Berlin - In Berlin wird sehr viel über die Verkehrswende geredet. Manchmal glaubt man deshalb, sie finde tatsächlich schon statt. Die Autos verschwinden aus der Stadt, zumindest der Innenstadt, das Radfahren wird sicherer und angenehmer. Oder stimmt das gar nicht?

Vor einem Jahr beschrieben wir zwölf Radstrecken, die wir in Berlin besonders fürchten. Und machten (man kann nicht immer nur meckern) Vorschläge für mehr Sicherheit. Zwölf Monate später haben wir tatsächlich einige kleine Verbesserungen festgestellt. Doch viele Straßen und Kreuzungen sind für Radfahrer so schlimm wie eh und je. Oder schlimmer geworden. Radfahren in Berlin bleibt ein Hochrisikospiel. In unsere Hitliste der Horrorstrecken 2022 hat es sogar ein ganzer Bezirk neu geschafft!

Welche Straßenabschnitte fürchten Sie besonders? Und wo hat sich etwas verbessert? Wir freuen uns über Ihre E-Mails an briefe@berliner-zeitung.de. Und jetzt Helm auf, die Fahrt beginnt!

Neukölln

imago/Travel-Stock
Radfahrer auf der Pannierstrasse.

Fahrradstraße, die langsam zu einer wird:

Der erste Abschnitt von Berlins irgendwann längster Fahrradstraße ist schon lange fertig – der Teil der Weserstraße zwischen Kottbusser Damm und Pannierstraße. Nach Jahren der Planung und Bauarbeiten, die noch ein halbes Jahr länger dauerten als angesagt, ist die Weserstraße seit ein paar Wochen auch zwischen Pannier- und Weichselstraße Teil dieses Vorzeigeprojekts im Bezirk: Eine Fahrradstraße, die einmal 2,5 Kilometer lang sein soll und parallel zur Sonnenallee verläuft.

Das Kopfsteinpflaster wurde durch eine Asphaltdecke ersetzt, es gibt Fahrradständer zu beiden Seiten und unübersehbare, weiße Fahrradsymbole auf der Straße. Sieht toll aus. Autos sind auf einer Fahrradstraße weitgehend tabu, doch angesichts der Verkehrsgewohnheiten in der Weserstraße muss man sagen: Das ist reine Theorie oder Wunschdenken. Die Verkehrszeichen, die besagen, dass nur Anlieger diese Straße mit ihrem Auto benutzen dürfen, oder jemand, der einen Termin hier hat, werden ignoriert. Vor allem auf dem ersten Abschnitt. Und wer sollte es kontrollieren? Manchmal habe ich das Gefühl, Autofahrer benehmen sich auf der Weser-Fahrrad-Straße besonders rüpelig – um klarzumachen, wer hier immer noch das Sagen hat.

Um wenigstens das Durchrauschen zu verhindern, vielleicht auch, weil die Weserstraße zu eng ist, als dass zwei Autos nebeneinander passten, was sich früher oft durch minutenlange Hupkonzerte äußerte, wurden der neue Fahrradstraßenabschnitt zur Einbahnstraße für Autofahrer erklärt. Gute Idee! Es hilft auch. Nur manche Autofahrer ignorieren die neue Regelung einfach.

So wird’s  besser: Wer Autofahrer hat, die Einbahnstraßen- und Fahrradstraßenschilder missachten, braucht wenigstens Modalsperren. Nur so hat es wenigstens der Durchgangsverkehr schwer. Eine solche ist an der Kreuzung Weichselstraße/Weserstraße in Aussicht gestellt. Sie muss kommen! Susanne Lenz


Eine Spur führt aus der Hölle:

Die Hermannstraße bleibt eine Radfahrerhölle, jedenfalls auf dem langen Abschnitt zwischen Hermannplatz und Thomasstraße. Noch immer wird dort alles praktiziert, was dem Radfahrer das Leben schwer macht: Parken in zweiter Reihe, Gehupe, Überholen ohne Abstand, Türöffnen ohne Schulterblick. Und damit müssen sich Radfahrer noch eine ganze Weile herumschlagen.

