Am Mittwoch wurde Martin Hikel zum Bezirksbürgermeister von Neukölln gewählt. Außerhalb des Bezirks kennt den Mann bisher kaum jemand. Ist er eine neue Franziska Giffey? Ein Typ wie Heinz Buschkowsky? Wir treffen Martin Hikel in seinem neuen Büro. Gerade sind Handwerker vor Ort, schrauben ein Namensschild an die Tür und messen, ob ihr neuer Chef überhaupt durchpasst. Denn er ist 2,08 Meter groß.

Herr Hikel, wie hat ihr erster Tag als Bürgermeister von Neukölln begonnen?

Der Wecker klingelte um 6.45 Uhr. Das ist eine Stunde später als ich sonst aufstehen musste, um rechtzeitig zum Unterricht in die John-F.-Kennedy-Schule zu kommen. Dann war nur noch frisch machen, etwas essen und schon bin ich hier für die ersten Interviews.

Wir wollen wissen, wer sie sind.

Das kann ich verstehen.

Warum wollten Sie Bürgermeister werden? Sie sind erst seit zwei Jahren Lehrer. War Ihnen in der Schule schon langweilig?

Mit Referendariat sind es vier Jahre gewesen. Langweilig war es überhaupt nicht. Ich bin Lehrer geworden, weil ich gestalten wollte. Jeder Schüler kann von mindestens einem Lehrer berichten, der ihn sehr geprägt und begeistert hat. Ich wollte so ein Lehrer sein. Mit dem gleichen Ziel, zu gestalten und etwas zu bewegen, habe ich mich dann seit 2005 in der SPD engagiert . Das ist über ein Drittel meines Lebens. Es geht mir immer um die Frage, wie kann ich etwas umsetzen, wie kann ich konkret das Leben für die Menschen besser machen? Das Amt des Bezirksbürgermeisters von Neukölln, in dem Bezirk, in dem ich groß geworden bin, ist natürlich eine besondere Ehre.

Sie wollen ihre Heimat gestalten, nicht ihre Karriere?

Wer Karriere machen will, sollte Betriebswirtschaft oder Volkswirtschaft studieren und in ein Unternehmen gehen. Politik will etwas verändern. Wenn man sich ohne Idee für Veränderung wählen lässt, wird man scheitern. Das merken die Leute doch sofort.

Was muss denn in Neukölln verbessert werden?

Das erste, worauf ich immer wieder angesprochen werde, ist der öffentliche Raum. Wie sieht es aus, wenn ich vor die Tür gehe?

Wie sieht es denn da aus?

Es liegt viel Müll herum. Nun kann ich mir denken, irgendwann kommt schon die BSR und schafft das weg. Es geht aber um mehr. Wir wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es so nicht bleiben kann. Die Leute müssen gefordert werden.

Sie sollen nicht mehr alles einfach rausschmeißen, Kippen auf die Straße, Kaugummis auf den Gehweg spucken?

Zum Beispiel. Es geht aber auch um Leute, die mit ihrem Sperrmüll in die Grünecken fahren und da ihren Müll abkippen, Matratzen, Schränke, ganze Hausstände. Und leider sind das nicht nur Privatpersonen, manchmal auch Unternehmen. Und das geht auf Kosten der Allgemeinheit. Das können wir als Gesellschaft nicht tolerieren. Wir haben dafür die Ordnungsamtsapp erfunden. Jeder kann mit dem Smartphone Fotos vom Müll machen und die ans Ordnungsamt schicken.

Das setzen Sie fort wie auch die Müllsheriffs?

Ja, auch dieses Projekt geht weiter. Die Müllsherriffs sind ab 22 Uhr im Auftrag des Bezirks unterwegs. Das langfristige Ziel ist natürlich, das Ordnungsamt besser auszustatten. Wir haben nur 48 Leute des Ordnungsamts im Außendienst.

Sie haben keine Angst vor einer Blockwartmentalität?

Unsinn, die Leute sollen sich ja nicht gegenseitig bespitzeln. Wir haben plötzlich 2000 Augen und erfahren auf diese Weise, wo die Schwerpunkte bei der illegalen Müllentsorgung liegen. Es bewirkt auch, dass sich die Leute mehr mit ihrem Kiez identifizieren und kümmern. Die Neuköllner leben ja gerne in Neukölln und sind stolz auf den Bezirk. Neukölln ist mit 330.000 Einwohnern eine echte Metropole und sehr vielfältig.

Sie wollen viel fortsetzen. Sind Sie eine neue Franziska Giffey?

