Berlin - Drei junge Menschen starren auf ihr Smartphone. Kein ungewöhnliches Bild, gerade im Lockdown, wo es außerhalb des Digitalen kaum Ablenkung gibt. Ungewöhnlich ist, dass sie es in einer Fernsehsendung tun, in Die Höhle der Löwen auf Vox, vor den Augen der Jury. Erst als die prominenten Investoren um Carsten Maschmeyer und Nico Rosberg die drei Kandidaten ansprechen, wenden diese den Blick vom Smartphone ab und stellen ihr Konzept vor: Not Less But Better. „Mit unserer App helfen wir Menschen, die sich handysüchtig fühlen, wieder die Kontrolle über ihre Smartphones zurückzubekommen“, sagen die drei Gründer aus Berlin und stecken die Handys weg.

Es war eine wirksame Demonstration, mit der Christina Roitzheim, 27 Jahre, Selcuk Aciner, 28, und Marius Rackwitz, 29, im vergangenen September für einiges Aufsehen sorgten. Sechs Monate später steht das dreiköpfige Start-up vor einem Büro am Görlitzer Park in Kreuzberg. Aus dem Einstieg der TV-Löwen Maschmeyer und Rosberg ist nichts geworden, obwohl die Investoren durchaus interessiert waren. Nun ist Not Less But Better ohne prominente Unterstützer erschienen, man kann die App seit Anfang März herunterladen. Die Gründer sind von der Wirksamkeit überzeugt. „Bei anderen Apps lernst du, mehr offline zu sein“, erklärt Psychologin Christina, „bei uns lernst du, bewusster online zu sein.“

Es ist ein wachsender Markt für ein wachsendes Problem. Laut einer Umfrage des Unternehmens Deloitte gab nahezu die Hälfte der Deutschen an, während des ersten Lockdowns 2020 deutlich mehr am Handy gewesen zu sein. Fast zwei Drittel der 18 bis 24-Jährigen nutzten ihr Handy deutlich intensiver. „Im Schnitt schauen wir 88 Mal am Tag auf unser Display“, führt Betriebswirt Selcuk aus. „Ungefähr vier Stunden verbringen wir mit dem Smartphone, und das häufig, ohne einen richtigen Grund, ein richtiges Ziel dafür zu haben.“ Diese Übernutzung des Smartphones könne zu Stress, Angst, Schlafproblemen und teilweise sogar zu Depressionen führen.

Allerdings ist Handysucht keine medizinische Diagnose, deshalb gibt es kaum Angebote von Krankenkassen. Nun wirkt der Ansatz, ausgerechnet mit einer Handy-App Handysucht zu reduzieren, nur auf den ersten Blick widersinnig. „Schwimmen lernst du am besten im Wasser, nicht auf dem Land“, sagt Software-Entwickler Marius, der Dritte im Team. „Wir holen dich da ab, wo du ohnehin Probleme hast und Unterstützung benötigst.“

Eine andere App pflanzt Bäume als Belohnung

Die App „Not Less But Better“ ist nicht die einzige Möglichkeit, problematisches Handyverhalten zu reduzieren. Nutzer können sich oft einfach in ihren Handyeinstellungen ihre Bildschirmzeit anzeigen lassen und selbst Sperren einrichten, nach wie vielen Minuten Apps blockiert werden sollen. Dazu bieten zahlreiche kostenlose und kostenpflichtige Programme Lösungen an, auf strikte oder spielerische Art die Selbstkontrolle zu erhöhen. Die App Forest etwa pflanzt echte Bäume als Belohnung für die Zeit, die man das Handy aus der Hand legt.

Foto: Not Less But Better
Ein typischer Fragekatalog in der App ‚Not Less But Better‘. Dazu gibt es ein Kursangebot.

„Viele kappen als Lösung das Internet und reduzieren Symptome“, sagt Selcuk von Not Less But Better. „Wir setzen als Erste an der Ursache an und verfolgen einen wissenschaftlichen Ansatz mit Verhaltenstherapie.“ An der App haben Psychologen und Forscher von der Freien Universität Berlin mitgewirkt. Der Inhalt sind dabei verschiedene Kurse für gesunde Smartphone-Nutzung: Social Media, Arbeiten im Flow, für Eltern und digitale Achtsamkeit. In Kürze kommen Angebote zu Binge Watching, Online Dating und ständige Erreichbarkeit dazu.

