Berlin - Für ihn sei es so, als käme er nach Hause, sagt er. Heim nach Neukölln, wo er geboren und aufgewachsen ist. Jan-Christopher Rämer ist 34 Jahre alt und seit einem Jahr stellvertretender SPD-Kreisvorsitzender in Neukölln. Seit eineinhalb Jahren wohnt er in Friedrichshain. Und noch ist sein Arbeitsplatz das Bundesbauministerium am Potsdamer Platz, wo er als persönlicher Referent einem Staatssekretär zuarbeitet.

Doch ab der kommenden Woche wird Rämer wieder täglich in Neukölln sein: Am Mittwochabend soll das Bezirksparlament die Noch-Bildungsstadträtin Franziska Giffey zur Bürgermeisterin wählen. Und Jan-Christopher Rämer, der im Bezirk seit 2006 ehrenamtlich Kommunalpolitik macht, soll ihr Amt übernehmen. Als einer der jüngsten Stadträte in Berlin wird er dann in Neukölln für Bildung, Schule, Kultur und Sport zuständig sein.

Mehr Ganztagsschulen

Auf den ersten Blick haben diese Bereiche wenig mit dem zu tun, was Rämer bislang gemacht hat. Der studierte Geograph war im Bereich Stadtentwicklung tätig. Doch für Rämer hat dies auch mit sozialen Fragen zu tun, mit Bildung. Gerade in Neukölln, wo in manchen Kiezen 70 Prozent der Bewohner Migranten sind und wo es viele Familien gibt, egal ob deutsche oder ausländische, in denen sich Eltern wenig darum kümmern, ob ihre Kinder zur Schule gehen und was sie dort tun, gehört das Bildungsressort zu den wichtigsten überhaupt.

Rämer will mehr Schulen zu Ganztagsschulen ausbauen, wo alle Kinder gleichermaßen betreut werden. So wie auf dem Campus Rütli, wo aus einer Problemschule mit viel Engagement und Fördergeld eine Vorzeigeeinrichtung wurde.

Ein Freund, erzählt er, habe ihm kürzlich freudestrahlend gesagt, wie froh er sei, im Einzugsbereich des Rütli-Campus zu wohnen, weil er sein Kind dort gut aufgehoben wüsste.

Bildungsorientierte Eltern im Bezirk zu halten, betrachtet Rämer als größte Herausforderung. Bislang sei es eher so, dass Familien vor allem aus Nord-Neukölln wegziehen, wenn die Einschulung bevorsteht. Rämer: „Das müssen wir ändern.“ 62 Schulen gibt es im Bezirk. Im Herbst sollen in der Gropiusstadt die Liebig-Sekundarschule und die Walt-Disney-Grundschule zur Gemeinschaftsschule zusammengelegt werden. Dort entsteht der Campus Efeuweg. Weitere sollen folgen.

Dass auch der Sport in sein Amt fällt, freut ihn besonders. Seit 25 Jahren spielt Rämer Eishockey beim OSC Berlin im Eisstadion Neukölln. Heute, wo die Arbeitswoche nicht selten 70 Stunden habe, schafft er es immerhin, alle 14 Tage zum Training. Die Arbeitsfülle wird sich als Stadtrat kaum ändern. Trotzdem will er zu möglichst vielen Sportvereinen einen persönlichen Kontakt aufbauen. „Es gibt so viele gute Vereine, die außerhalb des Bezirks kaum wahrgenommen werden“, sagt er. Und zählt auf: Tasmania Neukölln wird demnächst gegen den BFC Dynamo um den Berliner Fußballpokal kämpfen. Die Neuköllner Wasserballer spielen in der 1. Bundesliga. Die Berlin Sluggers verfügen über den einzigen regelkonformen Baseballplatz Berlins. Und überhaupt sei Sport, vor allem der Breitensport, wichtig für das Zusammenleben: „Wie nirgendwo sonst lernt man dort Gemeinschaft, Respekt und Solidarität.“

Zurück in den Trubel

Rämer kennt Neukölln, den bürgerlichen Süden mit den Einfamilienhäusern und den Norden mit den Großsiedlungen. Seine ersten zehn Jahre hat er mit den Eltern und vier Geschwistern in Britz gewohnt, dann zog die Familie nach Buckow. Seine erste eigene Wohnung hatte er an der Hermannstraße. Dort, wo es besonders trubelig ist. Rämer mag das. Irgendwann, sagt er, wolle er mit seiner Lebensgefährtin, der SPD-Kreischefin von Friedrichshain-Kreuzberg, wieder nach Neukölln ziehen. Dass er am Mittwoch zum Stadtrat gewählt wird, steht außer Frage: Die Fraktionen der SPD und der CDU, die im Bezirksparlament gerade eine neue Zählgemeinschaft vereinbart haben und verfügen über eine Zweidrittelmehrheit.