Nie wieder anstehen zum Pinkeln: „Mädels, ihr müsst euch für gar nichts schämen“

Gründerin Lena Olvedi will mit ihrer Hockurinal für Gerechtigkeit beim Pinkeln sorgen. Auch Berlin plant die Einrichtung mehrerer „Missoirs“.

Lena Olvedi zeigt, wie ihre mobilen „Missoirs“ aussehen. Die Trennwände liefert sie nur auf Wunsch mit.
Lena Olvedi zeigt, wie ihre mobilen „Missoirs“ aussehen. Die Trennwände liefert sie nur auf Wunsch mit.Sabine Gudath

Nur mal kurz müssen – und in einer gefühlt endlosen Warteschlange landen: eine alltägliche Situation für die meisten Frauen. Während Lena Olvedi bei einer Clubnacht neidvoll zu den vorbeigehenden Männern schielte, fragte sie sich: Warum gibt es eigentlich keine Pissoirs für Frauen? Eigentlich ein naheliegender Gedanke, den vielleicht schon viele Menschen hatten. Doch Olvedi beschloss kurz darauf, ein Unternehmen zu gründen, und setzte ihre Idee um.

Sofort zeichnete sie eine Skizze: Zwei Haltestangen und ein im Boden eingelassenes Urinal sollen die natürliche Hockposition unterstützen und Wasser sparen, Einzelkabinen sind nicht vorgesehen, nur ein Sichtschutz vor der gesamten Konstruktion. „Ich bin auf einer Insel aufgewachsen“, sagt Olvedi. „Deshalb gehe ich am liebsten hinterm Busch pinkeln, und auch Nachhaltigkeit war von Kindesbeinen an ein Thema für mich.“ Olvedi deutet auf den winzigen Toilettenpapierspender des „Missoir“-Modells, das auf dem Tisch in ihrem Büro in Kreuzberg steht. Der soll übermäßigen Papierverbrauch verhindern, die Einzelblätter kommen dann in einen Mülleimer direkt hinter den Hockurinalen.

Berlin plant Einrichtung mehrerer Missoirs

Sowohl Hocktoiletten als auch Toilettenpapierspender gab es schon vor Olvedis Gründung. Das Besondere an den Missoirs sind die Spritzschutzgitter.

Als Olvedi begann, sich mit der Gründung eines Unternehmens und der Sanitärbranche zu beschäftigen, stieß sie auf Widerstände. „Ich bewege mich in einer Männerdomäne und wurde anfangs oft belächelt“, sagt sie und klingt dabei etwas verbittert. So kreuzte sie mit dem ersten Entwurf in einer Metallwerkstatt auf, ohne zu wissen, was eine technische Zeichnung ist. Doch Olvedi lernte schnell dazu, recherchierte, meldete Schutzrechte an, ein Bekannter half ihr mit den technischen Zeichnungen. Der erste Prototyp stand 2019, 2020 gründete sie ihr Unternehmen offiziell. Laut einer Studie des Female Founders Monitor waren 2020 unter sechzehn Prozent der Gründerinnen in Deutschland weiblich. Außerdem erhalten Frauen demnach weniger Investitionen.

Vor den drei Hockurinalen ist ein Sichtschutz angebracht.
Vor den drei Hockurinalen ist ein Sichtschutz angebracht.BLZ / Grafik: Monica Rodriguez /Quelle: MISSOIR

Nach der Gründung stockte Olvedis Geschäft wegen der Pandemie. Schließlich sind die Missoirs vor allem für Orte gedacht, an denen viele Menschen zusammenkommen und „viel trinken“. 2022 war sie dann endlich auf mehreren Großveranstaltungen und Festivals mit ihren Missoirs unterwegs. Bei den Mobilen Missoirs zur Vermietung als Leihgabe sind der Transport, der Aufbau und das Personal, sogenannte „Pipilottas“ inklusive. Beim Verkauf kann das Missoir Set in vorhandene Sanitärräumen eingebaut werden. Olvedi will öffentlich keinen Preis nennen, denn sie sucht momentan Investoren, „damit die kleinste Bar in Kreuzberg sich das Missoir auch leisten kann“.

