Berlin/Neukölln - Ohne Geheimjury, ohne Bürgerprotest, Strafgebühren, ohne größere Aufwallungen gelang in Berlin die Umbenennung einer Straße. Die Wissmannstraße in Neukölln, benannt nach einem militanten, extrem gewalttätigen Kolonialisten der Kaiserzeit trägt künftig den Namen von Lucy Lameck, einer Politikerin aus Tansania. Wie konnte das passieren?

Die Straßenschilder hängen noch an den Pfeilern. In der Straße ist es ruhig, es gibt so gut wie keine Läden hier, kein Café, dafür sind viele kleine Büros in die Erdgeschosse gezogen: Logotherapie, Baufirma, Pappmalerei, Palästinensische Gemeinschaft. Die meisten Büros sind geschlossen, die Läden heruntergelassen. Corona macht die Wohnstraße noch ruhiger. Die Fassaden der meisten Häuser leuchten in frischen Farben. Was halten die Anwohner von der Namensänderung?

An der Adresse Wissmannstraße 1 hat das Jugendprojekt Integra e. V. seinen Sitz. Geschäftsleiter Kazim Yildirim hat eine klare Meinung: „Wissmann war ein Mörder und Kolonialist. So einen wollen wir nicht. Wenn eine demokratische Ordnung herrschen soll, müssen wir das ernst nehmen.“ Es sei ganz richtig, den Namen zu wechseln. Dass die Umstellung der Adresse bürokratischen Aufwand bedeutet, stört ihn nicht: „Dann wird es ein halbes Jahr eben schwierig mit der Post.“ Von dem Plan hat er durch eine Aktion der Grünen erfahren.

Der Laden an der Nummer 20 hat geschlossen, aber im Fenster hängt eine große Bleistiftzeichnung der neuen Namensgeberin Lucy Lameck und zwei Texte, die sie und Wissmann vorstellen. Der hier ansässige reSource e. V. freut sich offenkundig auf die neue Adresse. Die drei jungen Leute in der Nummer 5 haben erst recht kein Problem damit, sie arbeiten auf Zeit in einem Co-Working-Space. Sie finden die Änderung „super!“ und ihnen fällt kein Argument ein, warum man dagegen sein könnte. Ein junger Mann kommt vorbei, der eben sein Kind aus der benachbarten Kita abgeholt hat. Dort hätten sich mehrere Eltern, auch er selber, für die Umbenennung engagiert, sagt er.

Foto: Maritta Tkalec
Der in der Wissmannstraße ansässige Verein reSource e.V. zeigt seine Freude über die Umbenennung: Das Schaufenster wurde mit einem Porträt von Lucy Lameck dekoriert.

In der Bezirksverordnetenversammlung scheiterte die FDP mit einem letzten Einwand, der gleichwohl der Debatte wert ist. Lucy Lameck wirkte in einer Zeit, als in Tansania ein Einparteiensystem herrschte, gewiss kein freiheitlich-demokratisches Traumregime. Nicht ausgeschlossen, dass sich Menschen melden, die sehr schlechte Erfahrungen mit der Regierung machten, der Lucy Lameck angehörte. Wer Straßen nach Menschen benennt, wird niemals Unbefleckte finden.

In der BVV blieb der Versuch der FDP aussichtslos gegen die rot-grün-rote Mehrheit. Und in der Wissmannstraße war an diesem Nachmittag bei der nicht repräsentativen Straßenbefragung keine Gegenstimme aufzutreiben. Warum ist die Stimmung hier so anders als im afrikanischen Viertel in Mitte? Man weiß, dort wurden die Namensänderungen intransparent mit einer Geheimjury durchgedrückt, Anwohner protestierten massiv.

Matthias Klingenberg, Amtsleiter Weiterbildung und Kultur, beschreibt die Neuköllner Praxis: „Die Leute von Anfang an einbinden, keine politische Jury benennen, Leute mit Expertise heranziehen, ergebnisoffen herangehen.“ Wer die Bürgerschaft in der Namensjury vertreten wollte, konnte sich bewerben. Zum Schluss wurde aus 21 Bewerbungen ausgelost – in der siebenköpfigen Jury arbeiteten schließlich zwei Frauen und ein Mann aus der Wissmannstraße mit. Außerdem gehörten ihr an: Bernd Kessinger, Kulturwissenschaftler, und Dr. Udo Gößwald, Leiter des Neuköllner Museums, als Experten für lokale Geschichte, sowie Mnyaka Sururu Mboro vom Verein Postkolonial und Anette Heit, Programmleiterin des Oyoun (ehemals Werkstatt der Kulturen).

Foto: The National Archives UK
Lucy Lameck, links, zur Zeit der Aufnahme um 1960 Organisierende Sekretärin der Frauensektion der Tanganyika African National Union (TANU), und Victoria Kopney. Die Bildunterschrift des Fotos weist darauf hin, dass beide Frauen die „empfohlene Nationalkleidung für Frauen" tragen – nach Entwürfen von Lucy Lameck.

Ungefähr 400 Namensvorschläge waren eingegangen, die am häufigsten genannten waren für die nähere Auswahl gesetzt – 54-mal war es Lucy Lameck. Jurymitglieder durften jeweils einen zusätzlichen Vorschlag einbringen und begründen. Während einer öffentlichen Veranstaltung mit der Jury kamen auch diejenigen zu Wort, die eine Umbenennung ablehnten. Schließlich wurde der Juryvorschlag nach Besprechung im Bildungsausschuss in der Bezirksverordnetenversammlung angenommen.

Die Neuköllner Bildungsstadträtin Karin Korte freut sich, „dass wir es geschafft haben, einen sehr durchdachten und transparenten Bürgerbeteiligungsprozess zu entwickeln und zum erfolgreichen Abschluss zu bringen. Insbesondere war es mir wichtig, die Bewohnerinnen und Bewohner einzubinden und ihnen die Möglichkeit zu geben, in der Jury mitzuarbeiten."

Ali L. Altun, betreibt – wenn nicht Corona ist ­­– in der Wissmannstraße das Café und Restaurant Alte Welt Siralti, Gaststube und Biergarten. Er hat von der Umbenennung durch deren Gegner erfahren – eine Frau sei mit einer Unterschriftenliste da gewesen, um Protest einzusammeln. Herr Altun hat mitbekommen, dass in der Nachbarschaft die Stimmung „halbe-halbe“ gewesen sei. Für ihn geht die Änderung in Ordnung. „Ein schlechter Mann“ sei der Wissmann gewesen, mit dem habe man nicht weitermachen können: „Man muss humanistisch sein“, sagt er. Aber vom neuen Namen hat er eine eigene Vorstellung: „Alte Welt soll die Straße heißen.“ So wie sein Gasthaus, das es bereits seit 80 Jahren gibt. Europa, das sei für ihn die Alte Welt im Gegensatz zu Amerika, der Neuen Welt. „Alte Welt“ fände er gut als Gegenstück zu dem Bierpalast namens „Neue Welt“, die Hasenheide ein Stück weiter.

Am 23. April wird die Umbenennung vollzogen: alte Schilder offiziell ab, neue dran.