Ab fünf Euro im Monat, zunächst nur für iPhones, bietet Not Less But Better die Kurse an, die die Achtsamkeit erhöhen sollen. Das klingt dann im Einstieg so: Eine beruhigende Frauenstimme sagt, man solle ein- und ausatmen. Plötzlich pingt ein Klingelton auf, als hätte man eine SMS bekommen. „Na, hast du nachgeschaut?“, fragt die Stimme. Ein erster kleiner Ansatz, um seine Trigger kennenzulernen: die Auslöser, die einen immer wieder zum Handy greifen lassen.

Omline, eine bewusste Verbindung aus Om und Online

Die Stimme gehört Christina, die privat schon mal eine zweiwöchige Schweige-Meditation absolviert hat. „Wir sind nicht gegen Technologie, wir nennen digitales Achtsamsein ‚Omline‘, eine Verbindung aus Om und Online“, sagt sie. Das bedeute, mit dem Körper verbunden zu bleiben und präsent zu sein, statt nur auf das zu reagieren, was geboten wird. Deshalb schaut Not Less But Better nicht nur auf die Minuten. „Bei uns kommt Qualität vor Quantität, man daddelt und scrollt weniger herum. Die Quantität geht dabei trotzdem runter, aber das passiert ganz natürlich.“

Foto: Not Less But Better
Das Kursangebot wird ständig erweitert, demnächst etwa um Binge Watching und ständige Erreichbarkeit.

Die Gründer sehen das mit ihrer Studie in Zusammenarbeit mit der FU Berlin als bewiesen: Die App reduziere problematische Smartphone-Nutzung innerhalb von drei Wochen um 42 Prozent und steigere das Wohlbefinden um acht Prozent. „Wir wollten sichergehen, dass unsere App auch wirklich funktioniert“, erklärt Betriebswirt Selcuk die lange Zeit für die Studie und Entwicklung der App.

Dadurch hat sich die Veröffentlichung aber immer wieder verzögert. Nun ist die App am 5. März erschienen, fast sechs Monate nach dem Fernsehauftritt am 8. September. In der Zwischenzeit ist der Lockdown bereits wieder gelockert worden, das Wetter wird bald besser und Menschen gehen mehr vor die Tür als noch im Winter. „Es wird ja nicht so sein, dass der Lockdown vorbei ist und wir alle plötzlich gesund mit unserem Handy umgehen“, sagt Selcuk, das habe die Gesellschaft noch nicht gelernt. Zu diesem Thema verweist er auf die Doku „Social Dilemma“ auf Netflix, die erklärt, wie raffiniert uns die digitale Welt manipuliert.

Warum der Deal nach Die Höhle der Löwen platzte

Tausende Menschen haben die App bisher heruntergeladen, die in Deutsch und Englisch angeboten und ständig erweitert wird. Wäre es schneller gegangen mit den Investoren aus der Höhle der Löwen? Immerhin hatten der ehemalige Formel-1-Weltmeister Rosberg und der umstrittene Finanzunternehmer Maschmeyer zusammen 150.000 Euro für 20 Prozent der Anteile am Start-up geboten. Man einigte sich vor laufender Kamera, dann platzte der Deal im Nachhinein doch noch.

„Es war eine Erfahrung, die wir nicht missen wollen“, sagt Selcuk, der betont, man sei fair und professionell miteinander umgegangen. Vor einem Jahr wurden die drei Gründer, die sich 2018 trafen und ein Start-up-Stipendium gewannen, von der Produktionsfirma der Sendung angeschrieben. Plötzlich ging es ganz schnell.  „Es war eine surreale Situation“, erinnert sich Marius, „wir drei hatten keine Kameraerfahrung, das Produkt war noch nicht fertig, aber du stehst dann vor diesen erfolgreichen Unternehmern, die dich ausfragen.“

Nach der Sendung baten sich die Gründer noch Bedenkzeit aus. „Vor Ort ist das eine absolute Stresssituation mit Verhandlungsprofis“, sagt Selcuk. „Wir wollten sicherstellen, dass eine Partnerschaft für alle Seiten Sinn macht.“ Am Ende gab es dann unterschiedliche Ansichten zur Ausrichtung der App. „Die Erfahrung hat uns zusammengeschweißt“, sagt Marius im Nachhinein.

Sechs Monate nach der Sendung wurde dann mit dem gesamten neunköpfigen Team auf den eigenständigen Launch angestoßen: mit eigens bestelltem Quarantini-Gin im Zoom-Meeting. Es gibt eben auch Qualitätszeit vor dem Bildschirm.