Neukölln: Baby weggeworfen wie Müll

Gegen 1.30 Uhr musste der Mann mit seinem Hund nocheinmal vor die Tür. Am Weichselplatz verschwand der Hund plötzlich in einem Gebüsch und machte sich an einer Tüte zu schaffen. Der Mann ging hin, schaute in die Tüte – und entdeckte darin die Leiche eines Säuglings. Er rief die Polizei.

Nach deren Auskunft handelt es sich bei dem toten Baby um einen Jungen. Weitere Angaben macht die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen derzeit nicht. Eine Mordkommission des Landeskriminalamtes übernahm die weiteren Ermittlungen.

Die rechtsmedizinische Untersuchung soll nun klären, woran das Baby gestorben ist. Geklärt muss auch werden, ob das Kind eine Totgeburt war oder lebend zur Welt kam – was maßgeblich sein wird für den Ermittlungsaufwand und den Strafprozess, sollte die Mutter ermittelt werden. Mit einem postmortalen Mehrschichten-Computertomograf wird dafür in der Rechtsmedizin die Lunge auf Lufteinschlüsse untersucht. An der Luft im Verdauungstrakt kann sogar nachgewiesen werden, wie lange das Baby lebte.

Das Kind war stark verwest und wohl schon länger als eine Woche tot. Ob es schon so lange in dem Gebüsch der Grünanlage lag, ist fraglich. Zwar wäre die Plastiktüte nicht sonderlich aufgefallen. In der Grünanlage, wo auch ein eingezäunter Spielplatz ist, liegt jede Menge Müll herum.

„Allerdings sind hier sehr viele Hunde, die die Tüte schon längst gefunden hätten“, mutmaßt eine junge Mutter, die mit zwei Kindern im Park unterwegs ist. Und auch die drei Männer auf einer Bank, die acht leere Bierflaschen auf dem Boden aufgereiht haben, sind davon überzeugt, dass die Tüte erst in der letzten Nacht abgelegt wurde. Sie glauben den genauen Fundort zu kennen, obwohl die Spurensicherung das Areal erst am Mittag freigegeben hat. Sie sind regelmäßig hier, auch nachts. Im Park sind viele Leute unterwegs. Es ist ein Miteinander von Menschen in prekären Lebensverhältnissen und jungen gebildeten Familien.

Parallelen zu Wildenbruch-Baby?

Die Fundstelle ist nur rund 500 Meter entfernt von einem anderen grausigen Fundort: Am 5. April 2012 hatten Mitarbeiter einer Firma in einem Kleidercontainer an der Wildenbruchstraße, Ecke Hüttenroder Weg ein totes Baby entdeckt. Sie hatten die hineingeworfenen Tüten und Säcke geöffnet und dann in einem blauen Plastiksack den Leichnam des Mädchens gefunden.

Die Ermittlungen der Polizei liefen bislang ins Leere. Der weiße kleine Sarg mit dem Baby wurde im Mai vergangenen Jahres auf dem Friedhof Hermannstraße beigesetzt. Zuvor hatten die Ermittler der 8. Mordkommission dem Baby den Namen „Sara“ gegeben. Und die Polizei hatte darauf hingewiesen, dass sich Mütter, die ihre Neugeborenen töten, oft in extremen Ausnahmesituationen befänden, was vor Gericht berücksichtigt werde. Es brachte nichts, die Mutter des Babys ließ sich nicht erweichen und meldete sich nicht.

Seit dem vergangenen Jahr führt die Polizei nun eine DNA-Reihenuntersuchung zur Identifizierung der Mutter durch. Alle Frauen im näheren Umfeld des Fundortes werden um eine freiwillige Speichelprobe gebeten, um den Kreis derer, die als Mutter infrage kommen, nach dem Ausschlussprinzip einzuengen. Inzwischen erhielten mehrere tausend Frauen im gebärfähigen Alter ein entsprechendes Schreiben der Polizei. „Die Untersuchung wird noch lange dauern“, hieß es am Dienstag bei der Polizei. Geprüft werde auch, ob es einen Zusammenhang zum aktuellen Fall gibt. Man müsse abwarten, was die DNA-Untersuchung des Babys ergebe.