Absperrgitter, Bauschutt. Das Kindl-Gelände in Neukölln ist eine Baustelle. Auf dem Areal der ehemaligen Brauerei, die den Rollbergkiez 2006 verlassen hat, tut sich eine ganze Menge – und bald noch mehr, denn gibt einen weiteren Eigentümer und Bauherrn. Die Stiftung Edith Maryon aus der Schweiz hat das noch verfügbare Grundstück auf dem Gelände gekauft, eine 30.000 Quadratmeter große Fläche.

Ein Volltreffer, so heißt es aus dem Bezirk. Denn „dieser Partner ist kein Investitionshai“, sagte Neuköllns Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) am Mittwoch. Bei der Stiftung handelt es sich um eine 1990 gegründete Non-Profit-Organisation, die sich nach eigenen Angaben den gemeinnützigen Umgang mit Grund, Boden und Liegenschaften als Ziel gesetzt hat. Die Schweizer sind bereits an dreizehn Projekten in Berlin beteiligt – unter anderem haben sie den Schokoladen in der Ackerstraße gerettet.

Investition ist das falsche Wort

In Neukölln wird nun langfristig und behutsam die Entwicklung des Kindl-Geländes geplant, in enger Abstimmung mit dem Bezirk, mit Einbeziehung der Nachbarschaft.

Das Projekt trägt den Namen Vollgut. Am Mittwoch stellte die Geschäftsführerin von Vollgut, Angelika Drescher, die Pläne vor, erste Ideen zumindest. Denn, das sagen alle Beteiligten, noch befinde man sich im Anfangsstadium der Überlegungen, aber, das sagen ebenso alle, man ist guter Dinge. Alles wird gut, voll gut – so ist die Hoffnung.

Mit Giffey und Drescher war auch Christoph Langscheid, der Geschäftsführer der Stiftung Edith Maryon bei der Vorstellung der Entwicklungspläne dabei. Ihm ist eins wichtig: „Wir sprechen nicht gerne von Investitionen“, sagte Langscheid. Denn das würde dann so klingen, als ob die Stiftung das Gelände erwerben würde, um es dann, nachdem es profitabel ist, weiter zu verkaufen. Aber das sei nicht das Geschäftsmodell der gemeinnützigen Stiftung. Ihnen gehe es darum, Liegenschaften der Spekulation zu entziehen, um sie langfristig und Schritt für Schritt weiterzuentwickeln. Hier würden die Vorstellungen der beteiligten Partner übereinstimmen. Franziska Giffey überreichte Langscheid ein Übersichtsfoto von Neukölln. So, als wollte sie sagen: Schauen Sie sich bitte noch weitere Gebäude und Gelände an, der Bezirk wolle sehr gerne mit dieser Stiftung zusammenarbeiten.

Auch Alice Grindhammer vom Agora Collective war zu dem Treffen gekommen. Sie wurde als erste Mieterin vorgestellt, obwohl das eigentlich ja noch nicht stimmt. Oder besser gesagt: Noch ist nichts unterschrieben. Grindhammer erklärte dann, worum es dem Kollektiv geht: um innovative und nachhaltige Lebensformen. Was soll das sein?

Voller Enthusiasmus berichtete sie darüber, was in den Räumen der Eventhalle entstehen soll: ein „Innovations-Lab für zirkuläres Wirtschaften“. Aha. Konkret heißt das: Werkstätten für Holz, Metall und Textilien, Atelier und Tonstudios. Ein Restaurant und Galerien.

Hütten und Paläste

Und wenn alles glatt läuft, wolle man auf die Halle einen Neubau stellen, Wohnungen für Menschen, die nicht so viel Geld haben. Für ihre Idee, die sie mit dem Architektenbüro Hütten und Paläste entwickelte, sind sie vor ein paar Tagen im Rahmen des Sondervermögens Infrastruktur der wachsenden Stadt ausgezeichnet worden. Auf dem Kindl-Gelände tut sich was. Noch ist nicht alles voll gut. Noch. Voll gut soll es aber werden, das ist der Plan.

Auf dem Areal östlich der Hermannstraße haben sich schon viele Nutzer niedergelassen. Dazu zählen das Kindl-Zentrum für zeitgenössische Kunst, das Schwulenzentrum SchwuZ, eine Kartrennbahn, in den einstigen Verwaltungsgebäuden gibt es Büros und Tagungsräume.

Andere Neubauten entstehen derzeit, beispielsweise die 119 Eigentumswohnungen des Projektentwicklers Ziegert. Sie sind bereits verkauft, „zu Dreiviertel an Neuköllner“, freute sich Giffey. Doch sie wirkte auch erstaunt. Denn für die Wohnungen werden bis zu 3900 Euro pro Quadratmeter verlangt.