Ich bin erstmal Martin Hikel. Ich bin aber auch jemand, der Probleme erkennt, benennt und dann löst. Die Leute haben 2016 die Neuköllner SPD und Franziska Giffey gewählt. Sie wussten, was sie bekommen. Natürlich wollen die Neukölln jetzt erstmal wissen, wer der Neue ist. Ich bin aber optimistisch. Auch bei Franziska Giffey haben die Leute anfangs gefragt, schafft sie das, kann sie Heinz Buschkowsky beerben? Seine Methode waren klare Worte, Franziska Giffeys beherzte Politik und Zugewandtheit. Ich werde es auf meine Weise machen. Ich werde zu den Leuten rausgehen, sie sollen mich kennenlernen. Ich werde zuhören, auch wenn’s manchmal vielleicht wehtut. Das ist meine erste Herausforderung. So erfährt man auch, wo die größten Probleme sind.

Zum Beispiel bei arabischen Clans?

Organisierte Kriminalität ist ein komplexes Thema, das man nicht von heute auf morgen lösen kann. Nicht nur in Berlin weiß in manchen Verwaltungen manchmal die eine Hand leider nicht, was die andere macht. Bei uns arbeiten aber Staatsanwaltschaft, Landeskriminalamt, Polizeiabschnitte, Zollbehörden und Ordnungsamt sehr eng zusammen. Und der Bezirk kann noch mehr beisteuern. Ich will nicht länger hinnehmen, dass Kinder ohne Schulabschluss bleiben und so anfällig werden für kriminelle Strukturen, weil sie jemand für Drogenhandel oder kriminelle Jobs missbraucht.

Werden Sie wie ihre Vorgängerin campierende Obdachlose in ihre Heimatländer zurück schicken?

Wir haben dafür im vergangenen Jahr viele Ohrfeigen bekommen. Aber ich fand es richtig und ich würde es auch wieder so machen. Wenn Menschen in den Grünanlagen am Hertzbergplatz oder in der Hasenheide ihre Zelte aufschlagen, können wir das nicht hinnehmen. Viele dieser Menschen sind aus europäischen Ländern unter völlig falschen Annahmen nach Berlin gekommen. Sie konnten sich keine Unterkunft leisten. Wir haben mit den Menschen geredet und sie gefragt, ob sie wirklich so leben wollen. Wir haben Busse für sie gechartert, damit sie nach Rumänien zurück fahren können, und ihnen gleichzeitig klargemacht, dass die öffentlichen Grünanlagen für sie keine Option sind.

Sie können nicht die ganze Welt retten, aber dauerhafte Camps wie in Mitte in der Eisfabrik oder Kreuzberg auf der Cuvrybrache werden Sie nicht dulden?

Nein.

Was ist denn gut in Neukölln?

Wir haben ein hervorragendes Bildungssystem.

Ernsthaft? Neukölln hatte den Brandbrief der Lehrer aus der Rütli-Schule, weil Unterricht teilweise gar nicht mehr möglich war.

Richtig – das war vor genau zwölf Jahren! Und die Rütli-Schule ist doch das beste Beispiel dafür, dass vieles heute besser geworden ist. Wir hatten echte Brennpunktschulen, wo Fremde in die Klassen kamen, Schüler rauszerrten und vor der Tür verprügelten. Da haben wir zu lange nichts gemacht. Der Brandbrief aus der Rütlischule war wie ein Urknall. Danach wurde das dreigliedrige Schulsystem in Berlin abgeschafft, es wurden mehr übergreifende Projekte geschaffen. In die härtesten Kieze müssen die besten Schulen. Das ist unser Programm, und daran arbeiten wir erfolgreich seit über einem Jahrzehnt.

Die Wachschützer an den Schulen werden also bleiben?

Ja, natürlich. Bildung ist die Grundlage dafür, dass Kinder später selbstbestimmt leben können. Und ich glaube, da haben wir in Neukölln einen hervorragenden Anfang gemacht. Darum packen wir 80 Prozent unserer Investitionsmittel in die Schulen, damit es nicht durch die Decke regnet. Dazu gehört aber auch, dass wir verhindern, dass schulfremde Personen aufs Gelände kommen und jemanden verprügeln. Der Sicherheitsdienst hat einen Sinn. Wir mussten vielleicht unkonventionelle Maßnahmen ergreifen, um uns auf das Wesentliche zu konzentrieren, nämlich die beste Bildung für Neuköllner Kinder und Jugendliche. Das gelingt sehr gut – und das macht mich auch ein bisschen stolz auf meinen Bezirk. Die Verwaltung funktioniert. Die Neuköllner haben eine wahnsinnige Empathie und ein Problembewusstsein für ihren Bezirk. Sie artikulieren das offen und das ist der große Pluspunkt für Neukölln.