Es kann der Griff eines Fremden in die Haare sein, eine Pöbelei in der U-Bahn oder eine scheinbar harmlose Frage: Wo kommst du her? Nein, wo kommst du wirklich her? Die Debatte um den rassistischen Tweet eines AfD-Politikers gegen Noah Becker wirft ein Schlaglicht darauf, wie schwarze Menschen auch in Berlin wegen ihre Hautfarbe mit Beleidigungen oder Benachteiligungen zu kämpfen haben.

„Dem kleinen Halbneger scheint einfach zu wenig Beachtung geschenkt worden“ – dieser Kommentar wurde vor wenigen Tagen vom Twitteraccount des AfD-Bundestagsabgeordneten Jens Maier verbreitet. Noah Becker, Künstler und Sohn des Tennisstars Boris Becker, hat Strafanzeige erstattet. Sein Anwalt teilte der Nachrichtenagentur dpa mit, Maier sei zur Abgabe einer Unterlassungserklärung aufgefordert worden. Darauf habe dieser nicht reagiert, nun soll der Fall auch vor die Zivilgerichte gehen.

Klischees trotz Vielfalt

Der Satz wurde schnell gelöscht, Maier behauptet, nicht er, sondern ein Mitarbeiter habe ihn veröffentlicht. Der Tweet bezog sich auf ein Interview, in dem Becker Berlin – die Stadt, in der er lebt – im Vergleich zu London oder Paris eine „weiße Stadt“ nannte, er selbst sei wegen seiner Hautfarbe attackiert worden. Jetzt sagte er dem Magazin Vice, es sei frustrierend, „zu sehen, dass Menschen in Machtpositionen heute immer noch andere so beleidigen können.“ Verletzt habe ihn der Tweet aber nicht: „Sowas passiert schon öfter – im Club oder auf der Straße. Wenn die Person vor mir steht, trifft mich das härter.“

Was Becker zur Sprache bringt, passt nicht zum Image von Berlin als multikultureller, weltoffener Metropole. Doch wenn man mit schwarzen Menschen und Beobachtern spricht, ergibt sich das Bild einer Stadt, in der trotz aller Vielfalt rassistische Klischees verwurzelt sind.

„Wann immer ich auf der Straße bin, wenn ich einkaufe oder in einer Behörde bin, ist mir bewusst, dass schwarze Menschen nicht als zugehörig gesehen werden“, sagt der Künstler und Aktivist Isaiah Lopaz, „die Gesellschaft hat ein Problem damit, sich vorzustellen, dass Schwarzsein und Deutschsein zusammengehen können.“ Er hat T-Shirts mit rassistischen Sprüchen bedruckt, die er sich in Berlin anhören musste: „Du gehörst zu uns? Ich dachte, du bist der Dealer“ oder: „Ich gebe eine Party – bringst du afrikanisches Essen mit?“

Subtil, aber spürbar

Lopaz stammt aus Los Angeles und lebt seit sieben Jahren in Berlin; er lehrt an der Kunsthochschule Weißensee. Oft gebe man ihm zu verstehen, dass er Deutschland dankbar sein soll, dass er hier sein darf, „niemals kommt einer auf die Idee, dass ich etwas beizutragen habe.“ Als er seine Dreadlocks abschnitt, hoffte er , dass er nun nicht mehr so oft nach Drogen gefragt würde, aber es kommt immer noch vor. „Was auch passiert ist, dass Deutsche ihre Taschen festhalten, wenn sie an mir vorbeilaufen. Ich merke, dass die Leute in Berlin Angst vor mir haben.“

Die Journalistin Saskia Hödl bestätigt, dass Alltagsrassismus in Berlin spürbar ist, wenngleich sich die Ressentiments subtiler zeigten als anderswo. „Niemand ist sauer, wenn er einmal gefragt wird, wo er herkommt, aber wenn du ständig gefragt wirst, kriegst du das Gefühl, dass du nicht dazu gehörst.“ Die Leute, die ihr im Bus in die Haare greifen und fragen: Wäschst du die auch?, empfinden ihre Handlung vielleicht nicht als rassistisch. „Da werden ständig Grenzen überschritten“, sagt Hödl.

Der AfD-Politiker Jens Maier hat von seiner Partei eine Abmahnung kassiert – der Bundesvorstand forderte ihn auf, bei Auswahl und Führung seiner Mitarbeiter künftig mehr Sorgfalt walten zu lassen. Boris Becker indes hält die Erklärung Maiers zu dem Tweet für unglaubwürdig; der Ex-Tennisspieler rief in der Welt am Sonntag zum Kampf gegen den Rassismus auf: „Es ist Zeit, aufzustehen, den Finger zu heben und auf die Straße zu gehen. “

Probleme werden thematisiert

Tatsächlich geht das Thema weit über den Tweet eines Politikers hinaus. „In Deutschland wird Rassismus meist etwas angesehen, das nur von ein paar Rechtsextremen ausgeht“, sagt der schwarze Aktivist Yonas Endrias, „man muss es endlich als gesamtgesellschaftliches Problem ansehen.“ Endrias ist Vorsitzender des Afrika-Rats Berlin-Brandenburg. Auch sei eine rechtliche Definition von Rassismus dringend nötig, bisher entscheiden die Richter von Fall zu Fall: „Man muss aufklären, auch in der Verwaltung.“

Die Polizei hat im ersten Halbjahr 2017 in Berlin 959 rechte Delikte erfasst, darunter 48 Gewalttaten, 33 davon fremdenfeindlich motiviert. Die Opferberatungsstelle Reach-Out hat 2017 sogar 206 rassistische und rechte Gewalttaten registriert. „Nach dem, was wir mitkriegen, sind gewalttätige Angriffe inzwischen Alltag“, sagt Reach-Out-Beraterin Helga Seyb, „früher haben sich alle damit beruhigt, dass das die im Osten sind. Das ist aber nicht mehr der Fall.“ Auch in anderen Innenstadt-Vierteln gebe es rassistische Aggressionen, wobei sich diese dort eher verdeckt äußerten: „Da sagen die Leute bei Konflikten: Wenn Sie hier die Regeln hier nicht kennen, müssen Sie dahin, wo sie hingehören – und meinen Neukölln.“

Andererseits aber werden rassistische Klischees in Berlin herausgefordert, schwarze Aktivisten mischen sich vehement in den Diskurs, etwa im Streit um die Straßennamen im Wedding, die auf deutsche Kolonialisten zurückgehen. Yonas Endrias hat sich für eine Umbenennung eingesetzt, er sagt: „Es gibt in Berlin-Mitte positive Tendenzen. Rassismus und Kolonialismus werden thematisiert, damit sind wir ziemlich weit vorn.“