Einer der wichtigsten Sätze in Heinrich Strößenreuthers Buch steht auf Seite 126 kurz vor Schluss. Er lautet: „Mitten durch die Stadt, das kann so schön sein.“ Mit Pedalkraft durch die Straßen fahren, „zu zweit nebeneinander, tiefenentspannt“ – was für eine Wonne! Normalerweise führt der Berliner Fahrradaktivist in Debatten eine scharfe Klinge, nur zu gern geißelt er saumselige Planer und desinteressierte Politiker.

Doch in Strößenreuthers erstem Buch geht es konstruktiv und freundlich zu. Der Autor stellt die Stadt, deren verkehrspolitische Akteure er so oft heftig kritisiert, sogar als Schrittmacher dar. „Der Berlin-Standard“: So heißt das Buch, das am 13. März erscheint.

Radfahren kann so schön sein! Das ist in Strößenreuthers Buch der gedankliche Ausgangspunkt. Außerdem ist es leise, abgasfrei, klimafreundlich, stadtverträglich. Aber leider ist Radfahren in der Praxis oft alles andere als schön, sondern nervig, gefährlich, eine Lektion in Demut.

Das wiederum ist der Punkt, bei dem „Deutschlands nervigster Radfahrer“, „Störfaktor“, „Verkehrsrebell in schwarzem Anzug“ zu Höchstform aufläuft. Gegen keine mediale Einstufung dieser Art hat der schlanke Alltagsradler aus Mitte, der die meisten Wege tatsächlich auf dem Sattel zurücklegt, bisher eine Gegendarstellung angestrengt. Warum auch?

Heinrich Strößenreuther ist ein Freund klarer Lösungeng

Der Wirtschaftsinformatiker, der bei der Bahn und anderen Verkehrsunternehmen Führungskraft war, bevor er sich in Berlin als Unternehmensberater mit der Agentur für Clevere Städte selbstständig machte, hat nichts dagegen, wenn ihm ein solcher Ruf vorausgeht. Denn erst dann fühlt er sich richtig verstanden.

Der Niedersachse, der auf dem Land bei Wilhelmshaven aufwuchs und als Kind die Freuden velophiler Unabhängigkeit schätzen lernte, teilt gern aus. Und er ist ein Freund klarer, einfacher Lösungen – die in einer Demokratie, die auf dem langwierigen Ausgleich von Interessen basiert und Kompromisse erfordert, oft schwer umsetzbar sind. Mag es auch immer mehr Radfahrer geben: Der Autoverkehr hat weiterhin das größte Gewicht. Wenn Autobesitzer gegen den Wegfall von Parkplätzen und Fahrspuren protestieren, fühlen sich gewählte Politiker unbehaglich.

„Verkehrswende ist nix für Feiglinge“: Diese Einschätzung findet sich auch in dem mehr als 140-seitigen Buch, das im Thiemo Graf Verlag erscheint. Es soll Mut machen und zu beherzten Maßnahmen anregen. So hat der Autor gegen das Prinzip Strafe und Abschreckung absolut nichts einzuwenden, wenn es um den Kraftfahrzeugverkehr geht.

Radaktivist fordert: Mit Schlepper gegen Falschparker

Mit „Schlepperbanden“ und „Jagdfieber“ sollten Ämter dafür sorgen, dass Radfahrstreifen dauerhaft von falsch abgestellten Autos befreit werden. „Bilden Sie ,Squad-Teams‘, gehen Sie mit Razzia-Methoden in Falschparker-Hotspots, ,räumen‘ Sie zwei Wochen lang auf und ziehen Sie weiter, das wirkt. Norden Sie Ihre Polizei auf ,Null-Toleranz‘ ein“, rät der Autor. „Knöpfen Sie sich DHL und Konsorten vor, die die Parkregeln systematisch missachten.“

