Neues Refugium in Neukölln: Hanna Burckhardt und Robert Shaw vom Prinzessinnengarten-Kollektiv.
Foto: Markus Wächter/Berliner Zeitung

BerlinEin Radieschen direkt aus dem Beet, der Plausch mit der Gießkanne in der Hand, eine Nase voll Blütenduft: Gärtnern macht froh, besonders in komplizierten Zeiten wie diesen. Und zwar nicht nur Eigenheimbesitzer, die gerade ihre Gärten neu entdecken, sondern auch Menschen, die in Wohnungen wohnen. Der Pandemiealltag treibt sie nach draußen, in Grünflächen und Parks oder in einen der ungefähr 200 urbanen Gemeinschaftsgärten Berlins.

"Es haben uns auffallend viele Anfragen erreicht per Mail oder auch persönlich vor Ort, in denen Leute wissen wollten: Können wir hier mitmachen?“ Das erzählt Hanna Burckhardt vom Prinzessinnengarten-Kollektiv Berlin, vielleicht der bekanntesten Gemeinschaftsgartengruppe der Stadt. „Die Menschen haben ein ganz großes Bedürfnis, im Freien aktiv zu sein.“ Wir sitzen beim Café des Projekts an der Hermannstraße in Neukölln, vor uns liegt der weitläufige Neue St. Jacobi Friedhof. Zwischen alten Bäumen und längst stillgelegten efeuumrankten Gräbern sonnen sich Anwohner, spielen mit ihren Kindern – oder beschäftigen sich weiter hinten an den Hochbeeten oder dem Gemüseacker, wo neben Salat und frisch gesetzten Kartoffeln der flammend rote Gründünger-Klee blüht. Die Prinzessinnengarten-Gruppe, deren korrekter Name übrigens nomadisch Grün gGmbH lautet, zog nach zehn Jahren am Kreuzberger Moritzplatz hierher.

Tomaten, Salat, Radieschen, was darf's sein? Immer mehr Städter möchten sich aus dem eigenen Beet bedienen.
Foto: Markus Wächter/Berliner Zeitung

Robert Shaw, Prinzessinnengärtner der ersten Stunde, erklärt, warum: „Urbane Gärten haben, seit wir vor 10 Jahren am Moritzplatz angefangen haben, immer dieses Problem mit Planungssicherheit. Wie lange können wir wo bleiben? Da wird viel Arbeit investiert, da fließt viel Herzblut rein, viel unbezahlte Arbeit, und man möchte, dass der Garten bleiben kann. Es gibt diese Planungssicherheit bislang für urbane Gärten nicht, auch wenn viele Versuche unternommen wurden. Daher haben wir versucht, unseren eigenen Weg zu gehen und sind auf diese Friedhofsflächen gestoßen.“

Die Idee, neben alten Grabsteinen zu gärtnern, mag seltsam erscheinen, ist aber ausgesprochen gut: Denn immer mehr Menschen entscheiden sich für Urnenbestattungen, daher gibt es immer mehr ungenutzte, gleichwohl pflegebedürftige Friedhöfe. „Wir pflegen den Friedhof, also auch die Gräber, mähen den Rasen, so spart der Friedhofsverband die Kosten“, erzählt Robert Shaw. Im Gegenzug darf auf Teilen des Friedhofs für eine niedrige Pacht gemeinschaftlich Gemüse angebaut werden, dürfen Schulklassen Obstbäume pflanzen und lernen, wie eine Möhre wächst.

Der Besitzer, der Evangelische Friedhofsverband Berlin Mitte, ist zufrieden, der Senat unterstützt das Projekt, die Stiftung Naturschutz Berlin schickt junge Leute fürs freiwillige ökologische Jahr zum Prinzessinnengarten, fast alle Neuköllner Behörden freuen sich. Allein der Umweltstadtrat des Bezirks, Bernward Eberenz, ist anderer Meinung. Er fordert den Rückbau des Gemüseackers und einer Toilette. Bei Nichtbefolgung drohen hohe Strafzahlungen, ja womöglich das Ende des Projekts. Nicht nur Robert Shaw findet es bizarr, eine „Komposttoilette von 0,98 Quadratmeter Grundfläche als illegales naturschädigendes Gebäude anzumelden“, oder dass auf stillgelegten Friedhofsflächen kein Bio-Mangold wachsen soll, wie der CDU-Mann meint.