Aber am südlichen Ende der Hermannstraße hat sich was getan. Von der Thomasstraße an bis zur Glasower Straße gibt es einen Radweg auf beiden Seiten. Er ist nicht so luxuriös breit wie der entlang des Kottbusser Damms, und er ist vor allem nicht so gut geschützt durch Poller oder Schwellen. Bei meiner Kontrollfahrt parkten drei Paketdienste auf dem schönen neuen Fahrradstreifen. Und ein Ferrari.

An manchen Stellen mündet die neue Spur auch umstandslos in eine Busspur, um dann ein paar Meter weiter vorne wieder aufzutauchen. Mal befinden sich auch Autoparkplätze ungünstig auf der rechten Seite. Trotzdem muss man dem „Netzwerk Fahrradfreundliches Neukölln“ gratulieren. Wer hätte gedacht, dass das Bezirksamt Neukölln sich in Sachen Hermannstraße erweichen lässt? Noch ist diese Radspur Stückwerk, doch irgendwann soll auch der Radweg kommen, der die Hermannstraße vom Hermannplatz an sicherer macht. Nächstes Jahr vielleicht. Oder übernächstes.

So wird’s besser: Schneller planen und umsetzen, gerade, wenn es darum geht, rote und grüne Farbe auf die Straße zu bringen. Susanne Lenz


Kreuzberg

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Die Warschauer Brücke

Leidlich reparierte Buckelpiste:

Es ist ein bisschen so, als hätte jemand offene Knochenbrüche mit Pflastern behandelt. Unter Aussparung jeglichen chirurgischen Grundwissens, aber immerhin großflächig. Doch für Radfahrende, die darauf angewiesen sind, bei einer Fahrt auf der Skalitzer Straße zwischen Schlesischem und Kottbusser Tor in Kreuzberg nicht selbst in einer chirurgischen Ambulanz – oder schlimmer – zu landen, sind die Überlebenschancen durch die Reparaturen nur unwesentlich gestiegen.

Noch immer ist die Fahrt in beiden Richtungen eine Belastungsprobe für Körper und Fahrrad. Es hoppelt, man hopst, ein hoffnungsloser Großstadtromantiker, wer hier noch aufrüttelnde Wellness für alle Ellen und Speichen vermutet. Hier, wo der Weg nicht asphaltiert ist, sondern von nach oben drängenden Baumwurzeln durchzogen ist wie ein welkes Bein mit Krampfadern. Die behandelt man ja auch nicht mit Pflastern.

Aufpassen müssen vor allem Radfahrende, die auf einer vorbildlich breiten Trasse über die Oberbaumbrücke aus Friedrichshain nach Kreuzberg brettern. Gleich hinter der Ampel am Schlesischen Tor beginnt ein Hindernisparcours, der erhöhte Alarmbereitschaft erfordert. Auf Höhe der schier ewigen Ersatzhaltestelle fährt man in einen Schilderwald hinein, passiert echte Bäume, die auf Kniehöhe in den ohnehin kaum für Überholmanöver geeigneten Radweg ihr Blätterwerk treiben. Wer wie beim Weltcupslalom in Alta Badia gelernt hat, alle Hindernisse mit den Händen zur Seite zu schlagen, ist ein Rüpel, aber klar im Vorteil. Alle anderen können tatsächlich froh sein, wenn sie das mit Pollern aufgerüstete Kottbusser Tor erreichen, ohne einen Touristen aufgegabelt zu haben oder mit einem halb in den Radweg hineinparkenden Auto kollidiert zu sein.

Die größte Gefahr auf dem Rückweg, wo die Wurzelpflaster wohl ausgegangen sind, geht übrigens von den Leute aus, die den Görlitzer Park verlassen. Die schweben nicht selten schon morgens entspannt über den Dingen, werden dann aber umso wütender, wenn man sie nach einem unfreiwilligen Zusammenstoß mit dem Boden der Tatsachen konfrontiert.

