Ein Drahtzaun schließt den Rasen auf dem kleinen Platz jetzt ein, die Grünfläche, auf der Tag und Nacht Männer, Frauen und Kinder saßen, ist verlassen. Gegenüber, vor der Fassade des ehemaligen Rathauses Wilmersdorf sitzen noch ein paar Männer auf einem Vorsprung. Hinter ihnen liegen Decken und Laken, verstaut in blauen Müllsäcken. Der Abend bricht an, ein leichter Wind weht über stille Straßen. Die Männer ziehen ihre Jacken um sich.

Es sind die Reste des Protests, mit dem sich 50, 60 Flüchtlinge gegen die Bedingungen in ihrer Unterkunft wehren, wobei Protest ein großes Wort ist für das, was sich seit Mittwoch voriger Woche in Wilmersdorf abspielt. Es gab weder Plakate noch Banner, ein Konzert, das Aktivisten organisieren wollten, lehnten die Flüchtlinge ab, sie wollten keinen Ärger. „Die Stimmung ist schlecht“, sagt ein junger Syrer, „aber wir machen weiter, solange es keine Lösung gibt“.

Die Notunterkunft wird vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) betrieben. Rund 920 Menschen leben in den früheren Büros des alten Rathauses. Mitte Mai eskalierte im Speisesaal ein Streit. Nach allem, was man weiß, wollte ein 13 Jahre altes Mädchen aus Afghanistan ihrer kranken Mutter Brot bringen.

Über den Hergang gibt es zwei unterschiedliche Versionen

Was dann passierte, darüber gibt es zwei Versionen. Die Protestierenden sagen: Die Security sei das Mädchen rüde angegangen. Es ist den Bewohnern verboten, Essen aus dem Speisesaal zu nehmen. Der Vater habe mit der Faust auf den Tisch gehauen.

Daraufhin sollen ihn fünf oder sechs Securitymänner zusammengeschlagen haben. Die Firma GSO Security bestreitet die Vorwürfe. Fest steht nur, dass der Mann ins Krankenhaus eingeliefert wurde, mit einem Magentrauma.

Beide Seiten haben Anzeige erstattet, der Bewohner wegen Körperverletzung, der Security-Dienstleister wegen versuchter Körperverletzung.

Defekte Duschen und Bettwanzen in Notunterkünften

Das war der Auslöser, aber der Konflikt geht viel tiefer. Erst kürzlich kam heraus, dass bundesweit noch rund 15.000 Flüchtlinge in Notunterkünften leben, davon 13.000 in Berlin. Draußen vor dem alten Rathaus in Wilmersdorf zieht Qasem Rezai sein Hosenbein hoch, zeigt auf rote Quaddeln auf seiner Haut: Bisse von Bettwanzen, sagt der Afghane.

Aber das sei nicht alles: Die Duschen gingen oft nicht, die Zimmer ließen sich nicht abschließen. Das Essen sei miserabel. Aber das Schlimmste, seien die Security-Mitarbeiter, die schnell aggressiv würden und sogar die Kinder anschreien: „Ich gehe da nicht wieder rein, ich halte das keinen Moment länger aus“, sagt Rezai.

Ein paar Schritte weiter steht Zahra Tawakoli, 22 Jahre. Sie ist Diabetikerin, müsste dringend ihr eigenes Essen zubereiten, was in der Unterkunft aber nicht geht. Anfangs hieß es, sie müsse nur zwei, drei Monate hier bleiben. Inzwischen lebt sie mit ihrer Familie seit fast zwei Jahren hier, sagt sie: „Wir denken, man hat uns vergessen.“

"Mich wundert, dass die bis jetzt so ruhig geblieben sind"

Vor dem Eingang stehen Sicherheitskräfte, zehn oder zwölf kräftige Männer mit schwarzen Shirts und Schnürstiefeln. Steffen Zobel, Geschäftsführer der ASB Nothilfe Berlin sitzt in einem Besprechungsraum. Er holt tief Luft, ehe er versucht, sein Dilemma zu erklären: Missstände gibt es, räumt er ein, betont aber auch, dass der ASB nichts daran ändern kann.

Am 14. August 2014 seien die ersten Flüchtlinge eingezogen, sagt er: „Die sind immer noch hier. Mich wundert, dass die bis jetzt so ruhig geblieben sind.“ Bettwanzen gebe es, die würden aber bekämpft. Die Duschen schimmeln, das sei nicht zu vermeiden: Die früheren Büros seien nicht als Waschräume gedacht.

Das Essen sei qualitativ in Ordnung, bloß seien die Menschen die Massenkost und den reglementierten Alltag leid, sagt er. „Das ist das eigentliche Thema.“ Sollten sich die Vorwürfe gegen die Security erhärten, werde der ASB „personelle Konsequenzen“ ziehen.

Weshalb leben dort überhaupt noch Menschen?

Michael Ahlert, Geschäftsführer der Firma GSO Security, sagt, er könne wegen der laufenden Ermittlungen nichts sagen. Nur so viel: Seine Leute gäben ihr Bestes, seien aber selbst oft Ziel von Anfeindungen: „Die Security ist auf Berlinerisch gesagt immer der Arsch, weil wir Hausordnung und Gesetze durchsetzen müssen.“

Inzwischen hat es Gespräche gegeben, zwischen dem Landesamt für Flüchtlinge (LAF), dem Träger, Gesundheitsamt und den Bewohnern. Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) nannte die Situation in der Notunterkunft „nicht hinnehmbar“, für die Bewohner müssten sofort andere Unterkünfte gesucht werden. Weshalb aber leben dort überhaupt noch Menschen?

LAF bittet um Geduld

Die Pressestelle schreibt, das LAF nehme die Wünsche der Protestierenden ernst. Unterkünfte mit Kochgelegenheit könne die Behörde aber erst in einigen Monaten bieten. „Bis dahin können wir nur um Geduld bitten und weiter daran arbeiten, die Lebensqualität in der Einrichtung weiter zu verbessern.“

Die Männer vor der Tür niedergeschlagen. Seit dem Platzregen am Mittwoch sind Kinder krank; Frauen und Kinder schlafen nun wieder in ihren Zimmern. „Wir haben keine Kraft für Streit, aber wir können nicht zurück“, sagt einer. Bei der Security ist Schichtwechsel. Eine Gruppe von Mitarbeitern zieht vorbei an den Flüchtlingen, ohne den Blick zu wenden.