Auch der Verkauf läuft langsam an. Im Sommer 2021 stand in der Hasenheide das erste Berliner Missoir, das Unternehmen „Eco-Toiletten“ hatten ein Missoir gekauft und die Citytoilette mit Sitztoilette, Pissoir und Missoir zur Verfügung gestellt. Doch aufgrund der Kosten der Eco-Toiletten von etwa 60.000 Euro im Jahr hat der Bezirk sie Ende des Jahres wieder abgebaut, teilt Andreas Rößler vom Bezirksamt Neukölln der Berliner Zeitung mit.

Eine Wall-Toilette sei zu dieser Zeit außerdem schon in Planung gewesen, fügt Rößler hinzu. Der Umstand, dass Frauen in Berlin für den Besuch der genannten Wall-Toiletten 50 Cent zahlen müssen, Männer das Pissoir aber kostenlos nutzen dürfen, sorgte für Kritik. Aufgrund der vielen Einbrüche beschloss der Senat schließlich, 50 der 280 Toiletten in Berlin kostenlos zur Verfügung zu stellen, für die anderen muss man mit Karte bezahlen. „Das schließt noch mehr Menschen aus“, sagt Olvedi. Sie ist der Meinung, ihr Missoir könnte für einen gerechteren Zugang sorgen. Im Frühjahr 2023 plant Berlin, 24 „autarke“ Toiletten aufzustellen. Das sind Toiletten, die ohne Strom- und Wasserversorgung funktionieren, wie die Missoirs.

Urinale für Frauen gibt es schon länger, die meisten erlangten aber keine Marktreife und die Erfindungen waren nicht auf die Hockposition ausgelegt. Olvedi stellt sich mit dem Rücken an die Wand und macht vor, wie umständlich diese Haltung ist. Olvedi lacht viel, sie erzählt von einem Selbstversuch an einer Pissrinne für Männer, der kläglich gescheitert ist.

Sie habe Mete Demeriz kontaktiert, sagt sie. Einen Wissenschaftler, der schon vor Jahren Frauenurinale entwickelt hat, ihr viel Glück wünschte und vermutete, ihre Erfindung würde nun besser angenommen. „Die Zeit ist reif“, sagt Olvedi. Das sei ein Faktor, der ihr zuspielt. Heutzutage würde offener über schambesetzte Themen wie die Periode gesprochen. Und obwohl die Pandemie Großveranstaltungen immer wieder verhindert, könne sie sich auch positiv auf den Erfolg auswirken, meint Olvedi: „Hygiene ist wichtiger als zuvor“, sagt sie. Die Missoirs funktionieren kontaktfreier als herkömmliche Toiletten.

Die Toilette als Wohlfühlort

„Missoirs bedeuten Gleichberechtigung für ein Grundbedürfnis“, sagt Olvedi. „Die Frauen fühlen sich in ihrer Weiblichkeit sehr viel befreiter.“ Lena Olvedi spricht im Gespräch mit der Berliner Zeitung zwar immer wieder von „Frauen“, betont aber, dass das Konzept für FLINTA* gedacht sei, also Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agender Personen. So kommuniziere ihr Team das auch auf den Veranstaltungen. Auf Wunsch liefert Olvedi auch Trennwände zu den mobilen Missoirs. Sie ist aber überzeugt, es diene der Gleichberechtigung, die „auferlegte Scham“ abzulegen und nebeneinander die Hosen herunterzulassen. „Mädels, ihr müsst euch für gar nichts schämen“, sagt sie.

Von Urinellas, einer Papp- oder Kunststoffkonstruktion, mit der Frauen im Stehen pinkeln können, hält Olvedi nichts. Diese Ersatzkonstruktion für den Penis vermittle den Frauen Unvollständigkeit: „Ich hab alles, was ich brauche, um zu pinkeln“, sagt sie. Außerdem seien die Urinellas oft ein Wegwerfprodukt aus Pappe oder aus rosarotem Plastik.

Der Raum rund um die Missoirs fördere die gegenseitige Unterstützung unter FLINTA*, meint die Gründerin. Bei Rock am Ring gebe es noch kein Awareness-Konzept, und der Raum um die Missoirs biete auch auf anderen Festivals einen alternativen „Safe Space“: Viele Frauen hätten bei dem Missoir-Team Schutz vor Belästigung gesucht, die Rückmeldung war oft, dass sie sich dort sicher und wohl fühlten. „Unsere Pippilottas sind wie Löwinnen“, sagt Olvedi. „Wenn dieses Gefühl ein Klo machen kann, hab ich Pippi in den Augen.“ Das sei das Schönste an ihrem Beruf, sagt sie, den Frauen einen solchen Ort bieten zu können.