In diesem Gewerbekomplex in Berlin-Mitte unterhielt die Shincheonji-Sekte ein Zentrum, in dem sich die Anhänger zum Bibelstudium trafen. Der Aussteiger David Berger schaffte nach gut einem Jahr den Absprung: „Sie sind Meister des Scheins“, sagt er.
BLZ/Markus Wächter

BerlinFrüh am Abend läuft David Berger noch einmal durch die Straße, von der er einmal dachte, sie führe zum ewigen Leben. Er lässt die Wallstraße hinter sich, biegt um eine Ecke, steuert vorbei an einem Bio-Supermarkt, vor einem hohen, grauen Bürokomplex hält er inne. Hier muss es gewesen sein, erste oder zweite Etage.

Berger ist ein hochgewachsener Mann Anfang 30, sportlicher Typ. Er heißt eigentlich anders. Er federt auf Turnschuhen vor dem Raster der Fassaden auf und ab; er war eine Weile nicht mehr hier. Dann hält er inne, deutet auf die Einfahrt, dort ging es hinein. „Die Lehrer haben gesagt: Wenn die Zeit gekommen ist, dann werdet ihr unter den Auserwählten sein“, sagt er. „Da bildest du dir etwas drauf ein. Ich hab’ mir auch was drauf eingebildet.“

Shincheonji heißt übersetzt „neuer Himmel, neue Erde“ und ist der Name einer Weltuntergangs-Sekte aus Südkorea, die mit Methoden agiert, die an Geheimdienste erinnern. Weltweit soll sie bis zu 300.000 Mitglieder haben.

„Aus meiner Sicht ist Shincheonji eine der konfliktträchtigsten neureligiösen Gruppierungen in Deutschland, weil sie so eine hohe Anzahl von Beratungsfällen verursacht“, sagt Oliver Koch, Referent für Weltanschauungsfragen bei den Evangelischen Kirchen in Hessen; Frankfurt ist, neben Berlin, eine der Schwerpunktstädte der Gruppierung. Problematisch sei, so sein Eindruck, wie sie agiere: „Intransparent, mit einem System aus Tarnung und Täuschung.“ Manchen Mitgliedern sei bei der Missionierung jedes Mittel recht, auch die Lüge, der Experte spricht von einer „ausgefeilten Taktik“ der Manipulation.

Lange Zeit blieb die Gruppierung weitgehend unbeachtet. Das änderte sich mit Beginn der Covid-19-Krise: Die Behörden in Südkorea führten laut Medienberichten ein Drittel aller Infektionen dort auf das Umfeld von Shincheonji zurück; eine 61 Jahre alte Anhängerin hatte sich im Februar 2020 mit dem Virus infiziert. Offenbar nahm sie trotz Symptomen an Treffen ihrer Gemeinschaft in der Stadt Daegu teil und missionierte angeblich auch in anderen Gemeinden. So wurde diese Patientin 31 als „Super-Spreader“ und Daegu neben Wuhan zum neuen Zentrum der Pandemie.

Man braucht einen Sündenbock. Und wenn man eine verschriene Sekte hat, der man den Corona-Ausbruch anhängen kann, ist das praktisch für die Behörden.

Markus, leitendes Mitglied von Shincheonji in Berlin

Die Stadt Daegu klagt jetzt auf Schadenersatz in Höhe von 73 Millionen Euro. Die Behörden werfen der Sekte vor, Daten zu ihren Mitgliedern nicht preisgegeben und damit Tests und Quarantänisierungen sabotiert zu haben.