Und wenn Baustellen Radfahrer gefährden? „Listen Sie die schwarzen Schafe unter den Baufirmen für die nächsten Vergaben von Bauaufträgen auf, bis es auch der letzte Bauunternehmer kapiert.“ Strößenreuthers Botschaft an Vorgesetzte widerwilliger Amtsmitarbeiter und Planer lautet: „Machen Sie klar, wo der Hase langläuft, und setzen Sie schnell Ihre Standards. Statuieren Sie Exempel bei Missachtung und honorieren Sie diejenigen, die mitziehen.“

Heinrich Strößenreuthers Buch ist Munitionskiste und Werkzeugkasten

Aber wie sollten klare Ansagen an Planer, Politiker, Polizeichefs aussehen? Dies ist das Hauptthema von Heinrich Strößenreuthers Buch. Der 51-Jährige widmet es all jenen, die es ernst meinen mit den Radfahrern. Sein Handbuch sollte „in jeder Stadt, in jeder Gemeinde im Regal des Bürgermeisters stehen“, meint er.

Auch Rad-Engagierte, interessierte Bürger, Journalisten können sich angesprochen fühlen. Manchmal als Munitionskiste, manchmal als Werkzeugkasten, mit Plänen und Fotos illustriert, zeigt der farbige Band Möglichkeiten, das Radfahren zu fördern und sicherer zu machen: zum Beispiel mit mindestens drei Meter breiten geschützten Radfahrstreifen, mit Radschnellverbindungen, mit Unfallanalysen nach jeder Kollision.

Berliner Mobilitätsgesetz wird zum Berlin-Standard

Die Idee zu dem Buch kam ihm vor drei Jahren, erzählt er. Damals war er mit Mitstreitern damit beschäftigt, den Entwurf eines „Radgesetzes“ zu erarbeiten. Ein Antrag auf ein Volksbegehren, für den ein immer größer werdendes Team 105.425 Unterschriften sammelte, verhalf vielen Forderungen zum Durchbruch. Sichtbares Ergebnis war das Berliner Mobilitätsgesetz, das 2018 mit den Stimmen der rot-rot-grünen Koalition verabschiedet wurde. Dieses Gesetz ist für Strößenreuther ein Standard, an dem sich alle Städte messen lassen sollten. Es ist eine Perspektive, die überraschend lokalpatriotisch anmutet bei einem kritischen Geist, der an Politikern und Planern seiner Heimatstadt in der Regel kaum ein gutes Haar lässt.

Doch es stimmt: Längst ist der Berlin-Standard, der zumindest auf dem Papier existiert, ein Berliner Exportschlager geworden und befeuert auch anderswo Forderungen, mehr für Radfahrer zu tun. Kritiker sagen, dass dieser Standard Erwartungen in unerfüllbare Höhen treibt und so Politikverdrossenheit fördert. Sei’s drum: In anderen deutschen Städten stehen Radentscheide, die sich am Berliner Mobilitätsgesetz orientieren, ebenfalls auf der Tagesordnung, oder es hat sie dort schon gegeben.

„Dit is Berlin“: Seitenhiebe auf die Berliner Politik

Ein paar Seitenhiebe, die explizit auf Berlin zielen, kann er sich natürlich nicht verkneifen. Im Kapitel „Dit is Berlin“ holzt er gegen gefährliche „Scherzstreifen“ auf den Straßen, gegen den „Tiefschlaf im Senat und in den Bezirken“, den rot-rot-grünen Senat mit seiner mageren Bilanz.

Was soll der Senat mit seinem Buch anstellen? „Für alle Mitarbeiter kaufen, lesen lassen, das Wissen abprüfen, verbindliche Detailstandards festlegen und Nicht-Einhaltung sofort disziplinarisch ahnden. Denn weder die Zahl der Verletzten und Getöteten noch die Klimakrise lässt Zeit, geduldig zu bleiben“, sagt er. „Mitten durch die Stadt, das kann so schön sein“, der Satz von Seite 126 gilt. Aber der Tipp für den Senat ist wieder ein echter Strößenreuther.

Der Berlin-Standard soll am 13. März erscheinen. Heinrich Strößenreuthers Bildband über Deutschlands erstes Mobilitätsgesetz gibt der Thiemo Graf Verlag heraus. Das Hardcover kostet 39,90 Euro.