Berlin - Das Berliner Gesundheitssystem krankt. Vor allem Krankenhäuser, die nun in Corona-Zeiten immer mehr an die Grenzen ihrer Kapazitäten geraten. Wie sehr, zeigt der Vorfall am Vivantes-Klinikum Neukölln, das am Montagabend selber zum Notfallpatienten wurde. Um 22.06 Uhr musste das Krankenhaus die Berliner Feuerwehr um Amtshilfe bitten. Wenige Minuten später standen die Feuerwehr-Rettungswagen vor der Klinik. Neun Patienten aus der Neuköllner Rettungsstelle wurden in andere Krankenhäuser gebracht, damit sie dort weiter versorgt werden können, sagte Feuerwehr-Sprecher Björn Radünz der Berliner Zeitung. „Man erklärte uns, dass die Notaufnahme in Neukölln überlastet war.“

Das bestätigt auch Vivantes. „Aufgrund von erhöhtem Patientenaufkommen in der Rettungsstelle hat die Berliner Feuerwehr uns bei der Verlegung von neun Patienten ins umliegende Stadtgebiet unterstützt“, sagt Sprecherin Mischa Moriceau. „Um die Rettungsstelle weiter offen zu halten, hat sich die Klinikleitung für diese Maßnahme zur temporären Entlastung entschieden.“ Bei den verlegten Patienten soll es sich um „überwiegend internistische Fälle“ gehandelt haben. „Ihre Versorgung war stets gewährleistet.“ Mehr wollte der Vivantes-Konzern dazu nicht mitteilen.

Dass eine Klinik mit Hilfe der Feuerwehr Patienten aus der Notaufnahme in eine andere Rettungsstelle verlegen muss, sei kein Einzelfall. Das hätte es auch vor der Corona-Pandemie gegeben. „Solche Amtshilfeersuchen kamen in der Vergangenheit schon öfter vor, allerdings nicht immer in so einer Größenordnung“, sagt Sprecher Radünz.

Mit dem Vorfall am Vivantes-Klinikum Neukölln kommt nun auch wieder ein großes Problem in der medizinischen Notfallversorgung der Hauptstadt zutage. Von den 60 Berliner Krankenhäusern haben nur 38 Kliniken Rettungsstellen. Seit Jahren ist dem Senat bekannt, dass diese hoffnungslos überlaufen sind. Patienten, wenn sie kein akuter Fall sind, müssen dort stundenlang warten, bis sie untersucht werden.  Jährlich sind es etwa 1,3 Millionen Menschen, die diese Notaufnahmen in den Krankenhäusern aufsuchen. Nicht alle sind echte Notfälle, die in der Klinik bleiben müssen. Dies träfe, laut Senatsangaben, nur bei 70 Prozent der Fälle zu. Alle anderen würden die Rettungsstellen vor allem abends oder an den Wochenenden häufig aufsuchen, wenn normale Arztpraxen geschlossen sind.

Um diesen Trend zu stoppen, wurde vor einem Jahr in Berlin ein spezielles Patientenleitsystem bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) eingerichtet. Wer sich krank fühlt oder Schmerzen hat, kann unter der Rufnummer 116 117 täglich rund um die Uhr in der Berliner KV-Leitstelle ein Expertenteam erreichen, das anhand eines medizinischen Computer-Ersteinschätzungsverfahrens abklärt, ob der Betreffende normale ärztliche Hilfe benötigt, in einer der elf KV-Notfallpraxen oder in die Rettungsstelle eines Krankenhauses muss.

Etwa 167.000 Anrufe wurden bisher in der KV-Leitstelle bearbeitet. Über 50.000 Anrufer wurden an Beratungsärzte weitergeleitet. Bei drei Viertel der Anrufer konnten Probleme telefonisch geklärt werden. Eine Empfehlung in eine Notversorgung musste nicht erfolgen, heißt es bei der KV. Wer nicht anruft, nutze auch immer mehr die Notdienstpraxen der KV. Doch offensichtlich reicht dies nicht aus, um die Rettungsstellen der Kliniken zu entlasten.

Rettungsstelle Neukölln: 80.000 Notfälle im Jahr

Die Neuköllner Vivantes-Notaufnahme gehört zu den am meisten angelaufenen in Berlin. „Dort werden inzwischen jährlich rund 80.000 Notfälle versorgt“, sagt Sprecherin Moriceau. Ursprünglich war die Rettungsstelle für 25.000 Patienten geplant. Der Erweiterungsbau mit neuer Rettungsstelle, einem  OP-Trakt mit etwa 270 Betten sowie einem Hubschrauberlandeplatz wird gerade gebaut, er soll 2024 fertig sein.

Die Lage in den Notaufnahmen verschärft sich, weil nun durch Corona die Krankenhäuser insgesamt stark ausgelastet sind. Allerdings hätte man in Neukölln die neun Patienten aus der Rettungsstelle nicht in andere Kliniken verlegen müssen, weil etwa Plätze für Covid-19-Patienten freigehalten werden mussten. Nach Informationen dieser Zeitung waren am Montag von den 1200 Betten nur 57 Prozent belegt. Dass Kliniken und deren Notaufnahmen in Corona-Zeiten am Rande der Kapazitäten laufen, liege auch am Mangel „an intensivmedizinisch geschulten Pflegekräften“, so eine Sprecherin der Berliner Krankenhausgesellschaft.