Seit Februar ist Shincheonji praktisch vom Erdboden verschwunden, sagt Weltanschauungsexperte Koch: „Sie haben ihre Dependancen gekündigt und sind zurzeit im Untergrund.“ Stattdessen biete die Sekte Gottesdienste und Bibelkurse online an: „Sie agiert nach wie vor hoch missionarisch und verlangt viel Zeit und Einsatzkraft der Mitglieder.“

In einem Café am Ostbahnhof sitzen zwei junge Männer, zugeknöpfte Hemden, glatte Gesichter, sie geben nur ihre Vornamen an; der eine heißt Markus, der andere soll hier Alexander heißen, beide haben Leitungsfunktionen in der Shincheonji-Gemeinde Berlin. Wie sie es sehen, wird ihrer Gemeinde zu Unrecht die Schuld an dem Corona-Ausbruch in Südkorea gegeben: „Man brauchte einen Sündenbock“, sagt Markus. „Und wenn man eine verschriene Sekte hat, der man das anhängen kann, ist das praktisch für die Behörden.“

Zwar räumen sie anfängliche Versäumnisse ein. Später aber habe die Gemeinde voll kooperiert. Wie sie es sehen, ist Shincheonji Opfer gezielter Diffamierungen; sie sprechen von Gewalt gegen Mitglieder und erzwungenen Konversionen: „Es gibt viele Leute, denen es nicht passt, dass Shincheonji so stark wächst.“

Die Fachberaterin Jennifer Neumann warnte bereits am 20. Februar auf einer Pressekonferenz vor der Ausbreitung der Sekte in Berlin. Sie arbeitet für Sekteninfo Berlin, eine Beratungsstelle des Landes, und die Gruppe entwickelt sich zu einer der problematischsten. Denn Shincheonji wächst rasant. 2019 gingen 600 telefonische Anfragen bei Sekteninfo ein, 71 betrafen Shincheonji. Ein Jahr zuvor waren es 23. „Aussteiger berichten, dass Angeworbene umfangreiche Kurse besuchen müssen, in denen sie auf die Aufnahme vorbereitet werden sollen, und dass hoher psychischer Druck ausgeübt wird“, heißt es in einer Stellungnahme zur Sekte.

Man-Hee Lee, der Führer der Sekte Shincheonji, hat sich bei einer Pressekonferenz Anfang März für die Rolle seiner Gemeinde bei der Ausbreitung des Coronavirus in Südkorea entschuldigt.
AFP

Gut 500 Anhänger soll die Gemeinde in Berlin haben, schätzt Jennifer Neumann. Mit der Ausbreitung von Corona veränderte sich ihr Blick auf die Gruppierung. Nicht nur, weil sie klandestin agiert, sondern auch, „weil sich die Mitglieder für unsterblich halten“. Es sei also zweifelhaft, ob Abstandsregeln oder Mundschutz eine große Rolle spielen.

Neumann breitet auf einem Tisch in ihrem Büro Dokumente der Sekte aus, Checklisten, mit denen neue Mitglieder einsortiert werden. Shincheonji erhebt Daten über ihre Anhänger. So gibt es ein „Früchteinformationsformular“, das demografische Angaben erfasst, aber auch Informationen zu Lebensumständen und Bögen zur Einschätzung der Persönlichkeit. „Das Problem ist, dass die Leute erst einmal gar nicht wissen, wenn sie unter die Kontrolle gebracht werden“, sagt Neumann.

Die Gruppierung verbirgt sich hinter Tarnorganisationen und Fassadengemeinden, Gemeinde im Licht, International Women’s Peace Group, Religiöses Netzwerk für Weltfrieden Berlin; die Namen wechseln ständig. Glaubensboten, genannt Schnitter, sprechen vor allem junge Menschen auf der Straße oder an Universitäten an. David Berger war gerade in der Stadt unterwegs, da kam er ins Gespräch mit zwei jungen Frauen. Von Shincheonji sagten sie nichts. Stattdessen erzählten sie ihm, sie bereiteten ein Bibelprojekt vor. „Find’ ich cool“, sagte er.

Berger ist ohnehin gläubig, und er wollte lernen, die Bibel zu verstehen. Er hat sich auf einer Parkbank niedergelassen; er sagt, die beiden Frauen nahmen ihn mit zu einem Treffen. Sechs Leute waren dort. Sie machten ihm weis, sie alle seien Neulinge. Das war eine Lüge – alle außer ihm waren langjährige Mitglieder. „Blätter“, so heißen Missionare, die Einsteiger begleiten. „Sie haben mich von vorne bis hinten verarscht“, sagt er. Erst nach mehreren Monaten erfuhr er den Namen der Gruppierung. Da steckte er schon tief drin.

