Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinWarum sollte jemand dorthin zurückgehen, von wo er einst unbedingt weg wollte? Warum sollte sich jemand dem Menschen nähern wollen, der ihn verfolgt hat, der versucht hat, ihn zurückzubringen. Der ihm Angst einjagte mit den Worten: Du schaffst das nicht. Warum sollte jemand das tun, auch wenn diese Rückkehr nur in Form einer Filmrolle passiert? „Ich wollte diese Rolle unbedingt“, sagt Jeff Wilbusch.

Wir treffen uns in unser beider Nachbarschaft: Neukölln. Jeff Wilbusch wohnt seit zweieinhalb Jahren hier. „Ich liebe Neukölln“, hat er schon am Telefon gesagt. Er wartet auf einem Findling am Ende der Weichselbrücke, trägt einen Fellmantel, der einem viel zu warm vorkommt für diesen fast schon sommerlichen Frühlingstag. Wir sind zum Spazierengehen verabredet, Jeff Wilbusch schlägt den Weg am Landwehrkanal ein, auf der Treptower Seite, dort, wo jetzt die japanischen Kirschbäume blühen. „So schön, so herrlich“, sagt er.

Die Rolle, die er unbedingt wollte, ist die des Moshe in der Miniserie „Unorthodox“, die zurzeit auf Netflix läuft. Sie beruht auf dem gleichnamigen Bestseller von Deborah Feldman, in dem sie beschreibt, wie sie als junge Frau aus ihrer ultraorthodoxen Gemeinde im New Yorker Stadtteil Williamsburg flieht. Aber das wusste Jeff Wilbusch zunächst nicht.

Es gebe da ein Filmprojekt, hatte seine Agentin ihm gesagt. Man suche einen Schauspieler, der Jiddisch spricht. Sie hätten ihn in „The Little Drummer Girl“ gesehen, da spielt er einen smarten deutschen Terroristen, der gegen den israelischen Geheimdienst arbeitet, den Mossad. Vielleicht könne er Jiddisch lernen, meinten sie zu ihm, als er sich vorstellte. „Ich kann wirklich Jiddisch“, habe er geantwortet. Und irgendwann sagte er: „Die Geschichte, die ihr erzählen wollt, ist so ziemlich meine Geschichte.“ Aus dem kurzen Kennenlernen wurden dann fünf Stunden. Es war gerade Chanukka-Fest, sie luden ihn ein, er sollte die zweite Kerze anzünden. „Und ich dachte: Scheiße! Ich weiß nicht mehr, was man dazu betet, dabei habe ich gerade erzählt, dass ich aus der Gemeinde bin.“

Seine Gemeinde. Das war nicht Williamsburg, New York, sondern Mea Shearim, Jerusalem. Aber so wenig wie Williamsburg in den USA liegt, lieg Mea Shearim in Israel. Die ultraorthodoxen Juden haben hier wie dort ihre eigene, abgeschottete Welt geschaffen, in der strenge Gesetze gelten. Die Frauen tragen Perücken oder Kopftücher auf den kahlgeschorenen Köpfen, oder beides, die Männer lange Mäntel, schwarze Hüte und Pejes, Schläfenlocken. Jeff Wilbuschs Eltern waren nicht hineingeboren worden in diese Welt, sie hatten sich für dieses Leben entschieden. Er lernte die Sprache der Ultraorthodoxen, die er die Sprache seiner Kindheit nennt, in der Schule, zu Hause sprachen sie Hebräisch, das Jiddisch der Eltern war nicht gut. Ein großes Maul habe er gehabt. „Ich wollte alles wissen, alles lernen.“ Mit anderen Worten: Er passte nicht dorthin.

