Die Personalnot an den Berliner Schulen erreicht zum neuen Schuljahr, das am Montag beginnt, eine neue Dimension: Mehr als 900 der 2700 Lehrkräfte, die zum Sommer eingestellt wurden, haben gar kein Berliner Schulfach studiert. Sie kommen nicht einmal für den Quereinstieg in Frage. Immerhin 34 Prozent aller Neueinstellungen sind also gar nicht für Lehrerberuf qualifiziert – trotzdem werden sie eingestellt. Es ist eine Notmaßnahme der Bildungsverwaltung aufgrund des akuten Personalmangels. Denn nur 37 Prozent der 2700 neu eingesellten Lehrer hat noch ein abgeschlossenes Lehramtsstudium vorzuweisen, also gut 1000 Personen.

Das ist ein neuer Tiefstand in Berlin. Etwa 750 der Neu-Lehrer sind zudem Quereinsteiger (28 Prozent), die immerhin mindestens ein reguläres Schulfach vorweisen können und ansonsten eine pädagogische Zusatzausbildung erhalten.

„Lehrer ohne volle Lehrbefähigung“

Das geht aus Zahlen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hervor, die am Mittwoch veröffentlicht wurden. Die Bildungsverwaltung bestätigte diese daraufhin. „Für das Schuljahr 2018/19 lagen 2200 Bewerbungen von Quereinsteigern vor sowie 1000 reguläre Laufbahnbewerbungen“, betonte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Die Gruppe der Lehrer ohne reguläres Schulfach sei nicht Teil des zentralen Bewerberverfahrens gewesen. Vor allem die Schulleiter selbst hätten diese eingestellt.

In der Amtssprache wird jene letzte Gruppe, die weitgehend ohne pädagogische Ausbildung ist, „LovL“ genannt. Das steht für „Lehrer ohne volle Lehrbefähigung“. „Es gibt Dürreschäden auch an Berliner Schulen“, sagte GEW-Landeschef Tom Erdmann am Mittwoch mit Blick auf den Fachkräftemangel.

Offene Stellen formal besetzt

Tatsächlich ließ die Bildungsverwaltung diese „LovL“ bisher nur in Ausnahmefällen als reguläre Lehrer zu. „Das waren bisher Einzelfälle, höchstens 25 Personen pro Jahr“, bestätigte Dieter Haase, Vize-Gesamtpersonalrat auf Anfrage. Jetzt schwenkte die Bildungsverwaltung um und griff massiv auf diese Gruppe zurück. Oberste Priorität von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) war es offenbar, wenigstens alle offenen Stellen besetzen zu können. 

Mit der nun erfolgten Notmaßnahme vergrößern sich nun auch die Lohnunterschiede in Lehrerzimmern. Denn diese „LovL“ verdienen deutlich weniger als reguläre Lehrer und auch als fertige ausgebildete Quereinsteiger, 800 Verträge mit den „LovL“-Lehrern sind nach GEW-Angaben zudem nur befristet. Bei ihnen handelt es sich um Menschen, die jahrelang als Vertretungslehrer an den Schulen unterrichtet haben, oder als Deutschlehrer in Willkommensklassen tätig waren. Auch Altertumswissenschaftler, Archäologen oder Dramaturgen sind darunter. Mitunter sind es auch Pädagogen mit ausländischem Studienabschlüssen, die nicht immer über die geforderten Deutschkenntnisse verfügen, hieß es an Schulen.

Mindestens Bachelor-Abschluss

„Wir erkennen an, dass Bildungssenatorin Sandra Scheeres es trotz gravierenden Fachkräftemangels geschafft hat, alle offenen Stellen zu besetzen“, sagte GEW-Landeschef Erdmann. „Allerdings muss sich die Senatorin dafür einiger Tricks bedienen.“ Erdmann fragt sich auch, auf welcher rechtlichen Grundlage diese „LovL“ überhaupt eingestellt werden – und ob tatsächlich alle mindestens einen Bachelor-Abschluss haben.

Schulleiter berichten, dass sie nun die Chance haben, langjährige Vertretungslehrer oder Willkommensklassenlehrer zu übernehmen, die sich bewährt hatten. Dieter Haase vom Gesamtpersonalrat sprach hingegen von einer „Nebelkerze der Bildungsverwaltung“. Denn viele „LovL“-Kräfte hätten zuvor ja ohnehin vertretungsweise unterrichtet. „Jetzt werden sie offiziell auf den Personalschlüssel angerechnet – und fehlen als Vertretungslehrer“, sagte Haase.

GEW-Chef Erdmann warnte indes angesichts der vielen befristeten Einstellungen vor Kettenverträgen. „Diese neuen Kolleginnen und Kollegen brauchend dringend eine langfristige Perspektive“, sagt er. Zudem warnte er vor einer zunehmenden Ungleichheit im Berliner Schulsystem. So bräuchten einige Bezirke und die meisten Gymnasien keine „LovL“ einstellen, weil sie genug voll ausgebildete Bewerber haben. „An Schulen in schwierigen sozialen Lagen sieht die Lage völlig anders aus.“ 

Lehrermangel bis 2023 

Maja Lasic, bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, mahnte an, die neue Lehrergruppe ähnlich wie die Quereinsteiger mit Schnellkursen, Mentoren und weiteren Angeboten zu unterstützen. „Für sie gibt es keine entsprechende Vorbereitung und Begleitung“, sagte Lasic. Senatorin Scheeres kündigte an, diese Neu-Lehrer zu qualifizieren, um befristete Verträge bei Bewährung zu entfristen.

Die Verwaltung setzt auch verstärkt darauf, Lehrer im Pensionsalter länger zu beschäftigen. Auch Masterstudierende sollen unter dem Motto „Unterrichten statt kellnern“ verstärkt unterrichten. Beide Gruppen werden voll angerechnet. „Der Bildungsnotstand in Berlin ist da, und er ist hausgemacht von der SPD“, resümierte CDU-Bildungspolitikerin Hildegard Bentele.

Die Personalplaner rechnen damit, dass der Fachkräftemangel sich erst ab dem Jahr 2023 auflösen wird. Zwar hat Scheeres bereits die Studienkapazitäten vor allem für das Grundschullehramt stark erhöht. Doch das kommt für die derzeitigen Schuljahre zu spät. Über Jahre hatte es der Senat versäumt, genug Studienplätze für das Lehramt bereitzustellen. Weil derzeit nahezu alle Bundesländer dringend voll ausgebildete Lehrer suchen, werben sie sich gegenseitig die Fachkräfte ab – mittels Zulagen oder auch mit der Verbeamtung als Lockmittel.