Warum nicht auch Mielke aufs Dach steigen?“, fragt Roland Jahn. Eine Strandbar auf dem Haus 18, dem monströsen einstigen Versorgungstrakt des Lichtenberger Stasi-Komplexes – „das wäre doch was“, sagt der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen (BStU) und kommt ins Schwärmen: Auf Liegestühlen und mit einem Getränk in der Hand den Sonnenuntergang über Berlin genießen. „Das könnte ein richtiger Kultort werden“, ist Jahn überzeugt.

Seine Idee erzeugt an diesem Montag einen ganz besonderen Reiz. Vor genau 28 Jahren, am 15. Januar 1990, stürmten Tausende Demonstranten das Hauptquartier des DDR-Geheimdienstes in Lichtenberg. Als sich am späten Nachmittag dieses Tages das stählerne Tor am Haupteingang in der Ruschestraße öffnete, wurde die Menge von Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit, die sich unter die Protestler gemischt hatten, zum hell erleuchteten Haus 18 gelenkt. In dem Neubau an der Normannenstraße verwüsteten Demonstranten Büros und Ladeneinrichtungen und plünderten die mit Westkognak und Südfrüchten gefüllten Vorratsräume im Keller.

Belebung erwünscht

Dieses Haus 18, auf dessen Dach sich der Chef des Stasi-Archivs nun eine Strandbar erträumt, steht seit Jahren leer. Wie die meisten der Gebäude auf dem gut sieben Hektar großen Quartier zwischen Frankfurter Allee, Rusche-, Normannen- und Magdalenenstraße, einem zugigen, verschachtelten Sammelsurium grau verputzter Häuser, deren Baustile von Gründerzeit bis Plattenbau reichen. Eine Belebung brauche dieser Ort, sagt Jahn.

Seit seinem Amtsantritt 2011 glaubt er auch zu wissen, wie man das hinbekommen könnte: Einen „Campus für Demokratie“ will der einstige Bürgerrechtler aus der heruntergekommenen Stasi-Zentrale machen, einen Gedenk- und Lernort für Demokratie und Menschenrechte, wie er sagt. „Es geht mir um den Dreiklang: Repression, Revolution, Aufklärung. Wir sollten einen Ort schaffen, der nicht beim Blick auf die Vergangenheit stehenbleibt, sondern nach vorn schaut, der nächsten Generation ein Angebot macht.“

Seit er vor sechs Jahren die Campus-Idee erstmals beim Namen nannte, ist das Konzept immer konkreter geworden. Die Pläne, an denen auch Studenten der Berliner Universität der Künste und der Brandenburgischen Technischen Universität in Cottbus mitwirkten, kombinieren Archivnutzung, Forschung und politische Bildung. Und Unterhaltung natürlich, wenn man an die Vision von der Strandbar auf dem Dach von Haus 18 denkt.

Die Campus-Idee, mit der Jahn zum Gedankenaustausch über die weitere Nutzung des Geländes anregen will, betrifft bislang sieben Gebäude des ehemaligen Stasi-Hauptquartiers:

Haus 1, von dem aus Stasi-Chef Erich Mielke und sein innerster Zirkel einst die Überwachung der DDR-Bürger und die Spionage gegen den Klassenfeind im Westen koordinierten, ist die Heimstatt des „Stasi-Museums“. Die vom Verein Astak kuratierte Dauerausstellung gibt Einblick in die Arbeit des Geheimdienstes.

Haus 7, 8 und 9 beherbergen schon jetzt das Archiv mit den Stasi-Akten. Noch leer steht der Nordflügel von Haus 7 – hier sollen die Bibliothek und die Abteilungen der Stasi-Unterlagenbehörde, die derzeit noch nahe des Alexanderplatzes untergebracht sind, sowie das von Bürgerrechtlern seit der Wende betriebene Havemann-Archiv einziehen.

Haus 22, das frühere Offizierscasino für hochrangige MfS-Mitarbeiter, soll zum Besucherzentrum werden. Hier könnten Veranstaltungsräume für Seminare, ein Lesecafé und ein kleines Kino entstehen.

Haus 18 bietet die Chance für eine vielfältige kulturelle Nutzung bis hin zu Geschäften und Ausstellungen, verfügt das Gebäude doch über mehrere Konferenzräume und einen großen Kinosaal. Auch für Büros politischer Vereine und Nichtregierungsorganisationen wäre Platz.

Haus 12 an der Frankfurter Allee könnte einem Neubau weichen, in dem das Bundesarchiv die Akten von Ministerien sowie Parteien und Massenorganisationen der DDR unterbringt. Dann wären die für die DDR-Forschung nötigen Unterlagen an einem Ort konzentriert.

Vielversprechende Pläne also, doch auch nach sechs Jahren ist der „Campus für Demokratie“ über das Ideenstadium nicht hinausgekommen. Das liegt vor allem daran, dass die Entscheidungsträger in Bund und Land erst voriges Jahr ernsthaft damit begonnen haben, sich mit der städtebaulichen Nutzung des Stasi-Kolosses auseinanderzusetzen.

Hinzu kommt die komplizierte Eigentümerstruktur – die für den Campus angedachten Gebäude befinden sich derzeit im Besitz von Bund, Land und einem Privatinvestor. Deren Interessen müssen zunächst unter einen Hut gebracht werden, bevor man an die Umsetzung der Campus-Idee gehen kann.

Kritik vom Bürgerkomitee

Und es melden sich Kritiker zu Wort. Der Verein „Bürgerkomitee 15. Januar“ zum Beispiel, der zu den Mietern im Haus 1 gehört, warnt davor, das erhaltene historische Ensemble des Stasi-Hauptquartiers zu zerstückeln. So ignoriere das Campus-Konzept sowohl den nördlichen Teil des Komplexes an der Gotlindestraße als auch die an der Magdalenenstraße gelegenen Gebäude des früheren MfS-Untersuchungsgefängnisses und des Lichtenberger Amtsgerichts, in dem zu DDR-Zeiten zahlreiche Systemgegner verurteilt wurden, kritisiert der Verein.

Wann die Umsetzung der Campus-Pläne beginnt, ist ungewiss. Roland Jahn wünscht sich, dass Regierung und Parlament in Bund und Land Tempo machen. „Im Herbst 2019 begehen wir den 30. Jahrestag der friedlichen Revolution“, sagt er. „Das wäre doch eine gute Zielmarke, um den Campus bis dahin entscheidend auf den Weg zu bringen.“