Marco F., Industriemechaniker und Wasserballer, bezeichnet sich als absoluten Familienmenschen. An die Tat in der Nacht  zum 10. April 2019 und die 50 Messerstiche erinnert er sich nicht mehr, sagt er.
Foto: Katrin Bischoff

PotsdamDas Kind, das den Notruf gewählt hat, spricht mit weinerlicher Stimme. „Meine Mama wird gerade umgebracht“, sagt es. „Wo ist das?“, fragt der Mann am anderen Ende der Leitung. Pappelweg, antwortet das Mädchen. Es sagt dann, wie es heißt. Und beantwortet die Frage nach dem Alter. „Neun.“

Es ist die Nacht zum 10. April 2019. Der Anruf, eingegangen um 2.23 Uhr, dauert gerade einmal 67 Sekunden. So steht es im schriftlichen Protokoll. Kurz darauf rasen Funkstreifenwagen zu der Adresse in Brandenburg an der Havel.

Als Theodor Horstkötter, der Vorsitzende Richter der Schwurgerichtskammer, vor wenigen Tagen das Protokoll des Notrufs verliest, ist es beklemmend still im Saal 8 des Potsdamer Landgerichts. In den Gesichtern der Zuschauer spiegelt sich tiefe Betroffenheit. Marco F., der auf der Anklagebank sitzt, stützt den Kopf in die linke Hand, als wolle er nicht wahrhaben, was da gerade verlesen wird. Eine Narbe ist am Handgelenk zu erkennen. Ein Zeichen der Nacht, in der er beinahe zum Mörder geworden wäre.

Der große, durchtrainierte Mann, der Wasserballer, der in der Bundesliga spielte, wird jeden Verhandlungstag in Handschellen in den Gerichtssaal geführt. Er ist der Vater von Lisa (Name geändert), dem Mädchen, das den Notruf wählte, dem Mädchen, das seiner Mutter Henriette W. das Leben rettete. Wegen des Anrufs sitzt Marco F. nicht wegen eines vollendeten Tötungsdelikts vor Gericht.

Nach den Aussagen der Polizisten und Notärzte, die damals vor Ort waren, grenzt es an ein Wunder, dass Lisas Mutter den Angriff ihres Lebensgefährten in dem gemeinsamen Haus überlebte. Den Angriff mit drei Messern, bei dem Marco F. mit solcher Wucht zustieß, dass zwei Messer zerbrachen. Der Arzt, der bei der Notoperation von Henriette W. dabei war, spricht von 50 oder mehr Messerstichen. Henriette W. ist in diesem Prozess, der im Februar zu Ende geht, Nebenklägerin.

Eine Welt mit heiler Fassade

Der Fall macht fassungslos. Wegen seiner unglaublichen Brutalität. Wegen seiner Unvorhersehbarkeit. Es geht um eine Tat, für die die Richter eine Erklärung finden müssen. Henriette W., Lehrerin von Beruf, wollte sich von Marco F. trennen.

Der Industriemechaniker war einst ihre große Liebe. Anfangs schien alles perfekt. Eine heile Welt. Ein Haus, zwei Kinder. Die Idylle ähnelte einem Prospekt für kaufwillige Kunden: die Familie im Garten mit dem stets geschnittenen Rasen in einem schön aussehenden Haus.

Es war eine schöne Welt, die Henriette W. und Marco F. ihrer Umwelt vorlebten. Sie war 16 als sie den vier Jahre älteren Wasserballer bei einem Spiel in Leipzig sah und sich verliebte. Sie zog nach dem Abitur bei ihm ein, fing an mit dem Lehramtsstudium. Sie hatte nichts, er hatte alles: Wohnung, Auto, Arbeit, sagt seine Mutter. Aber er forderte auch alles auf Heller und Pfennig von ihr zurück, sagt Henriette W. Er sei egoistisch, materiell orientiert gewesen, wird ein Gutachter über ihn sagen. Ein sparsamer Mensch, der auf jeden Euro achtete.

Im Pappelweg in Brandenburg an der Havel entstand eine Welt mit heiler Fassade, die mit den Jahren unter den Augen des Paares und auch der Freunde und Familie kontinuierlich bröckelte. Bis sie dann in nur einer Nacht zusammenbrach. Mit diesem Ausbruch an Gewalt, diesem mutmaßlich versuchten Mord. Durch einen Mann, der in 36 Jahren seines Lebens nie handgreiflich geworden sei. So sagt es jedenfalls sein Vater. Doch es gab durchaus Vorzeichen.

Marco F. sei immer wieder handgreiflich geworden

Eine erste Trennung etwa im Jahr 2013. Henriette W. geht, weil er gewalttätig geworden sein soll. Sie zieht zu ihrem neuen Freund. Doch Marco F. und Henriette W. finden nach sechs Monaten wieder zusammen – unter der Voraussetzung, dass er eine Therapie macht oder sie beide zu einem Paartherapeuten gehen. Doch der Alltag holt sie ein. Alles läuft wieder in den üblichen Bahnen. Beide geben im Prozess ihr Versagen zu.