So wird’s besser: Radweg noch einmal, und diesmal mit dem nötigen Grundwissen, reparieren. Paul Linke


Zwei Radspuren, beide weiter nicht zu gebrauchen:

Die Alexandrinenstraße in Kreuzberg ist immer noch eine schmale, freundliche Straße mit viel Grün und Fahrradwegen in beide Richtungen. Die beide weiterhin nicht benutzbar sind. Fährt man nach Norden, muss man immer noch Fußgänger bitten, zur Seite zu treten, weil der Unterschied zwischen beiden Fortbewegungsspuren nicht deutlich genug gekennzeichnet ist. Das weiße Fahrradsymbol auf dem Weg ist weiterhin kaum zu erkennen. In der Gegenrichtung kämpft man mit Wurzelwerk, das die Fahrt unangenehm holperig macht. Beim Ausweichen auf die Autospur höre ich innerlich immer noch diesen einen Autofahrer brüllen: „Nimm den Radweg, du Sau!“

So wird’s besser: Radweg asphaltieren, deutliche Kennzeichnung des Radwegs. Vielleicht klappt es ja bis 2023? Cornelia Geissler


Mitte

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Ein Radfahrer auf der Leipziger Straße.

Umbau geplant - aber nicht begonnen:

Nach Jahren des Grauens an der Ecke Torstraße / Schönhauser Allee habe ich mich resigniert an die unzureichende Wegeführung für Radfahrer gewöhnt und glaube mittlerweile manchmal, das muss so. An der Kreuzung mündet, von Norden kommend, irgendwann einmal der Panke Trail. Der Umbau der Schönhauser zum Radlerparadies ist bekanntlich geplant, aber noch nicht begonnen.

Immerhin sind die gelben Klebestreifen, die auf der ganzen Strecke von Pankow bis Mitte den Track für die Fußgänger von dem der Radfahrer trennen, gut zu sehen. In wilden Schlenkern manövrieren sie um Baustellen, unter Gerüsten hindurch und um Haltestellen herum. Sie sind die Schleifen um das Dilemma, dass Platz in einer Stadt eben geteilt werden muss. Die Verhandlungen darüber, wer wie viel bekommt, dauern.

Der Weg über die Schönhauser Allee bis zur Torstraße und vor allem über sie hinweg ist ein guter Gradmesser für die persönliche Tagesform. An schlechten Tagen steige ich ab und schiebe das Rad über die Fußgängerampeln in Richtung Volksbühne. An guten Tagen reihe ich mich in die Kolonne der Todesmutigen ein, die mit ausgestrecktem Arm den motorisierten Rechtsabbiegern anzeigen, dass sie wirklich einhändig die Gleise der Tram queren wollen. Auch gelingt es dann oft, nicht in einen Geisterfahrer aus der Max-Beer-Straße oder hinten auf den Gepäckträger einer Lastenradmutti zu krachen. Hat man es geschafft, fühlt man sich schon wie ein cooler Berliner. Nur die mutigsten Touristen auf Rollern trauen sich diese Strecke zu. Oder die ahnungslosesten.

Doch das Hochgefühl währt nicht lange: Folgt man der für Fahrräder ausgewiesenen Max-Beer-Straße bis zur Kreuzung Münzstraße, wird der Pulk jäh ausgebremst. Nicht selten muss man an der Kreuzung warten, bis sich ein Radler vom Sattel schwingt und den Zebrastreifen dort schiebend überquert und so den Autoverkehr zum Stillstand zwingt. Dann huschen die Radler über die Münzstraße wie scheue Stadthäschen.

So wird’s besser: Auf das Ende der Verhandlungen hoffen. Eine Ampelschaltung, die Verkehrsteilnehmer voreinander schützt, wünschen wir uns weiterhin. Stefanie Hildebrandt


Herzinfakt, nach wie vor:

Vor einem Jahr schrieb ich an dieser Stelle über das Herzinfarkt-Potenzial auf meiner Arbeits-Radstrecke, die mich auch am Roten Rathaus vorbeiführt. Eigentlich müsste ich jetzt nur Copy-and-Paste drücken, denn geändert hat sich seither exakt nichts. Die Baustelle vor dem Berliner Regierungssitz ist noch genauso lärmend und genauso raumgreifend, und der Behelfsradweg an der Grunerstraße noch immer genauso gefährlich. Inzwischen hat sich stellenweise die gelbe Klebemarkierung auf dem Asphalt verabschiedet, die dem (natürlich!) zweispurigen Autoverkehr nebenan signalisieren soll, dass hier auch ungepanzerte Nicht-Stinker unterwegs sind.