Aber das macht die Lage nicht weniger ernst, im Gegenteil: „Selbst wenn wir jetzt mit hohem Aufwand gerichtlich vorgehen und gewinnen würden, ist ja zu erwarten, dass in drei Monaten die nächste Rückbauanordnung kommt. Und dann noch eine. Das sind Bedingungen, unter denen wir eigentlich nicht arbeiten können.“ Im Moment wehrt sich das Kollektiv mit einer Petition gegen die Forderung. Es ist zu hoffen, dass ein Garten, den die Humboldt-Universität gerade ins Forschungsprojekt Edible City Network über vorbildlichen urbanen Lebensmittelanbau aufgenommen hat, nicht an den Vorbehalten eines Bezirkspolitikers scheitert.

So aberwitzig die Situation scheint, so typisch ist sie für die Lage vieler Gemeinschaftsgärten: Einerseits werden sie geliebt, eifrig genutzt, erforscht, öffentlich gelobt und gefördert, viele Berliner halten sie für einen selbstverständlichen Bestandteil der Stadt, dabei ist ihre Zukunft höchst ungewiss. Prinzessinnengärtnerin Hanna Burckardt sagt es so: „Ich weiß nicht, ob das ein zu starkes Wort ist, aber ich finde auch das absurd. Auf der einen Seite wurde in den letzten zehn Jahren dieser Urban-Gardening-Hype von den Städten und Kommunen mitgetragen. Googelt man Prinzessinnengärten oder Gärten Berlin, landet man ganz schnell bei Visit Berlin, wo der Prinzessinnengarten einen Eintrag hat. Auf der anderen Seite sieht man eben zum Beispiel beim Prinzessinnengarten, beim Himmelbeet oder bei kleineren Projekten wie in Neukölln der Prachttomate, wie prekär die Flächenfrage ist.“

Der Senat bekennt sich in Werbekampagnen, Absichtserklärungen und Fördermitteln zum gemeinschaftlichen Gemüseanbau. Aber was nützten gute Worte und Geld, meint Hanna Burckhardt, „wenn du keine Fläche hast, auf der du dir langfristig einen Wasseranschluss hinlegen kannst mit dem Geld, das du vom Senat bekommen hast?“

In Berliner Gemeinschaftsgärten wie „Prinzessinnengärten“, „Himmelbeet“ oder „Prachttomate“ lernen auch ganze Schulklassen, wie die Möhre wächst.
Foto: Markus Wächter/Berliner Zeitung

Dem Gemeinschaftsgarten Prachttomate droht Bebauung mit Eigentumswohnungen. Das Himmelbeet im Wedding soll einer unter anderem von der Oliver-Kahn-Stiftung geförderten Sportanlage weichen. Die zweifellos wünschenswerte soziale Einrichtung des Vereins Amandla eduFootball verdrängt ein tief im Kiez verwurzeltes Gartenprojekt. Es liegt am Leopoldplatz, eine üppig grüne Oase zwischen der lauten Schulstraße und hohen Häusern. Jede Ecke der etwa 1700 m² ist genutzt, fast überall stehen Hochbeete, zwischen Salat, Kräutern, Kohl, jungen Tomatenpflanzen, und knallorange blühenden Ringelblumen reifen schon im Mai die ersten Erdbeeren. Es gibt ein Café, einen Pizzaofen, ja Holzpfosten für eine Kinoleinwand. Jetzt, in Zeiten von Abstandsregeln, steuert eine Leine mit bunten Wäscheklammern den Einlass. 