Sie bauen Kontakte auf und spielen auch Freundschaften vor, und immer geht es auch darum, Daten zu erfassen.

Jennifer Neumann, Fachberaterin bei Sekteninfo Berlin

Er fühlte sich wohl in dem Kreis, die Gruppe war jung, international, der Umgang ausgesprochen herzlich. Dahinter dürfte System stecken, wie Jennifer Neumann von Sekteninfo meint: „Sie bauen Kontakte auf und spielen auch Freundschaften vor, und immer geht es auch darum, Daten zu erfassen; wie ist jemand religiös erzogen, wie viel Geld verdient er, selbst Blutgruppen interessieren.“

Die Sekte ist streng hierarchisch gegliedert; Sektengründer Man-Hee Lee meint, als Einziger die Bibel entschlüsseln zu können. Die Lehre stützt sich auf die Offenbarung. Demnach ist Lee der „verheißene Pastor der Endzeit“. Und seine Anhänger, das sind die „144.000 Versiegelten“, die Auserwählten, die in den Himmel kommen. Sie rekrutieren sich in Anlehnung an die Stämme Israels aus zwölf Stämmen, die den regionalen Gruppen entsprechen. In Berlin sitzt der Stamm Matthäus, in Frankfurt der Stamm Simon, in Essen der Stamm Bartholomäus.

„Was uns von anderen Gemeinden unterscheidet, ist, dass wir die Offenbarung nicht nur als Vorhersage sehen, sondern dass wir sagen: Die hat sich schon erfüllt“, sagt Markus. Die Lüge gehört dazu, das bestreiten sie nicht. Aufgrund ihres schlechten Images müsse die Gemeinde sich tarnen: „Wenn man uns googelt und sich die Einträge ansieht, da findet man ja nur Negatives. Da wäre ich auch niemals hingekommen“, sagt Alexander neben ihm am Cafétisch. „Sobald unsere Bibelschüler verstehen, dass wir ausschließlich die Inhalte der Bibel lehren, geben wir ihnen zu erkennen, dass wir Shincheonji sind.“

Als Epizentrum der Corona-Pandemie hat Shincheonji in Südkorea Hass und Zorn auf sich gezogen. Der 88 Jahre alte Sektengründer Man-Hee Lee hat das Virus laut Medienberichten als „Werk des Teufels“ bezeichnet. Seit Juli sitzt er in Untersuchungshaft. Ihm wird vorgeworfen, Bemühungen zur Eindämmung des Virus sabotiert zu haben; zudem soll er knapp vier Millionen Euro unterschlagen haben.

Die Missionare stehen unter Verdacht, verdeckt in andere Kirchen zu gehen, um dort Gläubige zu rekrutieren. „Sheepstealing“ heißt die Methode. Diese dürfte die Verbreitung des Virus begünstigt haben, „weil die Mitglieder andere Gemeinschaften unterwandern und sich zugleich regelmäßig intern treffen“, sagt Thomas Gandow, der 30 Jahre lang Pfarrer für Weltanschauungsfragen der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg war.

Auch in Berlin und Brandenburg seien Shincheonji-Rekrutierer, genannt „Schnitter“, unterwegs, in Freikirchen, aber auch evangelisch-landeskirchlichen Gemeinden. „Dort sind sie oft sehr engagiert und streben wichtige Funktionen an, zum Beispiel als Organist oder Mitarbeiter“, sagt Gandow. „In dem Maße, als planmäßige Werbestrategie, kenne ich dieses Vorgehen nur von Shincheonji.“ Die Mitglieder der Gemeindeleitung in Berlin bestreiten die Vorwürfe.

Ich fand meine Frau öfters nachts in der Küche, sie hat Bibelverse abgeschrieben bis zwei, drei Uhr nachts.

Manuel Schmich, Ehemann eines Shincheonji-Mitglieds

Von einer Seitenstraße in Lichtenberg geht ein Zugang zu einem ehemaligen Industriekomplex ab. Siegfriedstraße 204, weiß gekachelte Gebäude erheben sich um einen Innenhof, an der Seite ragt ein hoher Block auf, in den unteren Etagen ist ein Hotel, im Dachgeschoss hatte Shincheonji ein Zentrum eingerichtet.