Schlenkert an dieser Stelle der BVG-Bus aus oder der vollbeladene Kieslaster, dann wird’s auch für gestählte Alltagsradler wie mich schon mal aufregend. Die zehn Kilometer von Pankow bis nach Kreuzberg halten aber auch noch andere Perlen bereit. Vor allem jetzt in der warmen Jahreszeit, wo einem auf dem knapp bemessenen Pseudo-Radstreifchen am Mühlendamm in Richtung Alex gern mal ein fröhlich-ahnungsloser Flip-Flop-Tourist auf dem E-Scooter geisterfahrend entgegenkommt und man in halsbrecherischer Manier ausweichen muss. Dann wiederum hupt einen der Sportwagen an, der sich noch wenige Meter zuvor auf einer gemeinsamen Bus- und Radspur regelwidrig vorbeigedrängelt und so den Stau umfahren hat.

So wird’s besser: Das zweite Quartal 2024 herbeisehnen, dann soll der Umbau des Molkenmarkts fertig sein. Anne Vorbringer


Prenzlauer Berg

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Kreuzung an der Pappelallee in Höhe der Schönhauser Allee

Schlimmer geht immer:

Fast schon entspannt ist das Radeln auf der Greifswalder Straße, sieht man mal vom Radweg am gleichnamigen S-Bahnhof ab, der dort auf dem Bürgersteig verläuft und von aus S-Bahn und Tram strömendem Fußvolk gern komplett ignoriert wird. Neulich wollte ich mal eine Alternative ausprobieren und wählte eine andere Hauptachse Berlins, die Prenzlauer Allee. Ich rate Nachahmern dringend ab, es sei denn, Sie stehen auf Buckelpisten, Aushilfsradwege auf engen Bürgersteigen und Beinahe-Crashs mit Kinderwagen. Jeden in dieser Stadt Verantwortlichen, der mir etwas über die sogenannte Verkehrswende erzählt, möchte ich gern auf diese Strecke schicken. Oder auf die Landsberger Allee. Dort soll es noch schlimmer sein.

So wird’s besser: Die vielbeschworene Verkehrswende herbeisehnen. Jedes Quartal aufs Neue. Anne Vorbringer


Friedrichshain

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Mehr Zweiradrambos:

Die Frankfurter Allee ist ein knapp vier Kilometer langer Abschnitt einer Pendlerschneise von Jwd nach Mitte. Zwischen Frankfurter Tor im Westen und der Lichtenberger Brücke im Osten tobt jeden Morgen und jeden Nachmittag ein offener Straßenkampf, ausgetragen mit Hupen und Du-hast-wohl-einen-Vogel-Fingern. Vor einem Jahr ist auf Höhe des U-Bahnhofs Samariterstraße eine Frau ums Leben gekommen. Sie wollte einem auf dem Radweg parkenden Lieferwagen ausweichen und wurde von einem Sattelzug erfasst. Vor dem Geisterrad liegen frische Blumen.

Dieses Teilstück ist immer noch ein Provisorium, die Fahrbahn beginnt gleich hinter einer gelben Markierungslinie. Und die ist für einige Autofahrer nur ein Vorschlag, nicht auf dem Radweg zu halten. Ansonsten sind die Pop-up-Radwege in beiden Richtungen zum Großteil verstetigt worden, vor allem stadtauswärts. Der Radverkehr hat dadurch spürbar zugenommen. An den Ampeln stauen nicht mehr allein Autos. Man hört jetzt auch Klingeln, die Hupen der Zweiradrambos, die manchmal sogar noch eine Hand freihaben für den imaginären Scheibenwischer.

So wird’s besser: Das letzte Teilstück endlich fertigstellen, alle Pendler zur Fahrradführerscheinprüfung schicken. Paul Linke


Hochrisikospiel am Boxi:

Es ist hier leider noch so, wie wir es vor einem Jahr beschrieben haben: Kaum eine Straße ohne Kopfsteinpflaster, alles ist eng, während es nicht einen einzigen sinnvollen Fahrradweg gibt, während Autos schnell und dicht an einem vorbeiziehen. Wir nannten es damals: Hochrisikospiel. Zur Erhöhung der Gefahr sind großflächig Bauzäune im Gebiet verteilt. Als Radfahrerin meidet man den Boxhagener Platz und die Straßen, die ihn umgeben, wenn es nur irgendwie geht. Wenn man zu Recherchezwecken doch hinmuss? Man kann ein Rad auch schieben.

