„Eine halbe Stunde mehr pro Tag“: So leiden Fahrgäste unter der Sperrung des Tunnels 

Auf der Nord-Süd-S-Bahn wird gebaut, Fahrgäste müssen Bus fahren oder andere Routen nutzen. Auch in der Ferne sind Auswirkungen zu spüren. Ein Streckenbesuch.

Die S-Bahn-Tunnel, die Berlins Norden mit dem Süden verbinden, bleiben noch sechs Wochen lang leer. Für Pendler: schwierig. Der Ersatzverkehr braucht rund 30 Minuten länger. 
Die S-Bahn-Tunnel, die Berlins Norden mit dem Süden verbinden, bleiben noch sechs Wochen lang leer. Für Pendler: schwierig. Der Ersatzverkehr braucht rund 30 Minuten länger. Benjamin Pritzkuleit

Jennifer G. steht mit ihren beiden Kindern auf dem S-Bahnhof Yorckstraße. Es ist 12.30 Uhr. Normalweise fahren sie fast täglich um diese Zeit von hier in Richtung Gesundbrunnen. Doch jetzt endet die S1 hier und fährt zurück nach Wannsee. In Richtung Innenstadt steht das Signal auf Dauer-Rot. „Ich werde wohl jetzt sechs Wochen lang immer umsteigen müssen“, sagt G. „Für mich ist das jetzt auf jeden Fall viel stressiger.“

Die Berlinerin gehört zu den Zehntausenden Fahrgästen, die Tag für Tag von der Sperrung des Nord-Süd-Tunnels der S-Bahn betroffen sind. Wie fast immer, wenn ein Jahr beginnt, ist auf dem innerstädtischen Abschnitt der Linien S1, S2, S25 und S26 für einige Zeit kein S-Bahn-Verkehr möglich. In diesem Jahr sind die Bau- und Wartungsarbeiten umfangreicher als sonst, deshalb dauern sie insgesamt sechs Wochen. Am vergangenen Freitag wurde der S-Bahn-Betrieb zwischen den S-Bahnhöfen Südkreuz/Yorckstraße (Großgörschenstraße) und Nordbahnhof eingestellt – bis zum 27. Januar. Danach dehnt sich die Sperrung bis Gesundbrunnen aus – bis zum 17. Februar.

Vom 14. Januar an wird die Tramlinie M10 ebenfalls verkürzt

Für die Fahrgäste bedeutet das: Anstelle der S-Bahn, die zum Beispiel von Südkreuz bis Nordbahnhof bislang laut Fahrplan gerade mal 15 Minuten brauchte, müssen sie den zweigeteilten Schienenersatzverkehr (SEV) mit Bussen nutzen, der stattdessen 46 Minuten unterwegs ist. Die Umsteigezeit am Bahnhof Friedrichstraße kommt hinzu.

Oder sie umfahren den gesperrten Abschnitt – was aber nicht einfach ist. Denn derzeit ist der Schienenverkehr im östlichen Berliner Stadtzentrum vielerorts beeinträchtigt. So ist die U2 auf unbestimmte Zeit rund um den Alexanderplatz unterbrochen, Fahrgäste müssen in einen Pendelzug umsteigen. Auf einem Teilstück der Straßenbahnlinie M1 in Mitte gibt es ebenfalls SEV. Die Bahnen fahren nicht bis Friedrichstraße, sondern nur bis Hackescher Markt. Vom 14. Januar an wird die M10 ebenfalls verkürzt, zwei Wochen bringt sie die Menschen aus Prenzlauer Berg nicht zur U6, sondern kehrt vorher um.

In der Vergangenheit gab es immer wieder Ärger, weil S-Bahn-Fahrgäste Probleme hatten, den Nord-Süd-Ersatzverkehr zu finden. In diesem Jahr zeigen sich viele Kunden zufrieden. Die 27-jährige Anna P. aus Wilmersdorf sagt, dass sie die Beschilderung erst kurz suchen musste. „Ich habe sie dann aber sofort verstanden und den richtigen Bus gefunden.“ Vladimir C. musste an der Station Südkreuz erst ein paar Passanten fragen. Der 43-Jährige ist aus Düsseldorf zu Besuch und wusste nichts vom Ersatzverkehr.

Schmiere, damit die Züge im Tunnel nicht so laut quietschen

Normalerweise fallen die Wartungsarbeiten in dem 1939 fertiggestellten S-Bahn- Tunnel auf den Januar, „da auch bei Frost, Eis und Schnee unter Tage gearbeitet werden kann“, sagt ein Bahnsprecher. In diesem Jahr werden 18.400 Meter Schienen geschliffen, 17 Weichen instand gesetzt, 9100 Meter Schienen, 700 Schwellen sowie 22 Schienenschmierapparate zur Lärmminderung erneuert. Deswegen dauern die Arbeiten anderthalb Monate.

Uta K. kommt gerade aus dem U-Bahnhof der U7 an der Yorckstraße. Sie ist hektisch, weil sie jetzt jeden Tag eine halbe Stunde mehr Fahrzeit einplanen muss. „Ich muss jetzt zu einem Termin in Wedding“, sagt sie, „und da ist nun mal diese Strecke normalerweise die schnellste.“ Die 52-Jährige kommt aus Schöneberg und für sie gibt es keine Alternative zur Nord-Süd-S-Bahn. Sie wird jetzt täglich den Ersatzbus nehmen. Doch das erfordert oft zusätzliche Geduld: Mehrmals musste die S-Bahn auf ihrer Website schon darauf hinweisen, dass sich die Busse in Mitte wegen Staus verspäten.

Sven K. aus Velten ärgert sich über die Fernwirkungen der Tunnelsperrung. Zu seinen möglichen Routen von der Arbeit in Wilmersdorf zu seinem Wohnort Velten gehört es, die S25 bis Hennigsdorf zu nutzen und dort in einen Regionalzug der Linien RE6 oder RB55 umzusteigen. Doch weil die S25 nicht durch den Tunnel fahren kann, wurde sie mit anderen Linienabschnitten verknüpft. Die S-Bahnen beginnen nun bereits am Flughafen BER. Wenn sie nach langer Fahrt in Hennigsdorf eintreffen, sind sie oft verspätet – und der Anschlusszug lässt sich nicht mehr erreichen. „Die Verspätungen auf dem Ring übertragen sich nun auf die eingleisige S25 und machen die Anschlüsse in Hennigsdorf unsicher“, analysiert K. Er fährt jetzt eine Teilstrecke mit dem Auto.