizze durchaus beachtet worden.

So zeige das Bild Baumpflanzungen in Hochbeeten, denn direkt im Boden können hier in der Tat keine Bäume wachsen, wie Thomsen beipflichtete. Andere Pflanzungen seien denkbar, so könnte man über Fassadenbegrünungen nachdenken. „Ein Wasserspiel, wie auf der Ideenskizze zu sehen, dürfte aus baulichen Gründen an dieser Stelle keine tiefe Gründung haben, weder für Rohre noch für die nötige Technik.“ Es gebe aber Kreislauf-Wasserspiele, die rein oberflächlich aufgebaut sind. „Ob sie hier tatsächlich installiert werden, kann bis zu einer genaueren Prüfung der Möglichkeiten und den Ergebnissen von Gestaltungswettbewerben dahingestellt bleiben“, sagte der Sprecher.

Hochbeete und Baumkübel: Das sind keine Optionen, die Rainer Boldt für gelungen hält. Er spricht aus, was auch „Die Mitte“ sowie Oppositionsparteien wie die CDU und die FDP fordern: Die Friedrichstraße dürfe kein Ort für Experimente mehr sein, sie müsse wieder für Autos geöffnet werden. „Die IG hat einen Fußgängerbereich immer strikt abgelehnt. Beispiel war der Niedergang der Wilmersdorfer Straße als Fußgängerzone.“

„Der Senat präsentiert Illusionen und keine Visionen. Die zentrale Frage an der Friedrichstraße ist, wie das Quartier als Einkaufs- und Ausgehviertel wieder attraktiver wird“, sagte der FDP-Verkehrspolitiker Felix Reifschneider. „Der Senat muss an der Gestaltung des Quartiers dringend die Anliegerinnen und Anlieger wirksam beteiligen und darf den Rahmen nicht aus ideologischen Gründen zu eng setzen. Ein lebendiges Quartier mit blühendem Einzelhandel, Gastronomie, Kultur und Gewerbe ist möglich.“