Neuruppin. Im Saal 1 des Landgerichts in Neuruppin ist es am Dienstag stockdunkel. Kein Lichtschein fällt durch die dunkelblauen, schweren Gardinen, die Scheiben der fünf Fenster dahinter sind zusätzlich mit schwarzer Spezialfolie abgeklebt worden. Vorne, an der Richterbank, leuchtet es grün: UV-Licht. Schatten bewegen sich davor. Die Wachtmeister sind angehalten, bei verdächtigen Bewegungen sofort von ihren Taschenlampen Gebrauch zu machen. Flucht oder Übergriffe auf die Angeklagten sollen verhindert werden.

„Da ist was, sehen Sie das?“, fragt eine leise Stimme. Ein zustimmendes Gemurmel wird laut. Die Stimme gehört zu Michael Tsokos, der vor der Richterbank in der Dunkelheit an einem kleinen Tisch sitzt und mit einer UV-Lampe hantiert. Ihm gegenüber sitzt der Angeklagte Michael S. mit hochgekrempelten Ärmeln. Der Lichtschein ist auf seinen linken Unterarm gerichtet.

Fahndung nach einer Narbe

Der 46-jährige Tsokos ist Leiter des Instituts für Rechtsmedizin an der Charité. Er soll im Prozess um das Verschwinden der schwangeren Maike Thiel aus Leegebruch (Oberhavel) vor 16 Jahren eine mögliche Narbe am tätowierten linken Unterarm von Michael S. finden und analysieren. Der 34-jährige Angeklagte muss sich wegen Mordes verantworten. Er soll seine damals 17-jährige Freundin Maike umgebracht haben, weil er laut Anklage keinen Unterhalt für das ungeborene Kind zahlen wollte. Seine Mutter muss sich wegen Anstiftung zum Mord verantworten. Beide schweigen.

Zwei Zeuginnen haben von einer fünf Zentimeter langen halbrunden Bisswunde geredet, die sie nach Maike Thiels Verschwinden am linken Unterarm von Michael S. bemerkt haben wollen. Das war offenbar lange bevor er sich tätowieren ließ. Maike soll den Angeklagten in Todesangst gebissen haben, bevor sie erdrosselt wurde. Davon geht die Staatsanwaltschaft aus. Bis heute gibt es keine Spur von Maikes Leiche. Die Suche wurde aufgegeben.

Michael Tsokos, grauer Anzug, hellgraues Hemd, blauer Schlips, gilt als Koryphäe in der Rechtsmedizin, als eine Art Popstar seiner Zunft. Die Verteidiger von Michael S. haben den Professor als Gutachter verlangt. Doch noch bevor Tsokos um Dunkelheit bat, damit das UV-Licht Spuren von verändertem Gewebe sichtbar machen kann, schickte er ein paar Worte vorneweg. „Ich bin davon ausgegangen, dass Narben mit Hilfsmitteln zu erkennen sind.“ Umso erstaunter habe er bei seinen Vorbereitungen feststellen müssen, dass es bisher kein Verfahren gebe, das Narben unter Tätowierungen nachweisen könne. Er habe acht Kollegen gefragt. Fehlanzeige. „Wir können in 2 000 Jahre alten Mumien DNA nachweisen, aber diesen Fall hatten wir noch nicht“, musste er zugeben.

Der Rechtsmediziner hat sich schließlich an einen Kollegen erinnert, der Herzinfarktnarben mit UV-Licht sichtbar machen konnte. Mit einer entsprechenden Lampe hat Tsokos dann zu Hause experimentiert. Er erzählte, wie er damit Narben und die damit einhergehenden Gewebsveränderungen bei sich selbst, seiner Frau und seinen Kindern sichtbar machen konnte.

Gut 20 Minuten hantiert Tsokos im Gerichtssaal mit der UV-Lampe. Unter einem eintätowierten Namen auf dem Unterarm kann er schließlich eine sechs Millimeter große Narbe erkennen. „Sehen Sie das?“, fragt er die in der Finsternis um ihn gruppierten Richter, Verteidiger und Nebenkläger. Das von ihm entdeckte Wundmal könnte von einem Zahnabdruck stammen. Ja, er könne nicht ausschließen, dass es sich um eine Bisswunde handelt. Doch es könne durchaus auch eine Narbe von der Tätowierung sein.

Als das Licht im Saal wieder angeht, haben die Prozessbeteiligten einiges über Bisswunden erfahren. Etwa, dass die meisten gewöhnlich ohne Narben abheilen. Es sei denn, sie sind besonders tief oder gehen mit einer Infektion einher. Einen Nachweis, dass Michael S. vor 16 Jahren gebissen worden ist, kann der Professor nicht erbringen. Entlasten kann er den Angeklagten aber auch nicht.