Neuköllner Kulturamtsleiterin pensioniert: Eine Gärtnerin verabschiedet sich

Berlin - Kein Berliner Bezirk lebt mit solchen Kontrasten wie Neukölln. Kein Berliner Bezirk hat in den vergangenen 31 Jahren eine so erfolgreiche wie dynamische Kulturpolitik gehabt wie Neukölln. Genauer gesagt: Keiner hatte eine Kulturamtschefin wie Dorothea Kolland.

Am Donnerstagabend wurde Kolland von Kollegen, Freunden, Mitstreitern und Bewunderern im Saalbau Neukölln mit einer gigantischen türkischen Stapel- und Schicht-Torte verabschiedet. Sie wird im November 65 und geht dann in Pension. Aber sie hat so viele Überstunden angesammelt, dass sie sich schon jetzt verabschieden muss.

Gefeiert wurde ausgerechnet in jenem Saalbau, der das erste Sorgenkind von Kolland war. Im Herbst 1981 war sie aus Franken nach West-Berlin gekommen, um das Neuköllner Kulturamt zu übernehmen. Die neue Leiterin hatte sofort gefordert, dass der Saalbau, den die Stadt über Jahrzehnte hatte verfallen lassen und der kurz vorm Abriss stand, gefälligst restauriert werden soll.

Zum ersten Mal kam bereits damals das später berühmt-berüchtigte Netzwerk Kollands in Aktion. Freunde, Bekannte, Kollegen, Interessenten, Interessierte und Betroffene bauten politischen Druck auf. Schließlich wurde das Geld bereitgestellt – und der Saalbau binnen kürzester Zeit zu einer kulturellen Instanz. Mehr als 150 Kunstausstellungen haben hier inzwischen stattgefunden, ungezählt die Lesungen, Debatten- und Streitgespräche, Theater- und Musikveranstaltungen, Feste.

Erfolgreiche Politik der „Kultur für alle“

In Kollands Amtszeit hat sich viel getan. Das Museum Neukölln, eine verschlafene Institution, wurde so aktiv, dass es 1987 den Museumspreis des Europarats erhielt. Die Galerie im Körnerpark wurde zu einer bundesweit wahrgenommenen Adresse für Avantgarde-Kunst, mehr als 170 Ausstellungen fanden bisher dort statt. Das erste Straßenfest mit Einwanderern wurde von ihr mitinitiiert – es war der Vorgänger des legendären Karnevals der Kulturen. Die Neuköllner Oper spannte den Bogen zwischen Alternativ- und offizieller Kultur.

Das Festival „48 Stunden Neukölln“ ist bis heute ein Hit. Kaum jemand also, der in Neukölln ein wenig Geld hat und nicht zum Sponsor wurde. Und wie kreativ nutzte sie erst die vielen Möglichkeiten der Arbeitsmarktförderung. Sie verstand es, arbeitslosen Künstlern dadurch ein wenig Geld zu verschaffen. Gleichzeitig erschienen Aufsätze, Bücher, Beiträge, die ihre Kulturpolitik theoretisch untermauerten. Ach so: Zwei Kinder hat Dorothea Kolland auch noch großgezogen.

Es ist der Erfolg einer Politik der „Kultur für alle“, der „Dezentralen Kulturarbeit“ und jenes Multi-Kulti-Gedankens, der in den 1980er-Jahren noch nicht zum Schimpfwort gemacht worden war. Die Bürger selbst und die sogenannte Alternativkultur sollten neben den traditionellen Kulturinstitutionen gefördert werden.

Krista Tebbe im Kunstamt Kreuzberg, Rainer Güntzer als Museumsreferent beim Kultursenator oder eben Dorothea Kolland waren in West-Berlin Haupt-Protagonisten dieser internationalen Bewegung. Anstrengend waren sie für die Politiker, nervig im Anspruch, dass Kultur sich nicht im schönen Glanz erschöpfen darf, kritisch sein muss. Kolland hat erkannt, was in Neukölln steckt und hat das hervorgeholt. Dabei ist sie durchaus anstrengend. Immer erkundigte sie sich, wenn für die Künstler mal Geld da ist: Wie sieht’s aus, was habt ihr für Konzepte? Es gibt Erzählungen über bohrende Nachfragen, die an die Inquisition erinnerten. Ihre Kritiker nennen sie eine giftige Spinne im Netz, weil sie enormen Druck aufbauen kann.

Aber alle bewundern sie für ihr enormes Wissen, dafür, dass sie jeden kennt, der in der Kultur Neuköllns mitreden will, dass sie genau weiß, welche Hebel sie wo ansetzen muss, um ihre Ziele zu erreichen. Martin Steffens von „48 Stunden Neukölln“ spricht von der Gärtnerin, die mal hier gießt, mal dort zurück schneidet. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung war Kolland nüchterner: „Man muss sich ein gutes, verlässliches Netz von Leuten schaffen, und man muss immer kritisch auch in Sachen Qualität bleiben.“ Ach so, und noch eins gibt es: „Nie jemandem nach dem Mund reden.“