Vor der kleinen Galerie in der Kalckreuthstraße steht ein Mann und putzt die Schaufensterscheiben. Ein Nachbar habe drauf gespuckt, sagt der Mann. Der möge keine Schwulen, sagt er. Da hat er es schwer in diesem Kiez, in dem der Mainstream schwul ist und alle anderen im Grunde Minderheiten. Aber dann wischt der Mann noch einmal und die Scheibe ist wieder blank. Der Blick fällt ungetrübt auf metergroße Penisbilder und Tapeten, die mit dem männliche Sexualorgan in allen möglichen Verrenkungen gemustert sind. „Sehr ruhig hier“, sagt der Mann, „beschaulich geradezu“.

Das mag stimmen, es kommt auf den Vergleich an. Es ist Donnerstag, zwei Tage noch bis zum Lesbisch-schwulen Stadtfest. Ein Wochenende lang demonstrieren hier homosexuelle Berliner in diesem Kiez mit einem rauschenden Fest selbstbewusst, wer sie sind. Seit 25 Jahren gibt es dieses Fest. Es entstand 1993 als Antwort auf eine Welle rechts motivierter Gewalt gegen Schwule.

Der Nollendorfkiez, das sind nur ein paar Straßen rund um Nollendorf- und Motzstraße. Das Viertel ist heute geprägt durch einen ausschließlich männlichen Sex. Deshalb wohnen viele hier, kommen Menschen zum Feiern und andere um Berlin zu erleben. Das ist schon lange so, aber die Stadt verändert sich und mit ihr auch der Nollendorfkiez.

Der Nollendorfkiez ist bunt - vor allem in den Tagen vor dem CSD

Bunt ist er, vor allem jetzt, in den Tagen vor dem CSD. Regenbogenfahnen hängen aus den Fenstern und am U-Bahnhof Nollendorfplatz. In Motz-, Eisenacher- und der Fuggerstraße ist auf den ersten Blick alles wie immer. Ältere Männer sitzen vor Tabasco und Pinocchio, jenen beiden Kneipen, in denen Anbahnungsgespräche zum schnellen Sex geführt werden.

An der Ecke auf dem kleinen Spielplatz steht ein junger Mann und bietet sexuelle Dienstleistungen an. Läden offerieren Halsbänder aus Stahl, in die eine Öse für die Befestigung einer Leine eingearbeitet ist, Hosen, die hinten offen sind, Lederkappen, Nietenbänder, schwere Stiefel, Gasmasken.

In der Kalckreuthstraße wohnt Antonio Rodriguez. Er flüchtet in seine Wohnung, wenn das Stadtfest über den Kiez rollt. Zu trubelig, zu viele Menschen, findet er. Rodriguez lebt in einem Altbau. Vor den geöffneten Fenstern sind Regenbogenrollos heruntergelassen, das sieht aus, als hätte man Bilderrahmen mit bunter Farbe gefüllt.

Erotische Fotografien von Männermodels - „aber keine Pornobilder!“

Viel Platz zum Sitzen gibt es in dem Einzimmerappartement nicht: Bücher stapeln sich in Regalen, dazwischen Fotos, Stofftiere, Fantasy-Figuren. Eine Leinwand teilt den Raum. Daneben hängen allerlei Riemen, Stulpen und Matten aus schwarzem Leder. Die Wohnung von Antonio Rodriguez ist gleichzeitig sein Fotostudio. Hier fotografiert er Männer in erotischen Posen. „Aber keine Pornobilder, nicht falsch verstehen.“ Antonio Rodriguez lacht.

Mit den Familien im Haus verstehe er sich prächtig, niemand schaue seinen Männermodelbesuch schief an, sagt der 54-Jährige. Das ist einer der Vorteile, wenn man hier lebt und viel Männerbesuch hat. Alle Appartements auf den drei Etagen sind Eigentumswohnungen. „Mit Stuck an der Decke, richtig schön.“ Auch Antonio Rodriguez hat seine 33-Quadratmeter-Bleibe gekauft, als er vor vier Jahren von Braunschweig nach Berlin kam.

In seinem Schlabber-Shirt und den Shorts steht er wie ein Fremdkörper neben den Lederdessous. „Die Fotos sind mein Job, privat bin ich recht normal drauf“, sagt er. Trotzdem wollte Rodriguez unbedingt in den „Lederkiez“ ziehen, wie er sein Viertel nennt. Er wollte nicht mehr der Exot mit dem anrüchigen Beruf sein, sondern einer von vielen: ein schwuler Mann mittleren Alters, ein Single mit einem soliden Einkommen und einer Szeneaffinität. Müsste man den Prototyp eines Anwohners aus dem Nollendorfkiez beschreiben – genauso sähe er vermutlich aus.