2014 kaufen sie sich eine Doppelhaushälfte für 195.000 Euro. Henriette W. ist zu dieser Zeit schwanger, Marco F. will das Kind nicht. Er rechnet ihr vor, was ein zweites Kind kosten würde. Am Tag des Umzugs in ihr neues Haus hat sie den Termin für die Abtreibung. Sie geht allein zu dem Eingriff, bezahlt ihn auch von ihrem Geld.

Henriette W. ist eine Zeit lang glücklich in dem neuen Heim. Und, als das letzte Kita-Jahr in Brandenburg kostenlos wird, erhält sie von ihrem Mann nach eigenen Worten die Erlaubnis, doch noch ein zweites Kind zu bekommen. Im Frühjahr 2018 wird der Sohn geboren. Henriette W. bleibt zehn Monate in Elternzeit, Marco F. hängt zwei Monate ran. Am Ende der Elternzeit ist sie glücklich, wieder Lehrerin sein zu dürfen. Sie merkt auch, dass sie lieber in der Schule ist als zu Hause. Als bei Marco F.

Es ist Sonnabend, der 6. April 2019, das letzte Wochenende, bevor Marco F. wieder arbeiten muss. Er sagt beim Frühstück: Du liebst mich nicht mehr. Er rechnet nicht damit, dass sie zustimmt, nach 16 Jahren Zusammensein. Aber sie erwidert: Ich empfinde nichts mehr für Dich. „Wir haben uns nur noch angekeift. Ich hatte das Gefühl, Marco nicht mehr zu kennen“, sagt Henriette W. als Zeugin.

Seit drei Monaten schon suchte sie eine Wohnung. Weil er immer wieder handgreiflich geworden sein soll. Mal soll Marco F. seine Lebensgefährtin gekniffen, mal sie an eine Wand gedrückt, mal sich drohend vor ihr aufgebaut, sie angebrüllt und gewürgt haben, weil es im Haus aussehe „wie Sau“. „Das Haus musste wie geleckt aussehen“, sagt Henriette W. Nichts habe sie ihm recht machen können.

Nichts deutet auf die Katastrophe

Am Abend vor der Tat spricht das Paar noch einmal in Ruhe über die Trennung. Sie reden darüber, wie sie mit den gemeinsamen Kindern umgehen wollen. Lisa ist neun, ihr kleiner Bruder gerade mal ein Jahr alt. Henriette W. zeigt Marco F. im Internet sogar die Wohnung, in die sie ziehen möchte. Und sie spricht von einem neuen Mann. Er sagt in ruhigem Ton, sie könne sich Zeit lassen mit dem Auszug. Henriette W. trinkt ein Glas Sekt, er nimmt sich ein Bier. Er will noch ein letztes Mal mit ihr schlafen, sie verweigert ihm diesen Wunsch. Sie geht ins Schlafzimmer. Er legt sich im Zimmer seiner Tochter Lisa schlafen.

Henriette W. schreibt um 22.05 Uhr ihrem neuen Freund eine Handynachricht: „Heute ist Marco mit allem einverstanden. Ich weiß gar nicht, wann wir uns das letzte Mal so gut unterhalten haben.“ Ihr Freund schläft schon und wird die Nachricht erst am nächsten Morgen beantworten. Nichts deutet auf die nahende Katastrophe hin.

Gegen zwei Uhr in der Nacht wacht Marco F. auf. Schweißgebadet, wie er sagt. Er hat angeblich geträumt, Henriette werde ihm die Kinder wegnehmen. Die Kinder, die er liebt. Seine Kehle ist trocken. Er geht in die Küche. Er trinkt ein Glas Wasser aus dem Hahn, zieht dann eine Schublade auf, nimmt, wie er sagt, ein oder zwei Messer heraus. An drei Messer kann er sich nicht entsinnen. Dann, so gibt er im Prozess an, fehlt ihm die Erinnerung.

Henriette W. schläft tief. Sie liegt auf dem Bauch, träumt von harten Schlägen auf den Rücken. Doch dann merkt sie: Es ist kein Traum. Sie wird wach durch Stiche in den Rücken, sie dreht sich um, sie sieht Marco F., der wütend über ihr hockt. Er hat etwas in der Hand, dass er wegwirft. Es ist der Schaft eines Messer, mit dem er voller Kraft auf den Rücken der schlafenden Lebensgefährtin eingestochen hat – bis die Klinge abbrach und neben der Wirbelsäule steckenblieb. Marco F. rennt aus dem Zimmer.