So wird’s besser: Schwer zu glauben, dass es hier irgendwann besser wird. Antonia Groß


Lichtenberg

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Frankfurter Allee

Chicken Game für Eltern:

Über die Gotlindestraße in Lichtenberg könnte man problemlos schwere Waffen bewegen. Jedenfalls liegen hier noch diese Panzerplatten herum, wie früher auf osteuropäischen Autobahnen. Mit der Zeit sind die Plattenübergänge nicht fließender geworden. Wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, muss die Höhenunterschiede beachten. Und gleichzeitig auf stehende oder sich bewegende Autos aufpassen, denn es ist eng hier. So eng, dass es nicht selten zum Chicken Game kommt: Wer weicht zuerst aus?

In der Gotlindestraße rivalisieren vor allem Eltern miteinander. Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto in die Schule oder Kita bringen und später wieder abholen, und Eltern, die das Fahrrad nehmen. Nicht selten erleben dann die Kleinen, wie die Großen um die Vorfahrt streiten. Aus pädagogischer Sicht macht Hoffnung, was auf der Seite radbezirk-lichtenberg.de steht, nämlich, dass „auf zahlreichen Nebenstraßen ein Netz aus Fahrradstraßen (bzw. Fahrradvorrangstraßen)“ geplant ist. Die Panzerplatten werden vielleicht woanders gebraucht.

So wird’s besser: Autoeltern an den Klimawandel erinnern – oder an die Spritpreise. Paul Linke


Neuzugang 2022: Weißensee

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Auch so eine Gefahr: Jeden Tag verunglückt im Schnitt ein Radfahrer in Berlin durch eine geöffnete Autotür.

Kampf mit dem SUV:

Was andernorts für einzelne Straßenzüge gilt, kann man im hohen Norden Berlins auf einen ganzen Stadtteil anwenden. Weißensee, dieser eigentlich so schöne Ort, gehört den Autofahrern. Hier darf man sich als SUV-Besitzer noch wie der King fühlen, darf auf engen Fahrbahnen in der Börne-, Tasso- oder Amalienstraße den Radfahrer einfach mal derart dreist von der Straße drängen, dass Beinahe-Unfälle mit anschließenden Brüllereien an der Tagesordnung sind. Ich wurde in der Großen Seestraße schon als „blöde F...“ tituliert, weil ich die Frechheit besaß, auf der Fahrbahn zu radeln. Der SUV-Fahrer hatte die Hindernisse auf seiner Seite, er hätte in dem Fall also anhalten und mich durchlassen müssen. Aber in Weißensee hat der PS-Stärkere Vorrecht.

Radwege sucht man in großen Teilen des Pankower Ortsteils vergeblich. An der einstigen Flaniermeile Berliner Allee gibt es zwar einen der besten Fahrradläden der Stadt, aber über weite Strecken weder einen Radweg noch sonstigen Platz für Zweiräder. Man zwängt sich neben donnernden Schwerlastern, Straßenbahnen, Ersatzbussen, Pkw und sonstigen motorisierten Gefährten die Straße runter und atmet alle Schadstoffe dieser Welt ein. Gefährlich ist es auch: An der Ecke Feldtmannstraße erinnert ein Geisterrad an den letzten tödlichen Unfall. Im März 2021 starb eine 66-jährige Radfahrerin, nachdem ein abbiegender Lkw sie erfasst hatte.

Ob die Berliner Allee jemals fußgänger- und fahrradfreundlich umgebaut wird, ist ein Rätsel. Die Forderung gibt es seit langem, die Ankündigung des Senats auch. Passiert ist nichts. Derweil scheitert man im Bezirk schon an wesentlich kleineren Projekten, wie dem Neubau der Schönstraße. Die macht ihrem Namen seit vier Jahren überhaupt keine Ehre mehr, ein Baustopp reiht sich an den nächsten, gefühlt geht kaum etwas voran. Noch immer läuft und radelt man zwischen Absperrungen, Containern und Baggern hindurch. Im kommenden Jahr soll die Schönstraße fertig sein – wer häufiger dort langfährt, kann das allerdings kaum glauben.

So wird’s besser: Darauf hoffen, dass engagierte Bürgerinitiativen endlich gehört werden. Dass die Stadtplaner in den großen anstehenden Verkehrsprojekten im Berliner Norden künftig auch Fußgänger und Radfahrer berücksichtigen. Oder ist der Stadtrand bei der Verkehrswende nicht so wichtig? Anne Vorbringer