Gegenüber, in der Gaststätte Zum Singenden Wirt, sitzt der Koch auf der Terrasse und raucht. „Das war ein Gebrüll da oben“, sagt er. „Irgendeiner hat etwas erzählt, dann machten alle: Uaaah!“ Von früh bis spät drang der Lärm aus den Fenstern, Gesang, lautes Klatschen, dazu ständig Trauben von Menschen, die kamen und gingen. Auch habe die Sekte Posten an mehreren Stellen des Innenhofs verteilt. „Da hinten stand einer“, sagt er. „Hier vorne auch.“ Die Nachbarn fühlten sich belästigt; sie riefen immer wieder die Polizei.

Nun herrscht Stille in den Siegfriedshöfen; auch in Mitte ist von Shincheonji nichts mehr zu sehen. Seit Februar gibt es keine Gottesdienste und Kurse mehr. Auch der Standort Mitte ist geschlossen. David Berger denkt noch manchmal an die Bibelkurse zurück. Was ihm seine Lehrer dort erzählten, packte ihn; der Eindruck sitzt tief. „Die Lehre ist etwas Besonderes“, sagt er. „Wenn du Laie bist, hast du keine Chance.“ Der Tagesablauf war von früh bis abends durchgetaktet: Um sieben Uhr aufstehen, beten, missionieren, am frühen Abend Unterricht, drei, vier Stunden lang, dann noch mal beten. Berger stand kurz davor, sein Studium hinzuschmeißen, andere hätten ihre Arbeit gekündigt oder den Kontakt zu ihren Familien abgebrochen.

Hinzu kommt ein strenger Dualismus: Shincheonji steht auf Gottes Seite, aber überall draußen lauert Satan. „Meine Frau ist überzeugt, dass ich ein Diener des Teufels bin“, sagt Manuel Schmich aus Essen, dessen Frau im Februar 2019 von einer Shincheonji-Missionarin angeworben wurde. Danach sei sie immer seltener zu Hause gewesen und habe ihn monatelang belogen. „Ich fand sie öfters nachts in der Küche, sie hat Bibelverse abgeschrieben bis zwei, drei Uhr nachts.“ Als er anfing, die Gruppierung offen zu kritisieren, trennte sie sich von ihm; er lebt jetzt alleine mit dem sieben Jahre alten Sohn.

David Berger sagt, ihm fielen immer wieder Dinge auf, die ihm seltsam vorkamen. Etwa, dass viele der Mitglieder praktisch kein eigenes Leben zu haben schienen, viele hätten Hartz IV bezogen. Oder dass einige so müde wirkten, dass sie zwischendurch einnickten. „Sie haben gesagt: Die Endzeit kommt bald, sie kommt – das ist nicht die Zeit, an Schlaf zu denken“, sagt er. Nach und nach wurden seine Zweifel stärker. Berger nahm die Sache genau, er wollte alles verstehen. Dabei stieß er auf Unstimmigkeiten, Details in den Gleichnissen, die nicht ganz ins Bild passten, und er merkte, dass seine Lehrer auf seine Fragen keine Antworten hatten. Nach Monaten löste er sich aus der Sekte.

Markus und Alexander lächeln die Vorwürfe weg. Niemand werde gedrängt, Familie und Arbeit aufzugeben oder wenig zu schlafen: „Es ist ein großes Missverständnis, zu denken, dass alle Shincheonji-Mitglieder so leben würden“, sagt Markus. „Die Kirche zwingt ihre Mitglieder zu nichts, sodass sie ihr Kirchenleben auf einer freiwilligen Basis führen.“ Sie selbst zum Beispiel übten trotz ihrer Leitungsfunktionen noch halbtags Berufe aus, behaupten sie, Markus in einer Bank, Alexander als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität.

Ein Anruf bei der FU. Die Frau in der Zentrale gibt den Namen des jungen Mannes in ihrem Computer ein; zögert kurz, dann sagt sie: „Den Namen habe ich gar nicht in meinem System.“