Unter den vielen Architektur-Kriegen Berlins der vergangenen Jahre war der um den Fortbestand der bisherigen St. Hedwigs-Kathedrale sicherlich einer der härtesten, ausgetragen oft fast ohne Bandagen, mit entsprechend schweren emotionalen Verletzungen. Sie wurde zwischen 1952 und 1963 nach den Plänen des rheinischen Architekten Hans Schwippert wiederaufgebaut, als Gesamtkunstwerk von Künstlern aus beiden Teilen Deutschlands. Es war die bedeutendste, Raum gewordene Demonstration einer standhaften und doch des eigenen Versagens in der Nazizeit bewussten Katholischen Kirche.

Dennoch will das Erzbistum diesen Raum zugunsten einer aus seiner Sicht repräsentativen „Hauptstadtkirche“ aufgeben. 2013 gewann das Fuldaer Büro Siechau & Walter mit dem Wiener Künstler Leo Zogmeyer aus Wien den Wettbewerb, seitdem wird das Erzbistum scharf auch von Gemeindemitgliedern kritisiert: Es kümmere sich nicht um den Wunsch nach Mitsprache, nach Erhalt der im Bau geronnenen Erinnerungen, verschwende Geld für eine scheinkarge Neugestaltung. Kunst- und Architekturhistoriker, Historiker, Denkmalpfleger, Liturgiefachleute protestierten, die Erben Schwippers und der beteiligten Künstler klagten vor Gericht auf Einhaltung der Urheberrechte. Sie verloren in zwei Instanzen, derzeit wird überlegt, weiter zu klagen.

Das Erzbistum nämlich reagierte bisher hartleibig. Es bestand auf den Vorrechten des Bischofs und der Priester, die Kirche zu gestalten.  Und das Erzbistum hat sich durchgesetzt. Die zentrale Öffnung zwischen Unter- und Oberkirche wurde bereits provisorisch geschlossen, der alte Hauptaltar ist abgeräumt, der Umbau hat begonnen. Noch aber stehen die Schwippert-Säulen mit ihren goldenen Streifen und den alten, von 1774 stammenden Basen, das Gebälk, der schwarzgraue, zart gemaserte Marmor-Fußboden, die raffiniert gewürfelten, grüngraublauen Putzwände, die mattierten Fenster, die großartige Kuppel mit ihren schuppenartigen Akustiktafeln. Es gibt keinen einzigen technischen oder liturgischen Grund, weiter abzureissen – außer blank ästhetisierendem Fundamentalismus. Gerade die aktuelle Modellaufstellung des Sitzbankarrangements und des Altars von Sichau & Walter und Zogmeyer zeigt: Eine Kombination dieses Neuen mit der verbliebenen Schwippert-Architektur wirkt kraftvoll und stimmig.

Was es also braucht, ist der Wille zum Kompromiss. Gerade der aber ist weder im Erzbistum noch bei seinen Kritikern verbreitet. Jedes neue Überlegen wird als Niederlage oder Sieg interpretiert. Als Hemmnis für einen Kompromiss bleibt auch das vertrackte deutsche Urheberrecht. Es erlaubt absurderweise die Zerstörung eines Kunstwerks, nicht aber seine Veränderung. Es sei denn, die Erben der Künstler, die einst die Kirche ausstatteten, und die des Architekten Schippert könnten für eine solche Umgestaltung gewonnen werden.

Darum sollte sich das Erzbistum bemühen, um die Erben, um die kritische Gemeinde. Dann könnte sicherlich auch viel Geld gespart werden. Vor allem aber würde die Geschichte des Baus mit seiner Zukunft versöhnt. So, wie es gut katholischer Brauch ist: 609 wurde das antike Pantheon in Rom, das Vorbild der St. Hedwig-Kathedrale, als Marienkirchen neu geweiht. Die grandiose Architektur aber blieb unangetastet, nur die Einrichtung geändert. Bis sich ein Papst aus dem Geschlecht der Barberini 1636 doch noch an der Architektur vergriff – und von den Römern als Barbar beschimpft wurde.