Das Himmelbeet kooperiert eng mit der Lebenshilfe Berlin, Nachbarn oder Kinder aus der Kita gegenüber pflegen in Pachtbeeten ihr eigenes Gemüse, Gemeinschaftsbeete laden Neulinge zum Mitmachen ein. Auch dieser Garten ist vielfach preisgekrönt, das Instituts für Ökologische Wirtschaftsforschung nahm ihn in ein Projekt auf, das aus Paletten gezimmerte Cafégebäude ist so schön, dass es den Deutschen Architektenpreis gewann. Die Nachbarschaft, der Senat, der Bezirk, die Kooperationspartner, Umweltorganisationen, ja selbst die UN, die dem Garten den Titel „Ausgezeichnetes Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt“ verlieh, wollen, dass das Himmelbeet eine Zukunft hat.

Dennoch lebt der Garten seit 2016 mit der drohenden Schließung, erzählt Marion De Simone vom Himmelbeet: „Wir wissen nicht, wo wir 2021 sein werden. Wir können weder einen potentiellen Umzug planen, noch hier viel investieren. Es ist ein zwiespältiges Gefühl und kostet eine Menge Energie, die wir lieber in unsere Arbeit stecken würden. Auch für die Motivation kann es manchmal schwer sein, immer in dieser Ungewissheit zu stecken.“ Andere Projekte hätten vielleicht längst aufgegeben.

Nach Jahren langwieriger Gespräche mit dem Bezirk ist nur so viel sicher: Am 31. Oktober soll die Fläche am Leopoldplatz geräumt werden. Als Alternative ist der Mettmannplatz im Gespräch, eine gute Lösung, findet die Gartengruppe: „Von hier sind es zehn Minuten zu Fuß, gar nicht so weit weg. Deswegen würden wir uns auch freuen, dort hinzugehen. Wir wollen in unserem Kiez bleiben. Wir sind ein Gemeinschaftsgarten, aber auch vor allem ein Kiezgarten, und es würde für uns keinen Sinn machen, ganz woanders hin zu gehen und alle unsere Akteure und Partnerschaften zu verlieren.“ Am Mettmannplatz ist wegen einer Baustelle der Deutschen Bahn allerdings nicht absehbar, wann das Areal tatsächlich bezugsfertig ist. Oder ob es im Zweifel Alterativen gäbe.

Neben einer gewissen Behäbigkeit der Verwaltungs- und Planungsprozesse liegt das am enorm gestiegenen Flächendruck in Berlin. De Simone, die übrigens selbst Stadt- und Regionalplanung studiert, sieht es so: „Als viele urbane Gärten entstanden, gab es sehr viele Brachflächen in Berlin. Die Gärten waren zunächst als Zwischennutzungen gedacht. Daraus muss man jetzt rauskommen, einfach weil in der Stadt langsam keine Zwischennutzungen mehr möglich sind, weil alle Flächen vergeben sind.“ Mit anderen Worten: Urbane Gärten brauchen einen anderen Status und Planungssicherheit.

Der Prinzessinnengarten oder das Himmelbeet ermöglichen es Menschen ohne Eigenheim- oder Dachgarten, zu säen und zu ernten, beide bieten Umweltbildung, Begegnung, soziale Vernetzung und Beratung. Beide sind gemeinnützige GmbHs, beide erwirtschaften mit Gartenbauangeboten einen Teil ihrer Einkünfte, gestalten gemeinschaftlich nutzbares Grün für Schulen, soziale Einrichtungen,  Firmen. Natürlich möchten Kommunen, dass eine Fläche langfristig gut versorgt ist. Aber Projekte wie diese, wie auch viele kleinere Berliner Gemeinschaftsgärten, zeigen seit Jahren, dass sie etwas ganz anderes sind als temporäre Öko-Spielwiesen.

Berlin, das wurde in den letzten Wochen deutlicher als je zuvor, brauchen nicht weniger, sondern mehr solcher Gärten. Sie stabilisieren Umwelt und Klima, Nachbarschaften und Nerven im kontinuierlich wachsenden, immer engeren urbanen Raum. Denn, wie Hanna Burckhardt vom Prinzessinnengarten es sagt: „Die Leute wollen einfach raus und das Gefühl haben, dort auch was Sinnvolles zu tun.“ Eine Stadt sollte das ermöglichen. Auch wenn es zum Umdenken zwingt, den einen oder anderen Investorenwunsch frustriert und womöglich dazu führt, dass auf verwaisten Friedhöfen Mangold wächst und Obstbäume blühen.