Nicht alle Anwohner solidarisieren sich mit den Bewohnern der Rigaer Straße 94 in Berlin-Friedrichshain

Berlin - Das Gericht hat entschieden: Der Prozess wird vertagt. Mit einem Holzknüppel schlägt dann ein Mann, der eine Richter-Perücke mit weißen Locken trägt, auf den Tisch. Dabei lacht er hinter seiner Tier-Maske. Er schaut hinüber zu einem Mann in Polizeiuniform und einem weiteren Herren, der mit 200 Euro-Scheinen herumhantiert. Dann lachen sie gemeinsam aufgesetzt, dreckig und halten sich die Bäuche fest. Soll heißen: Das unabhängige Gericht, der Polizist und das Kapital, sie alle stecken unter einer Decke.

Das ist eine Szene aus einem Protest-Theaterstück, das am Dienstagvormittag auf dem sogenannten Dorfplatz, also direkt neben dem Haus aufgeführt wurde, das in ganz Berlin aber inzwischen auch bundesweit unter dem Namen „Rigaer 94“ bekannt ist. Wie berichtet eskaliert derzeit der Konflikt zwischen der Berliner Polizei und den Hausbewohnern und deren Sympathisanten: Seit Wochen brennen in Berlin Autos, seit Wochen ist die Polizei in der Rigaer Straße täglich mit mehreren Autos auf der Straße.

Verhandlungstermin aufgehoben

Der Inhalt des Theaterstücks hat einen aktuellen Bezug: das Landgericht Berlin hat den Verhandlungstermin im Verfahren gegen die Räumung der „Kadterschmiede“, eine von den Bewohnern der Rigaer Straße 94 genutzte Räumlichkeit im Vorderhaus am vergangenen Montag aufgehoben.

„Das stinkt doch gewaltig“, sagt einer der Hausbewohner. Er will nur Sascha genannt werden. Er ist 27 Jahre alt und wohnt im Hinterhaus der Rigaer Straße 94. „Es ist ein Angriff auf unser gesamtes Wohnprojekt, die wollen uns raus haben und zwar so schnell wie möglich“, sagt Sascha. Seitdem die Polizei und die Security den Eingang des Hauses wegen der Umbauten kontrolliere, müsse er sich einiges gefallen lassen. Es beginne schon damit, dass er des Öfteren morgens auf dem Weg zur Gemeinschaftstoilette auf dem Hausflur Polizisten begegnen müsse, die ihm und den anderen Mitbewohnern Fragen stellen würden wie: Na, wie geht’s uns denn heute so? „Das ist aber nicht ehrlich gemeint, sondern purer Zynismus“, sagt Sascha. Außerdem würden die Beamten und eingesetzten Security-Mitarbeiter der Eigentümergesellschaft Lafone Investments weiblichen Mitbewohnern hinterher-pfeifen, sie sexuell belästigen, „eine ist angegrapscht worden“, sagt Sascha. Darüber hinaus könne er nicht einfach so Besuch mitbringen: „Das hängt immer von den jeweiligen Beamten ab“, sagt Sascha. „Wo sind wir denn hier?“, fragt Sascha. Und: „Ist das die rechtsfreie Zone, von der Henkel spricht?“

Was ist mit den brennenden Autos, die rund um die Rigaer Straße aber auch in anderen Stadtteilen Berlins zurzeit fast täglich abgebrannt werden, wie steht er zu dieser Art von Protest? Sascha sagt: „Ich werde anderen nicht reinreden, wie sie ihre Wut ausleben sollen.“ Mehr will er dazu nicht sagen, dann geht er. Und wie sehen das die Nachbarn? Karl ist 60 Jahre alt, vor fünf Jahren in die Rigaer Straße gezogen, hier hat er einen Betrieb. „Unter den Hausbewohnern sind die Radikalen die Minderheit“, sagt er. Er würde viele Bewohner aus dem Haus persönlich kennen. Innensenator Frank Henkel (CDU) würde aber mit seiner Herangehensweise die eigentlich beschauliche Gegend zum „Kriegsgebiet“ machen. Er hofft, dass sich die Lage beruhigt, „aber so lange Wahlkampf ist ...“, sagt er und zuckt mit den Schultern.

„Die linken Chaoten machen den Lärm“, sagt ein anderer Mann, er ist 75 Jahre alt. Die Polizei solle endlich durchgreifen und für Ruhe sorgen. „Ich kann nicht mehr schlafen“, sagt er. Ihm täten  die Menschen aus dem benachbarten Altersheim leid.

Weitere Protestveranstaltung

Ein anderer Anwohner aus der Liebigstraße sagt: „Das Erste, was ich morgens sehe: Wannen. Dann gehe ich zur Arbeit, komme zurück, sehe Wannen. Mache den Fernseher an, was sehe ich? Abgefackelte Autos, direkt um die Ecke. Dann will ich schlafen, kann aber nicht, die Wannen sind zu laut.“ Normal sei das alles nicht. Für ihn ist klar, der Druck wächst für die Bewohner des gesamten Gebiets, die noch alte Mietverträge haben: „Die Mieten steigen seit Jahren. Viele kriegen Angst, wissen nicht wie lange sie hier noch leben können. Und das ist kein guter Zustand“, sagt er. Aber Autos anzünden, das sei der falsche Weg.

Unruhe am Abend in der Rigaer Straße

Applaus, das Theaterstück ist zu Ende, 30 Aktivisten klatschen. Zehn Polizisten schauen gelangweilt . Von 14 bis 22 Uhr gibt eine weitere Protestveranstaltung, 600 Beamte sind vor Ort. Am späten Abend kommt es zu Auseinandersetzungen. Beruhigt hat sich hier noch gar nichts.