Berlin - #image0

Es gibt diese Straßenecke in Neukölln, da schneit es seit Monaten. Zuverlässig, jeden Tag von morgens halb acht bis nachmittags um vier. Gläubige Menschen könnten auf die Idee kommen, es handele sich um ein Wunder. Und selbst die Ungläubigen kommen ins Grübeln. Nicht des Schnees wegen, der ist nichts anderes als ein Abfallprodukt. Er entsteht beim Zusägen und Andübeln jener Styropor-Dämmplatten, die von Arbeitern an die gigantischen Brandwände der Häuser an der Ecke Harzer Straße/Treptower Straße montiert werden.

Doch wer die Geschichte des Häuserblocks und seiner rund 400 Bewohner kennt, weiß, dass es sich um mehr handelt als um eine energetische Sanierung. Was Betrachter und Beteiligte wundert, ist die Wandlung dieses Hauses, ihr Umfang und ihr rasendes Tempo.

Während vom Gerüst herunter der Griesel stetig auf seinen Vollbart und Mantelkragen weht, steckt Benjamin Marx sich noch eine an. Es ist Mittwoch, und Marx ist, wie jede Woche, am Vorabend aus Köln eingeflogen, um den Baufortschritt zu begutachten. Es geht voran. Die Büsche sind gerodet, die Wege gepflastert, die Fenster ausgetauscht. Benjamin Marx ist zufrieden.

Offiziell ist er nur Manager der Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft. In Wirklichkeit ist er ein Kümmerer mit einer Vision. Er will in Berlin-Neukölln ein katholisches Vorzeige-Wohnprojekt erschaffen, hier, wo vor einem Jahr noch die Ratten hausten und Kinder zwischen Bergen von Abfall spielten. In einer Berliner Boulevardzeitung wurde das Haus deshalb zum „Müllhaus“ – zum Skandal, zum Problem, zum Politikum.

Dabei ging es gar nicht um den Unrat, über den hatte sich lange niemand beschwert. Erst als im vergangenen Jahr rumänische Roma in großen Familienverbänden dort einzogen, ließ sich aus dem verwahrlosten Haus plötzlich Empörungs-Kapital schlagen: „Die Zigeuner-Problematik im Kiez“ war der fremdenfeindlichen Bürgerbewegung Pro Berlin ein drängendes Anliegen.