Nigel Kennedy will seine neue Einspielung „Recital“ als Reflexion seiner musikalischen Früherziehung verstanden wissen. Dazu lässt er Bach mit den Jazz-Pianisten und -Komponisten Dave Brubeck und Fats Waller in Korrespondenz treten und huldigt nebenbei seinen Mentoren Yehudi Menuhin und Stéphane Grappelli.

Die ernsthafte Auseinandersetzung mit ihm erschwert er trotzdem. Als ewiger Rebell des Klassikbetriebs ließ er sich kürzlich mit Bierflasche und in Jogginghose am frühen Morgen im Hamburger Millerntor-Stadion inszenieren. Zu Werbezwecken, denn der kultivierte Rebell geht auf Konzertreise und macht am 18. April im Berliner Konzerthaus Station. Zum abendlichen Gespräch über Helden und Mitläufer, Kommerz und Kunst, trank Kennedy trotzdem Tee.

Ich war mir sicher, Sie mit Whiskeyglas statt mit Teetasse anzutreffen. Wird die Darstellung Ihres Rüpel-Images mit 56 Jahren zunehmend schwerer?

Ich sage Ihnen, warum ich diesen verdammten Tee trinke. Ich fiel dem Grippe-Virus zum Opfer, dem kürzlich halb Europa erlag. Einem Image entspreche ich nicht mehr, seitdem ich die Schule verließ und mich gegen meinen jahrelang durchgehaltenen Vegetarismus entschied.

Wie gut, dass Sie Provokation als Mittel zum Zweck verstehen.

Ich sehe mich gar nicht als Provokateur, aber die Geräuschkulisse, die mich umgibt, wird zunehmend grotesker und lauter. Einer wie ich fällt in diesem ganzen gottverdammten Irrsinn doch nur auf, weil ich keinen formelhaften Charakter besitze.

Sondern?

Ich bin ein völlig normaler Mensch mit Widersprüchen.

Ich bitte Sie! Ihre Haare, Ihr pausenloses Fluchen, Ihre kultivierte Andersartigkeit!

Ich weiß, was Sie meinen, aber ich bin so wie ich bin. Friseurtermine sind Zeitverschwendung, weswegen ich seit knapp 30 Jahren keinen Friseur mehr sah. Als andersartig werde ich nur wahrgenommen, weil es da draußen inzwischen einen Radikalkonformismus gibt und mit dem Fluchen bin ich in meinem Land aufgewachsen. In England flucht jeder ununterbrochen.

Stört es Sie nicht, dass man sich weniger mit Ihrer Musik als mit Ihnen als Klassik-Rebell auseinandersetzt?

Welcher Schaden entsteht dabei für mich? Die paar Dinge, die man über mich weiß, werden maßlos aufgeblasen, das stimmt. Wenn jemand sein Bild von mir wegen meiner Haare formen will, kann er das gerne tun. Ich weiß, dass ich mehr bin als eine Projektionsfläche für die Sündenfälle meiner Betrachter.

Sie werden mitunter als Held unter den Geigern gefeiert, weil Sie den Jazz mit der Klassik, Bach mit Hendrix und Dave Brubeck in einen Dialog schicken.

Meine Helden sind Yehudi Menuhin und Stéphan Grappelli, weil mir diese Typen zeigten, was man als Musiker alles sein kann. Sie lehrten mich nicht nur, ein guter Geiger zu sein, sondern prägten meinen Lebensweg, indem sie mir vorlebten, dass man eben nicht nur einen vorbestimmten, musikalischen Weg einschlagen muss. Verglichen mit den beiden Herren, bin ich ein geklonter Held, wenn ich überhaupt einer bin.

Ihre Ausdrucksbesessenheit hat die millionenfach verkaufte „Vier Jahreszeiten“-CD zu einer der originellsten Violinen-Einspielungen gemacht.

Ja und zwischendurch wurde mir Schlampigkeit vorgeworfen, weil ich es wagte, Hendrix auf die Konzerthaus-Bühne zu bringen. Wissen Sie, ein Musiker der sich selbst beschneidet, ist kein Künstler, sondern Dienstleister. Ich bin keine Person, die nur Noten spielt. Meine Musik muss immer Persönlichkeit, Charisma und viel konstruktive Energie besitzen. Dann ist sie originell.

Was halten Sie in dem Zusammenhang von David Garrett und der Geiger-Generation, die Ihnen folgte?

Oh je, ich mag Musik nicht, die ausschließlich des kommerziellen Nutzens wegen aufgenommen wird. Ich weiß, wir leben in einer Zeit, in der alles was vermeintlich gut ist, mit Euros, Pfund-Noten und Dollars erklärt wird. Aber all das Geld, das die Mitläufer scheffeln, kann trotzdem nicht davon ablenken, dass sie erschreckend wenig originell sind.

Was muss Musik im Jahr 2013 können?

Sie muss das Leben spiegeln und viel Menschlichkeit besitzen. Gute Musik war immer auch ein Auflehnen gegen Obrigkeiten und unsere schlimmste Obrigkeit ist derzeit das Fernsehen. Man versucht uns durch schnelle Schnitte und wenig Informationen zu Idioten zu machen, die an eine Realität glauben soll, die immer weniger existiert. Ich mache da nicht mit.

Haben Sie Ihren Fernseher schon verbannt?

Unglücklicherweise habe ich mich noch nicht getraut, die Kiste zu verschrotten, weil es da dieses Spiel gibt, das man Fußball nennt. Aber ich bin fast so weit, denn der Fußball ist inzwischen auch am Geldwert erkrankt, den er besitzt. Die Identifizierung von Spielern mit ihren Vereinen geht zunehmend flöten, weil für jeden guten Spieler das große Geld lockt und bevor man sich als Fan versieht, hat Mister Superspieler seinen Verein schon wieder Richtung Bankkonto verlassen. Richtiges Zugehörigkeitsgefühl zu einem Fußball-Verein wird dadurch langfristig unmöglich gemacht.

Jetzt klingen Sie aber sehr pessimistisch.

Ach was, es gibt mehr intelligente Menschen auf der Welt als uns glauben gemacht werden soll. Aber Sie wissen ja wie es ist, der Mist schwimmt immer oben. Ich ertrage die Homogenisierung der Welt nur sehr widerwillig und ich finde es wichtig, dass man dagegen rebelliert.

Indem man ein Nigel-Kennedy-Konzert besucht?

Warum nicht? Ich gehe mit viel Liebe zur Musik und zu meinen Zuhörern auf die Bühne. Gibt es eine subversivere Kraft im globalisierten Einerlei als Liebe?

Das Gespräch führte Michael Loesl