Rund 60.000 Menschen demonstrierten am Freitag für mehr Klimaschutz in Berlin. 
Foto: dpa/Christoph Soeder 

BerlinOben auf dem Baum, in etwa fünf Metern Höhe, saß Leon. Er versuchte, seine Botschaft hochzuhalten – und das möglichst, ohne herunterzufallen. Auf dem Pappschild, in windschiefen Schnörkeln geschrieben, stand Leons Frage an die Welt: „Warum lernen wir für eine Zukunft, die nicht existiert?“

Die Frau, die seit ein paar Minuten abwechselnd von Unruhe und Zweifeln geschüttelt worden war wie die Baumwipfel über ihr, fragte sich eher: „Warum muss er da unbedingt hochklettern?“ Der Leon, sagte sie, ohne den Blick von ihrem Sohn abzuwenden, der sei so ein Sturkopf, erst recht in dieser Klimasache. Diese Klimasache hat mal wieder viele Menschen auf die Straße getrieben.

Sie kamen, weil es einen gesellschaftlichen Kitt gibt, der sie zusammenhält. Sie machen sich Sorgen um Emissionen, sie haben Angst vor der Katastrophe, und daraus formen sie ihre Fragen und Forderungen, die auf Pappschilder passen.

Natürlich waren die Schüler wieder da, die Studenten und Aktivisten; sie sind jung und brauchen die Welt. Da waren aber auch Büroarbeiter, Handwerker, Rentner und mindestens eine besorgte Mutter, die dem Aufruf von „Fridays for Future“ unter dem Hashtag #NeustartKlima gefolgt waren; denn die Freitage, die gehören nun mal der Zukunft, seit elf Monaten geht das schon so, und zwar weltweit.

Es war der vierte Klimastreiktag in diesem Jahr. März, Mai, zuletzt Ende September. Diesmal in 157 Ländern, mehr als 2400 Städten, über 500 allein in Deutschland. In Berlin sollen es diesmal um die 60.000 friedlich frierende und skandierende Demonstranten gewesen sein.

Seeed empfiehlt den Schülern, Samstags zu streiken 

Denn diese Klimasache, die hört einfach nicht auf. Mit dem Klima kann man nämlich nicht diskutieren. Die Natur verhandelt nicht. Unsere Erde ist – selbst an einem Black Friday – vom Umtausch ausgeschlossen. Dass aber die Politik zu Diskussionen und Verhandlungen gedrängt werden muss, darum ging es den Menschen hier; und sie werden nicht aufhören, daran zu erinnern, wie ernst die Lage ist.

Auch an diesem Freitag taten sie es laut und mit zunehmendem Nachdruck, kreativ und mit einem Hang zu Reim und Wortspiel: „Fischers Fritz fischt frisches Plastik“. Und: „Umweltschutz statt Abgasschutz“. Oder: „Keine Toleranz für Klimaignoranz.“ Weil: „Wenn es so weitergeht, ist das wirklich Last Christmas.“

Man wünscht sich ein Klimapaket, kein Klimamogelpäckchen. Aber vor Weihnachten wird das nichts mehr. Vor dem Brandenburger Tor, auf das Leon, der schwindelfreie Baumkletterer, einen hervorragenden Blick haben musste, stand in Berlin die Bühne, waren die Boxen angebracht, die Reden und Musik in die Massen schallten.

Bereits zum vierten Mal in diesem Jahr gingen Zehntausende Menschen auf die Straße. 
Foto: dpa/Kay Nietfeld

Maja Göpel, die Politökonomin und Mitinitiatorin von „Scientists for Future“, sagte: „Es ist kein Umweltproblem, sondern ein Gesellschaftsproblem.“ Reiner Hoffmann, der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, schrie: „Wir müssen die Wirtschaft umbauen, sodass wir die Klimaziele erreichen können.“

Von der Berliner Combo Seeed kam der Hinweis an die Schüler, dass man ja auch mal sonnabends streiken könne. Dann wären Freitage wieder normale Schultage. Dafür gab es weniger Applaus als für die musikalische Darbietung. Sänger Peter Fox hatte wohl ohnehin nicht die Absicht, sich bei den Junghörern einzuschleimen und sagte noch: „Checkt fürs Klima auch euren eigenen Lifestyle!“ Anmerkung: Es waren deutlich mehr Thermoskannen als Plastikflaschen im Einsatz.

Auch „Omas gegen Rechts“ beim Klimastreik aktiv 

Kurz bevor sich der Demonstrationszug Richtung Potsdamer Platz in Bewegung setzte, es waren ja nur acht Grad und die Sonne schwächelte, stimmte ein Mikrofonsprecher einen kollektiven Aufwärmchor an: „Wer nicht hüpft, der ist für Kohle!“ Das brachte vor allem Leon in Schwierigkeiten.

Moralisch und wegen des Gleichgewichts, das er zu verlieren drohte. Klar ist auch er gegen Kohle. Überhaupt gegen alles, das den Klimawandel nicht stoppen kann. In einem für einen Viertklässler etwas zu fachmännischen Statement sagte er, als er dann sicher auf dem Boden angelangt war: „Ein Klimanotstand ist nur eine symbolische Maßnahme. Wir brauchen aber keine Symbolik mehr.“

Da war die Mutter stolz und erleichtert zugleich. So eine Klimademonstration ist bunt und vielfältig, und es gibt auch immer wieder Menschen, die ein gemeinsames Anliegen nutzen, um auf andere Dinge hinzuweisen, mal mit mehr, mal mit weniger Recht.

Da gab es die „Omas gegen Rechts“ oder die „Revolutionäre kommunistische Manifestgruppe“ oder auch die Amerikaner, die „Bernie for President“ forderten. Und trotzdem waren sie alle da, weil es anscheinend etwas gibt, worauf sie sich einigen können. Es ist die Lust auf eine lebenswerte Zukunft, und es ist der Ärger über die Lasten der Gegenwart. Ein Pappschild fragte: „Warum tut ihr nichts?“

Eine anderes behauptete: „Wäre die Erde eine Bank, ihr hättet sie längst gerettet.“ Ihr – das sind die Politiker, denen eine Schülerin ein „Zeugnis Deutschland“ mitgebracht hatte: „Klimaschutz 6, Ethik 6, Verantwortung 6.“ Damit wäre die Versetzung arg gefährdet.

Ihr – das sind die Klimapäckchenschnürer, die eine Tonne Kohlenstoffdioxid mit zehn Euro besteuern wollen, während eine Wiesn-Maß bereits heute 11,80 Euro kostet. Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Die Frau mit dem kunstvoll gemalten Vergleichsschild musste trotzdem viele Selfiewünsche erfüllen.

Demonstration endete im Partymodus 

Der Zeitplan der Demonstration war nicht zu halten, das war früh klar. Über den Potsdamer Platz ging es mit Verspätung weiter die Leipziger Straße entlang, wo die Sprechchöre „Leute, lasst das Glotzen sein, reiht euch in die Demo ein!“ kaum Erfolg hatten; dann nach zweimal links weiter Unter den Linden, wo am Morgen noch flugs die Weihnachtsbeleuchtung angebracht worden war; und wieder zurück zum Brandenburger Tor, zum großen Finale, wo eine Demonstration endgültig im Partymodus angelangt war.

Wer Anselm Bresgott kannte und sogar textsicher war, durfte mitgrölen. Die meisten begnügten sich mit rhythmischem Hüpfen und Klatschen gegen die fies in die Zweitsocken kriechende Kälte.