Am Kiosk an der Glogauer Brücke kauft er sich einen Kaffee. Er könne sowieso nicht schlafen, sagt er. Seit den Dreharbeiten nicht mehr, auch wenn sie nun fast ein Jahr zurückliegen. Es war wohl keine einfache Zeitreise. Jeff Wilbusch spricht von einer Tür, die wieder aufgegangen ist. Er habe so viel vergessen gehabt. „Es war schon sehr krass.“

Jeff Wilbusch (l.) als Moishe in der Netflix-Serie "Unorthodox".
Foto: Netflix/Anika Molnar

Sein Moishe, der dem Ehemann helfen soll, in Berlin seine entflohene Frau zu finden, ist ein Spieler, der in der Welt der Ultraorthodoxen so wenig leben kann wie ohne sie. Ein Getriebener, ein Verlorener, immer eine Zigarette in der Hand. Das rituelle Wippen während des Gebets wirkt bei ihm wie ein Ausdruck seiner inneren Ruhelosigkeit. „Moishe kann nicht zurück und nicht nach vorne“, sagt Jeff Wilbusch. Bei sich ist er vielleicht nur in dem Moment, in dem er an der Museumsinsel nackt und weiß in die Spree springt und sich auf dem Wasser treiben lässt. Jeff Wilbusch schafft es, dass sein Moishe einen anwidert und dass man zugleich Verständnis für ihn hat,  sogar seinen Schmerz fühlt.

Wie man sein muss, dass man es schafft, mit 13 seine Familie zu verlassen? „Ich sah sehr klein und sehr jung aus“, sagt Jeff Wilbusch. Eine Antwort, die nichts erklärt, sondern das Ganze noch unmöglicher erscheinen lässt. „Ich weiß nicht, ob man mutig sein muss, oder einfach verrückt. Weil, ich meine, das ist deine Welt.“ Am Bouleplatz setzen wir uns in die Sonne, den Fellmantel behält er an. Die Rolle eines Ausbrechers hätte er nicht gespielt, sagt er. Zu nah. Er brauche Distanz, auch in anderen Rollen.

Seine liebste sei die des Rovo gewesen, aus „Jagdszenen aus Niederbayern“ an den Münchner Kammerspielen, ein geistig behinderter Dorftrottel. Jemand, der ganz anders spricht, sich anders bewegt als er selbst, der einfach anders ist. Trotzdem habe er sich in ihm gefunden. Jetzt sucht er nach einem Satz von Max Reinhardt. „Er hieß eigentlich Max Goldmann, aber das war zu jüdisch“, sagt er schnell. Sinngemäß gehe der Satz so: Als Schauspieler verwandelt man sich in andere Menschen, um am Ende sich selbst zu entdecken. „Ich hatte vergessen, dass ich auch mal ein Rovo war. Der uncoolste Junge an der Schule. Niemand wollte mit mir reden, ich hatte keine Freunde.“ Die Zeit, von der er spricht, war die Zeit nach seiner Flucht. Er lebte bei Familienangehörigen in Haifa. 19 Jahre ist das her, heute ist er 32.

Wie kommt jemand wie Isroel Iftach Wilbuschewitz – so hieß er, bevor er seinen Namen änderte – darauf, Schauspieler zu werden? Er sei lange nicht auf diese Idee gekommen. Als Kind habe er nicht mal gewusst, was das ist, ein Schauspieler. „Man weiß es einfach nicht.“ Es gab keine Filme, kein Fernsehen. Als er dann weg war und es zum ersten Mal hieß, wir gehen ins Kino, wusste er nicht was das ist. „Ich kannte den Begriff nicht.“ Sein erster Film? „Billy Elliot.“ Ausgerechnet.

Er hat dann Wirtschaft studiert in Amsterdam. Geld sei immer ein großes Thema gewesen. „Ich hatte keins.“ Er hat Gitarre gespielt in einer Band, hat Musik für eine Performance gemacht, fühlte sich hingezogen zu dieser Welt. Vielleicht schreckt einer mit seiner Geschichte vor nichts zurück: Er konnte jedenfalls kein Wort Deutsch damals, als er die Aufnahmeprüfung an der Falckenberg-Schule in München machte. Eine Schweizer Mitarbeiterin des Goethe-Instituts in Israel half ihm beim Einstudieren der Rollen. Er habe kein Bühnenverständnis, kein Formbewusstsein, habe es geheißen. „Alle anderen waren ja schon in der Theater-AG.“ Genommen haben sie ihn trotzdem.

