Noël Martin.
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BirminghamMit seinen Peinigern war Noël Martin längst im Reinen: „Ich kann mich noch nicht mal an ihre Namen erinnern. Denn das ist die Vergangenheit, in die Zukunft geht es aber hier entlang. Manchmal ist es wichtig, die Vergangenheit nicht zu vergessen, um vorwärts zu kommen. Aber das war sicherlich kein Tag, an den ich mich erinnern will, es gibt bessere Dinge in meinem Leben, an die ich mich erinnern möchte. Diese beiden Typen überlasse ich Gott. Sie werden eines Tages ihre Strafe bekommen, wenn sie alt sind. Irgendwann wird ihre Tochter oder ihre Enkeltochter oder Urenkelin mit einem schwarzen Menschen nach Hause kommen und sagen: ‚Papa, das ist der Mensch, den ich liebe – und du bist zu alt um etwas dagegen zu tun. Also find dich damit ab!‘ Das allein wird ihre Strafe sein“, sagte der Brite in einem Interview mit dem RBB im Jahr 2016. Nun ist Noël Martin im Alter von 60 Jahren in seiner Heimat Birmingham verstorben.

Sein Schicksal sorgte 1996 für große Erschütterung weit über die Grenzen Brandenburgs und Deutschlands hinaus. An einem Juni-Abend ist Martin mit zwei seiner Arbeitskollegen in seinem Auto unterwegs, der Bauunternehmer hat einen Auftrag in Mahlow im Landkreis Teltow-Fläming.

Am Bahnhof des Ortes werden Martin und seine beiden schwarzen Kollegen von Neonazis beschimpft und anschließend im Auto verfolgt. Der damals 17 Jahre alte Sandro R. wirft einen Stein durch die Scheibe von Martins Wagen, dieser verliert die Kontrolle über das Auto und prallt gegen einen Baum. Während seine beiden Kollegen nur leicht verletzt werden, ist Noël Martin fortan vom Hals abwärts querschnittgelähmt.

Ein Leben lang Schmerzen

Das Landgericht Potsdam verurteilte die Täter im Dezember 1996 wegen gefährlicher Eingriffe in den Straßenverkehr und schwerer Körperverletzung zu Haftstrafen von fünf und acht Jahren. Noël Martin erhielt eine finanzielle Entschädigung und eine monatliche Rente vom deutschen Staat und kehrte in seine britische Heimat zurück, wo er 2007 seine Biografie schrieb: „Nenn es: mein Leben“ nannte Martin das Buch. Darin schilderte der Brite sein Leben: vom Kind armer Eltern in Jamaika über das Migrantendasein in Großbritannien, auch mit rassistischen Anfeindungen.

„Ich habe meine Würde verloren“, bezeichnete er seine Situation. Der kräftige Mann musste fortan rund um die Uhr von Pflegerinnen umsorgt werden. Viele offene Wunden quälten ihn. Mit einer Hebevorrichtung musste er in den Rollstuhl gehoben werden, wo er aber kaum sitzen konnte wegen der Schmerzen und Wunden.

2007 kündigte er an, sich an seinem 48. Geburtstag selbst töten zu wollen. Er wollte damals in die Schweiz fahren und mit einem Strohhalm ein Gift zu sich nehmen. Freunde konnten ihn aber von dem Vorhaben abhalten. Im Februar 2012 wurde er dann in seinem Haus in Birmingham von drei bewaffneten Männern überfallen. Die Pfleger wurden gezwungen, den Safe zu öffnen. Das erbeutete Geld war für die Wartung seines Rollstuhls gedacht. Martin hatte 2003 mit den Entschädigungsgeldern der Landesregierung die Noël- und-Jacqueline-Martin-Stiftung gegründet, der auch den Namen seiner im Jahr 2000 an Krebs gestorbenen Frau trägt. Sie hatte ihn bis zu ihrem Tod gepflegt.

Noël Martin setzte sich für ein gewaltfreies Miteinander ein

Auch Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) trauert um den Briten. Martin habe nach dieser schrecklichen Tat die Kraft gefunden, vor allem Jugendliche vor Rassismus und Rechtsextremismus zu warnen und für Toleranz und Verständigung einzutreten, sagte Woidke am Mittwoch. Durch seinen unerschütterlichen Willen und seine klare Haltung, sich für ein gewaltfreies Miteinander einzusetzen, sei er für viele zu einem Vorbild geworden.

Mit seinem unermüdlichen Kampf gegen Rassismus habe Martin viel bewegt und viele Menschen inspiriert, betonten die Brandenburger Landesvorsitzenden der Grünen, Alexandra Pichl und Julia Schmidt. Martins Tod zeige, dass Rassismus schon immer zu Taten führte und am Ende Leben koste, sagte der Linke-Fraktionschef Sebastian Walter. Das bleibe so, wenn nicht gegengehalten werde.

In Mahlow erinnert heute ein Mahnmal an die rechtsextremistische Tat vor 24 Jahren. (mit dpa)