Theodor Fontane in Neuruppin – mit Schal und Mütze.
Foto:  Imago/Winfried Rothermel

NeuruppinEs ist Mittwoch in Neuruppin – dieser schönen, kleinen Stadt im Norden von Brandenburg, die einst gern als preußischste aller Preußenstädte bezeichnet wurde. In der heutigen Zeit sieht sie an den Wochenenden durchaus auch mal ein paar Touristen, ist sonst aber deutlich verschlafener als zum Beispiel das nicht allzu weit entfernte Rheinsberg. 

Unter der Woche wirkt Neuruppin besonders entspannt, oder eben verschlafen. Nicht aber in diesem Spätherbst, nicht einen Monat vor dem Ende des großen Fontane-Jahres. Dieses wird in der Stadt Neuruppin ganz besonders gefeiert.

Denn es ist jene Stadt, in der der berühmteste märkische Dichter vor 200 Jahren geboren wurde. Selbst an einem kühlen Mittwoch im Herbst ist sie voller Touristen. Die Kulturreisenden drängen sich im Museum vor den zitronengelben Wänden, auf denen die besten Zitate des Dichters. In der Stadt stehen in fast jedem Schaufenster eine Fontane-Figur – meist in Gelb. Denn Zitronengelb ist die Farbe des Fontanejahres. Mit Fontane hat das nicht direkt zu tun, die Farbe fällt einfach auf.

Zahlen sprechen klare Sprache

Neuruppin in Landkreis Ostprignitz-Ruppin scheint im Fontane-Rausch zu sein. Aber stimmt dieser Eindruck und wie nachhaltig wirkt ein solches Jubeljahr für die kleine Stadt? In der Verwaltung des 30.000-Einwohner-Stadt ist man sich sicher: Der Erfolg wird andauern.

Das sagt zumindest Mario Zetzsche, Projektleiter von „Fontane200-Neuruppin“. „In diesem Sommer wurde die Geburtsstadt Fontanes zum gut besuchten Kulturort. Ob an den Erklär-Stelen vor bedeutenden Fontane-Orten wie seinem Wohnhaus, vor seiner Schule oder seinem Denkmal – überall sah man viele interessierte und staunende Besucher.“

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: 2018 buchten 5818 Gäste historische Stadtführungen. Bis zum 8. November 2019 wurden dann bereits 10.562 Teilnehmer aus ganz Deutschland gezählt. Zetzsche sagt, dass es bis zum Jahresende wohl mehr als 12.500 sein werden – also eine Verdopplung. Es sind nicht nur Tagesgäste, die zu einem Fontane-Kurztrip anreisen. Auch die Zahl der Übernachtungen in der Reiseregion Ruppiner Seenland ist auf 1.630.000 gestiegen – ein Plus von 4,5 Prozent.

Kein Wunder, hat sich das Städtchen nordwestlich von Berlin doch mächtig herausgeputzt und äußerst interessant präsentiert. Zuallererst im Museum, wohin seit der Eröffnung der Leitausstellung „Fontane.200–Autor“ am 30. März bereits 29.000 Besucher kamen.

Digitalisierung macht die Ausstellung besonders

Museumsleiterin Maja Peers beurteilt das als erhebliche Steigerung. „In den Jahren zuvor lagen wir bei 9000 bis 12.000 Besuchern“, sagte sie. Die Begeisterung teilt sich auch im voll geschriebenen Gästebuch mit. Dort lobt jemand: „Da vergisst man glatt das Durchgequäle aus der Schulzeit.“

Die Digitalisierung macht die Ausstellung, die noch bis zum 30. Dezember geöffnet ist, so besonders: Briefe und Tagebücher lassen sich mit speziellen Lesegeräten problemlos entziffern. Im „Effi-Raum“ beweist ein Schaubild, dass Fontane einfach zu gern die wörtliche Rede benutzte.

