1987 waren die Kriegsreparaturen vollendet. Eine Kugel ist neu befüllt.
Foto: Stiftung Stadtmuseum Berlin/Oliver Ziebe

Berlin-MitteWo könnte ein Schatz sicherer aufbewahrt werden als in 81 Metern über dem Erdboden an der Spitze eines Kirchturmes? So war es weithin üblich, historische Zeugnisse, Dokumente oder Münzen, dort unterzubringen und der Nachwelt zu überliefern.

Diesem Brauch folgte die Berliner Kirchengemeinde St. Nicolai, als sie 1514 zum ersten Mal das, was sie für bedeutsam genug auserwählt hatten, einer Kugel übergab. Zu jener Zeit hatte das älteste sakrale Bauwerk Berlins nur einen Turm. Man hatte die Kugel erneuern müssen und die Gelegenheit ergriffen, eine Zeitkapsel zu begründen. Deren Schicksal wurde selber zur Geschichte.

Ausstellung im Stadtmuseum

Der Schatz kann mittlerweile quasi am tiefsten Punkt der Kirche besichtigt werden: Im ältesten umbauten Raum der Stadt, dem Gewölbe im Turmfuß der Nikolaikirche, also genau unterhalb der mittelalterlichen Spitze, stellt das Stadtmuseum den Schatz aus, den Bürger die Jahrhunderte zusammenstellten.

Siebenmal wurde die Kapsel ergänzt, immer wieder ergaben sich Möglichkeiten dazu. Eingelegte Schriftstücke berichten, wie es jeweils dazu kam: „Anno 1584 ward der Thurm gedecket …“, Meister Andreas Leonhart von Halle, ein Bürger Berlins, und sein Geselle Hans Hofmann nahmen den Knauf ab und setzten ihn mit neuen Einlagen ergänzt wieder auf.

Der Schatz aus der Kugel enthält u.a. eine arabische Münze aus dem 8. Jahrhundert, eine Drachmen von Thassos und einen Golddukaten von Friedrich II.
Foto: Stiftung Stadtmuseum Berlin

Zeitung von einem kalten Jahr

So war es auch schon 1538 (die hölzerne Haltestange der Kugel musste ersetzt werden) sowie 1551 geschehen, und so ging es 1671 weiter. Bei der nächstfolgenden Ergänzung kam unter anderem ein Bericht über die dramatischen Ereignisse des Jahres 1695 hinzu: „Wein-Holz samt denen bereits vorhanden gewesenen häufigen Trauben bis auf den Grund erfroren, dergleichen keiner gedenken kann, auch hat es diesen Sommer über dem kalten Wetter so sehr geregnet, dass viel Sommerkorn und Heu verdorben und was noch gut geblieben, nicht eingeerntet noch gewonnen werden kann. … Gott gebe, daß nicht eine theure Zeit darauf erfolgen werde. Berlin, den 20. September 1695, an welchem Tage dieses dem Knopf mit einverleibet worden, und die Bäume hin und wieder im Lande geblühet.“ Solch wichtige Nachricht hieß damals Zeitung.

Ein Protokoll gibt Aufschluss

Was aber steckte sonst in der vergoldeten Kupferhülle, die mit einem Meter Durchmesser einiges Fassungsvermögen hatte? Wir wissen es genau aus einem am 4. Januar 1878 in der Berliner Propstei angefertigten Protokoll. Die Kugel hatte man diesmal abnehmen müssen, weil der mittelalterliche Turm abgerissen wurde.

Man fand sieben Pakete, jedes gekennzeichnet mit dem Jahr der Einlage. Darin neben den Schriftstücken drei Stiche und 287 Münzen, Medaillen und Medaillons sowie drei Inschriftplaketten. In einem roten Samtbeutel steckten zwölf von Kurfürst Friedrich III. 1695 persönlich im Knopf deponierte Medaillen.

Gerettet, verborgen, verschollen

Dem 1878 erstarkenden Bürgersinn und den Bitten des Märkischen Provinzialmuseums folgend ersuchte der Magistrat den Gemeindekirchenrat, wertvolle Objekte erwerben zu dürfen. Man lehnte ab, die sieben Päckchen kehrten zurück in die Höhe – in eine der nunmehr zwei Kugeln, denn damals erhielt die Kirche ihre Zwillingstürme.

Dort ruhte der Schatz, bis im Juli 1944 Bomben einschlugen. Die Türme sanken zusammen, die Kugeln wurden geborgen, in den Gewölben des Stadthauses eingelagert. Bei Kriegsende verlor sich die Spur des Schatzes – bis 1990 ein Berliner namens Ernst Meyer im Märkischen Museum auftauchte – mit einer Sammlung von Münzen und Dokumenten, die er von seinem Bruder Felix geerbt hatte samt der Anweisung, diese im Museum abzugeben.

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Gegen Entschädigung an die Stadt

Es war der verschollene Schatz, Felix Meyer hatte ihn im ausgebrannten Keller des Stadthauses gefunden. Kaum zehn Prozent der Objekte fehlten. Ernst Meyer überließ das Ererbte gegen Entschädigung dem Museum.

Nach alldem steht man andächtig vor den Vitrinen in der Nikolaikirche.