„Nein, Papa, hör auf! Hör auf!“

Während Henriette W. versucht, an ihr Handy zu kommen, um die Polizei anzurufen, ist Marco F. auch schon wieder im Zimmer. Mit einem neuen Messer. Er sticht ihr in den Oberkörper, immer wieder. Sie wehrt sich, greift in die Klinge, schreit, er möge aufhören. Doch Marco F. hört nicht auf. Er sticht weiter zu, bis auch das zweite Messer zu Bruch geht.

Erneut verlässt er den Tatort, um mit einem großen Brotmesser mit gezackter Klinge wiederzukommen. Zu dieser Zeit wird Lisa durch die Schreie der Mutter geweckt. Sie sagt später aus, sie habe ihren Vater mit dem Brotmesser aus dem Badezimmer kommen sehen. Sie erzählt nur einer Freundin gegenüber von der Tat, nennt ihn dabei den Geier, ihre Mutter das Gänseblümchen.

Das Mädchen rennt hinterher, es sieht, wie sein Vater auf die Mutter einsticht. Lisa versucht, ihren Vater am Arm wegzuziehen. „Nein, Papa, hör auf! Hör auf!“, fleht das Kind. Doch Marco F. reagiert nicht. Er sagt zu Henriette W.: „Wir gehen zusammen“. Die Mutter ruft ihrer Tochter zu, sie solle die Polizei anrufen.

Lisa ist ein eher schüchternes Kind. Doch nun rennt sie ins Erdgeschoss, sie weint und wählt den Notruf. Dann versteckt sich das Kind – aus Angst, der Vater würde auch ihr etwas antun. Oben schreit ihr kleiner Bruder. Marco F. schneidet seiner Lebensgefährtin beide Handgelenke bis auf die Knochen und den Nacken bis zur Wirbelsäule auf. Der Blutverlust ist enorm. Dann versucht Marco F., sich selbst die Pulsadern aufzuschneiden. Henriette W. hört den Sohn schreien, sie weiß, er lebt, sie wartet auf den Tod.

Mit Narben am ganzen Körper

Die kleine Lisa sieht indes das Licht von Taschenlampen im Garten. Die Polizei ist da. Das Mädchen öffnet die Haustür und klammert sich an den ersten Polizisten. Sebastian P., 35 Jahre alt, eilt nach oben. Er tritt die Schlafzimmertür auf. Marco F. rollt in diesem Moment auf den Rücken. Der Polizist steht vor einem Bett voller Blut. Er sieht Henriette W., sieht ihre Verletzungen. Ein Kollege äußert später, er habe gedacht, sie seien zu spät.

Das sieht Sebastian P. anders. Er sagt zu Henriette W., die noch immer bei Bewusstsein ist: „Das kriegen wir schon wieder hin.“ Er habe schon viel Schlimmeres gesehen. Als Soldat in Afghanistan. Er hat Verbandszeug dabei, mit dem er die stark blutenden Wunden am Hals und an den Handgelenken fachgerecht versorgt. Und er deckt den Brustkorb ab, denn ein Stich hat die Brustfellhöhle und damit die Lunge verletzt. Der Notarzt sagt, ohne das beherzte Eingreifen von Sebastian P. wäre Henriette W. mit Sicherheit gestorben.

Die Frau wird mit einem Blutungsschock ins Krankenhaus eingeliefert. Schon allein der Blutverlust ist akut lebensgefährlich. Zehn Stunden lang wird die 33-Jährige operiert, dann ins künstliche Koma versetzt. Sie überlebt. Mit Narben am ganzen Körper. Mit Händen, die sie vermutlich nie wieder richtig bewegen kann. Marco F. hat vor Gericht die Tat gestanden. Er könne sich zwar nicht erinnern, aber er gehe davon aus, dass er es gewesen sei. Eigentlich sei er zu so etwas nicht fähig, sagt er. Er, der absolute Familienmensch.

Psychiatrische Gutachter: Angeklagter ist schuldfähig

Peter Kalus ist der psychiatrische Gutachter in dem Prozess. Er hält Marco F. für einen „deutlich harmoniebedürftigen Menschen“, der nicht offen auf Konflikte eingehen könne. Der Angeklagte sei sozial kompetent und könne sehr liebevoll mit Kindern umgehen. Kalus hält den Angeklagten für schuldfähig. Er kann sich nicht vorstellen, dass sich Marco F. nicht an den Tatablauf erinnert. Der Angeklagte habe ein „kompetentes Durchsetzungsvermögen“ gezeigt, in dem er immer wieder neue Messer geholt habe. Marco F. habe zum Ziel kommen wollen. Kalus geht davon aus, dass der angeklagte Familienvater die Tat lediglich aus seinem Gedächtnis verdrängt habe, weil sie in seinen Augen nicht zu ihm passe.

Marco F. habe nach Angaben des Mediziners durchaus Reue gezeigt – aber auch seiner Partnerin die Schuld für die Bluttat gegeben. Sie habe schließlich nicht das Recht gehabt, ihn zu verlassen.