„Junge Schwule treffen sich hier weniger“, sagt Rodriguez. „Die sind im Berghain, im Schwuz oder irgendwo in Neukölln.“ Der Schöneberger Kiez, wo in den Zwanzigerjahren die erste Ausgehmeile für Paradiesvögel entstand und wo wenig später Schriftsteller Christopher Isherwood zur queeren Ikone avancierte, altert unwiderruflich. Manche, die hier leben, erinnern sich noch an die Wendezeit, an die harten Beats in den Clubs und die Exzesse in den Darkrooms. Andere erzählen von Kellern, die nur auf Klingelzeichen geöffnet wurden.

Antonio Rodriguez führt sein schwules Leben mit Stolz. Er mag, wer er ist, und will das nach außen präsentieren. „Deswegen hängen die Regenbogenrollos das ganze Jahr im Fenster“, sagt er. Andere Kiezbewohner finden, Heterosexuelle trügen ja auch keine Heterosymbole zur Schau. Wozu noch das Regenbogengewand, wenn doch im Jahr 2017 zum Glück endlich einfach jeder lieben darf, wen er will? Und trotzdem leben sie in diesem regenbogenfarbenen Umfeld.

Auf der Straße trifft man viele männliche Paare. Bewohner, aber auch Touristen, die den Schwulenkiez besuchen. Nur sehr vereinzelt sind Frauen darunter. „Zu schwul“, sagt eine lesbische Freundin. Sie gehe seit Jahren nur noch zum Stadtfest hin. Tatsächlich sind alle Lesbenbars, die es hier gab, wieder verschwunden. Die Entertainerin Gloria Viagra, Drag-Queen mit Bart, wohnt um die Ecke, aber sie besucht die Bars nicht mehr: „Immer das Gleiche“, sagt sie. Tatsächlich hat der Kiez in seiner Andersartigkeit ein hohes Maß an Gleichförmigkeit entwickelt.

Der Nollendorfkiez ist noch immer ein Schutzraum

In der Buchhandlung Eisenherz schätzen die Männer, die dort Bücher kaufen, gerade das. Eine Puppenstube für Schwule? Eine solche Bezeichnung ist ihnen zu negativ. Sicher würden sie sich hier fühlen, sicher vor Übergriffen, sicherer als anderswo in Berlin. „Der Nollendorfkiez ist immer noch Schutzraum“, sagt Marco, der seinen Nachnamen verschweigt. Drogenprobleme seien zurück gegangen. Anwohner berichten, dass im Hochhaus am Nollendorfplatz, wo im vergangenen Jahr Grünen-Politiker Volker Beck mit Chrystal Meth erwischt wurde, heute keine Dealer mehr sitzen.

Es gebe mehr Diebstähle als früher, sagt Marco, das schon. Der Spielplatz an der Ecke Eisenacher Straße/Fuggerstraße ist ein Treffpunkt für junge Stricher aus Osteuropa. Aus Anbahnungsgesprächen gehen hier oft Diebstähle oder Raubüberfälle hervor, heißt es von Seiten der Berliner Polizei. Die Gegend rund um den Nollendorfplatz gilt als Kriminalitätsschwerpunkt. Doch nachts sei auch wieder junges Publikum unterwegs, sagt Marco. Mehr als früher, als in Prenzlauer Berg eine Konkurrenzszene entstand. „Ich finde es super hier“, sagt er.

Dann kommt das Wochenende und damit das Stadtfest. Auf den Straßen stehen nun Stände von Initiativen und Parteien. Es gibt Bühnenprogramm und Massenandrang. Der ehemalige Grünen-Abgeordnete Thomas Birk sitzt mit seinem Mann Rudolf Hampel in einem der Cafés an der Fuggerstraße.

Sie wohnen seit 2001 in einem der Häuser an dieser Straße. Seit ihrem Einzug hat sich einiges verändert. Es gibt viel mehr schwule Touristen, die Häuser sind saniert, die Mietpreise gestiegen, die Bewohner älter geworden, nachts ist es im Sommer wegen der vielen Bars oft laut. „Aber dafür sind wir hier nicht in der Minderheit. Das macht einen Unterschied. Ich fühle mich hier richtig zu Hause“, sagt Hampel. Deshalb liebt er den Kiez. (BLZ)