Berlin - Rund 250.000 mal haben sich Nicole Justs vegane Kochbücher verkauft. Jetzt hat die 32-jährige Berlinerin ein Backbuch geschrieben – „La Veganista backt“. Im Interview spricht Nicole Just über Problemlösungen beim Backen, Vorurteile gegenüber veganem Lebensstil, und warum vegane Garnelen furchtbar sind.

Frau Just, Ihre Bücher verkaufen sich toll. Werden Sie schon auf der Straße erkannt?

Ab und an, hauptsächlich in Veggie-Supermärkten lächeln mich junge Damen und Herren an (lacht).

Ihr neues Buch „La Veganista backt“ ist ein Backbuch. Backen Sie einfach traditionelle Rezepte ohne tierische Produkte nach, oder wurden dafür extra vegane Rezepte entwickelt?

Beides. Das Grundkonzept ist, dass eigentlich jeder vegan backen kann und soll. Ich möchte wirklich alle ansprechen, egal, ob sie schon einmal in der Küche gestanden haben oder nicht. Ein weiterer wichtiger Aspekt war, dass die Zutaten überall erhältlich sein müssen. Zudem versuche ich, alles möglichst einfach erklären.

Wie backt man beispielsweise ohne Eier?

Es ist sehr einfach, ohne Eier zu backen. Die Schwierigkeit ist, dass man aus den ganzen Alternativprodukten das richtige findet.

Und was ist die Alternative zu Eiern?

Ich verwende Apfelmus, Sprudelwasser und Natron. Man muss bedenken, dass Ei im Kuchen verschiedene Funktionen erfüllt. Es bindet und lockert gleichzeitig. Diese Bindung kann man beispielsweise durch Stärke oder die Pektine im Apfelmus erreichen. Das Auflockern besorgt der Sprudel. Und was dazu kommt: Man spart sich viele Kalorien und das Cholesterin, indem man Fett und Eier weglässt.

Auf Fett, das ja für den Geschmack sorgt, verzichten Sie ebenfalls?

Ich verwende Pflanzenfett oder Öl, das ist das Einfachste. Aber mittlerweile bekommt man vegane Produkte auch in fast jedem Supermarkt. Vegan kochen und backen heißt ja nicht, dass man sich nur von Körnern ernährt und auf den Spaß verzichtet. Da gibt es immer noch so viele Vorurteile, die reichen von: „Da werde ich nicht satt“ bis „Es gibt nur Möhren“.

Das ist ein wenig doof, oder? Der unfrohe und mangelernährte Vegetarier / Veganer...

Genau. Mittlerweile ist es hip geworden, aber das ist natürlich auch ein Berliner Ding.

Stimmt es denn, dass vegane Ernährung hilft, schlank zu bleiben.

Nun, in erster Linie hilft es natürlich, nicht so viel zu essen. Aber man kann natürlich in der veganen Küche auf viele Fettmacher verzichten. Man kann sich aber natürlich auch vegan schlecht ernähren. Pommes sind auch vegan.

Ist Ihnen eigentlich wichtig, dass nur das Endprodukt vegan ist, oder der ganze Herstellungsprozess? Rotwein ist ja auch vegan, wird aber zumeist durch Gelatine geklärt – ein tierisches Produkt.

Ich versuche schon, das so weit wie möglich zu betreiben mit der veganen Ernährung. Aber wenn mir irgendwo ein Glas Wein angeboten wird, mache ich da keinen Aufstand. Ich habe keine Lust, Leuten das Gefühl zu geben: „Oh, Gott. Da kommt wieder diese Veganerin.“ Aber es gibt tolle vegane Weine aus Deutschland, die schmecken auch nicht anders. Aber ich trage beispielsweise kein Leder und auch keine Daunen. Wer einmal gesehen hat, wie eine Lebendrupfung aussieht, versteht auch sicherlich, warum.

In Berlin habe ich oft das Gefühl, dass veganer/vegetarischer Lebensstil mit großer Vehemenz und missionarischem Eifer betrieben wird. Wie sehen Sie das?

In Berlin ist das nur gefühlsmäßig so, glaube ich. Es gibt hier eben mittlerweile sehr viele Menschen, die vegan leben. Da trifft man natürlich auch mal jemand aus der Tierrechts-Ecke. Ich erlebe das auch oft auf Facebook, dass Leute Schockvideos posten. Ich habe dafür wenig übrig.

Aber natürlich gibt es Menschen, die engagierter sind als andere. Ich habe aber wirklich selten Leute in dieser Szene kennengelernt, die ich als fanatisch bezeichnen würde. Aber ohne die Arbeit wirklich engagierter Veganer wäre Veganismus ja auch nie im Mainstream angekommen, das muss man auch sehen. Die Einstellung dazu hat sich sehr gewandelt in den vergangenen Jahren: Aldi hat eine eigene Produktlinie eingeführt. Das ist ja nun kein Tante Emma-Laden.

Trauen Sie den Produkten denn?

Ja, ich kenne die Hersteller.

Gibt es ein Produkt, das vegan nicht schmeckt?

Vegane Garnelen schmecken scheußlich. Die wird aus Stärke gemacht und wahrscheinlich irgendeiner Alge, sind aber geformt wie Garnelen. Es gibt auch halbe vegane Hähnchen, das sind Sachen, die müssen nicht sein, finde ich. Aber es gibt Menschen, denen schmeckt das.

Ist das Tofu?

Wahrscheinlich, mit einem künstlichen Hühnchengeschmack. Der ist aber chemisch erzeugt. Viele vegane Käsesorten sind übrigens auch eine Enttäuschung.

Ein Magazin wie „Beef“, dass sich fast gänzlich mit der Zubereitung von Fleisch beschäftigt, ist das schon so eine Art Gegenbewegung zum Veganismus?

Ja, da soll so eine Art von Männlichkeit verkauft werden: Der Mann macht Feuer wie in der Steinzeit. Ich kenne glücklicherweise aber viele Männer, die Manns genug sind, auf Feuermachen zu verzichten. Menschen, die intelligent sind, können da sicherlich differenzieren.

Was gibt’s bei Ihnen Heiligabend?

Zu Weihnachten machen wir in diesem Jahr ein großes Patchworkfest mit Freunden und Familie. Und da wird gemeinsam vegan gekocht. Es wird vegane Rouladen mit Rotkraut geben, dazu natürlich ganz traditionell Kartoffelklöße und zum Nachtisch ein Spekulatiuseis mit Karamell.

Das Gespräch führte Marcus Weingärtner.