Ein Computerprogramm ermittelte die zweihundert am häufigsten vom Dichter gebrauchten Worte: auch, aber, bloß, alles, trotzdem, nämlich, glücklich – und all die anderen haben ihren eigenen Raum. Es gibt zitronengelbe Abreißzettel mit den einzelnen Worten drauf zum Mitnehmen für die Gäste. Sie finden reißenden Absatz.„’Glücklich’ ist der absolute Renner“, sagt Carola Zimmermann vom Ausstellungsteam. „Der fast ein Meter hohe Stapel mit den Zetteln war schnell verschwunden. Wir mussten nachbestellen.“

„Die Leute rannten uns die Bude ein“

Glücklich ist man auch in der Fontane-Buchhandlung. Jana Kolar-Voigt spricht von „starken Ausschlägen in der Warengruppe Fontane“. Nicht etwa „Effi Briest“ oder die „Wanderungen“ waren der Renner, sondern der Aphorismen-Band „Das Herz lässt sich nicht zwingen“. Genauso gut gingen Tintenroller mit Zitaten. Einzelne Veranstaltungen musste sie in die Kulturkirche verlegen. „Die Leute rannten uns die Bude ein.“ Fontane ist überall in Neuruppin zu sehen: Fontane als Männchen mit Spazierstock auf den Lichtern der Ampel am Fontane-Denkmal; Fontane auf Tellern und in Tassen.

Wegen des berühmten Havelländer-Ribbeck-Birnbaum-Gedichtes gibt es im Café Huth den hausgemachten heißen Birnenpunsch für 3,40 Euro. Im Hotel und Restaurant Altes Kasino hat Max Golde aus dem Kochbuch von Fontanes Großmutter den Gewürzbrotpudding mit Ribbecker Rotweinbirne gezaubert. Er gehört zum Viergang-Menü für 23,50 Euro. Davon naschten 730 Gäste. „Im vergangenen Jahr verkauften wir nur 250 Portionen.“

Golde ist ebenfalls glücklich. Sein Resümee: „Vierhundert Übernachtungen hatten wir mehr als in anderen Jahren. Dieses Jahr war schon ein Knaller.“ Ist der Boom nun vorbei? Nein, sagt der Hotelier. „Wir haben den Besuchern jetzt gezeigt, wie schön es ist bei uns. Davon werden sie anderen erzählen und in den kommenden Jahren wiederkehren.“

Der letzte Höhepunkt des Jahres

Aber kommt nur Kultur-Publikum der Altersgruppe 55plus? Erneut schüttelt Golde den Kopf und erzählt von einer jungen Frau mit Nasenpiercing, die auf seiner Terrasse am See die „Jenny Treibel“ las. „Im Jahr 2020 wird es weiter boomen“, sagt der Hotelier. Selbst in den Schulen funktionierte das Fontane-Jahr: Zum Projekt „Dem Wort auf der Spur“ für Schulklassen reisten 5000 Schüler an. Alles war bereits im Juni ausgebucht.

Im Kulturhaus Stadtgarten gibt es einen dieser ungeheuer angesagten Escape-Rooms. Mitarbeiterin Marion Pomerenke fuhr mit den Schülern unter bunten Blitzen „per Zeitmaschine“ in Fontanes Arbeitszimmer. Dort kamen die Schüler rätselnd den Reise- und Recherchiergepflogenheiten des Dichters auf die Spur. „Der Fleiß und das Interesse der Jugendlichen haben mir imponiert“, sagt Mitarbeiterin Marion Pomerenke.

Eine Klasse sang sogar das Ribbeck-Gedicht vor. „Wir sind außerordentlich zufrieden“, sagt Kurt Winkler in Potsdam, er ist von der landesweiten Projektleitung des Jubiläumsjahres. „Die Neuruppiner haben sich damit überregional platziert.“ Vielleicht ist Neuruppin sogar auf dem Weg zum „deutschen Windermere“. Dort, in Nordengland, lebte einst der berühmte Dichter William Wordsworth. Heute zieht die Stadt Tausende Gäste aus aller Welt an.

Auch der Studienreisen-Anbieter Studiosus aus München ist mit der Resonanz auf die speziellen Fontane-Angebote für 2019 zufrieden. Nun also zum Endspurt im Jubeljahr: Der letzte Höhepunkt ist am vorletzten Tag des Jahres – denn Heinrich Theodor Fontane ist am 30. Dezember 1819 geboren. Es steht eine große Feier in der Kulturkirche an. Fontane, der Glücklichmacher.