Noch während der Ausbildung wurde er an den Münchner Kammerspielen engagiert, danach war er am Residenztheater, Film- und Fernsehrollen folgten, zum Beispiel in „Bad Banks“. In Berlin kann man ihn am Gorki-Theater in „A Walk on the Dark Side sehen“. Ob er religiös sei? „Gar nicht.“ Jude? „Ja.“ Mit deutschen Vorfahren. Sie haben sich nach Palästina gerettet, als die Nazis an die Macht kamen, bis auf einen. Seinen Ururgroßvater Moritz Grünebaum aus Oberursel haben sie in Auschwitz ermordet. „Diese Geschichte hat mir gezeigt: Wir sind Juden, egal wie assimiliert wir sind.“ In Deutschland fühle er sich mehr als Jude als in Israel. „Vielleicht, weil man der Einzige ist, der weiß, wann Pessach ist.“

Warum er Neukölln so liebt? Er zeigt auf die Bäume mit den zarten hellgrünen Blättern, die Boulespieler. „Herrlich.“ Dass das die Kreuzberger Seite des Kanals ist, ist egal. In seinem Kopf gehöre das dazu. Er lacht. Dann ruft er: „Wir Neuköllner werden das Land noch zurückkriegen, das uns gehört.“ Aber im Ernst. „Frisches Brot, Naher Osten. Ich liebe es, Arabisch zu hören. Ich gehe aus dem Haus und fühl mich gut.“ Auch Deborah Feldman ist nach ihrer Flucht in Neukölln gelandet. Nur bekam sie irgendwann das Gefühl, sie müsse verstecken, dass sie und ihr Sohn Juden seien.

„Ich hab natürlich keine Kinder“, sagt Jeff Wilbusch. Hebräisch spreche er laut, und es passiere nichts. Aber klar, wenn sein Bruder käme mit den Pejes, den Schläfenlocken ... Den Satz beendet er nicht. Stattdessen sagt er: „Er kommt sowieso nicht. Wo soll er hier koscher essen? Es ist kompliziert.“ Jedenfalls hat er wieder Kontakt zu seiner Familie, zu den Geschwistern, 14 sind es mittlerweile. Es hat viele Jahre gedauert. Dass die Eltern nun mit den jüngeren Kindern in Manchester leben, ebenfalls in einer orthodoxen Gemeinde, hat er erst lange nach dem Umzug erfahren.

Zur Admiralsbrücke möchte er dann noch, um des weiten Blicks willen. Er zeigt auf ein Kanu auf dem Wasser. „So was will ich auch mal.“ Das Telefon klingelt. Eine Produzentin aus England ist dran. Konkret planen könne man nicht, aber man wolle sich kennenlernen, sagt er. Harte Zeiten für einen Schauspieler? „Ich wünsche mir nur, dass alle gesund bleiben.“ In den ultraorthodoxen Gemeinden stürben jetzt viele. „Die Informationen kommen zu spät, sie haben kein Internet, keinen Glauben an die Ärzte.“ Das tut ihm weh.

Wir sind schon auf dem Rückweg, als Jeff Wilbusch nach Worten sucht: Geblieben sei ihm das Gefühl, dass morgen jemand kommen kann, der sagt: Alles hier ist nur ein Kult, eigentlich gibt es noch eine ganz andere Welt. So hat es ja selbst erlebt. Und nun ist er nirgendwo der Fisch im Wasser, nirgendwo in seinem natürlichen Habitat, immer Beobachter. „Ich bin alles und gar nix.“ Für einen Schauspieler ist das vielleicht gar keine schlechte Voraussetzung.