Die humanitäre Aufgabe ist gewaltig, und es sieht nicht so aus, als wäre sie in absehbarer Zeit erledigt. Die Mitarbeiter im Krisenstab des Senats stellen sich darauf ein, dass die Zuwanderung aus Krisengebieten trotz des Winters kaum abnehmen wird. Nach wie vor kommen täglich bis zu 700 Flüchtlinge in der Stadt an, sei es in Zügen und Bussen über Bayern oder auf eigene Faust. Sie müssen erstversorgt, untergebracht und registriert werden. Nachfolgend ein grober Überblick:

Notunterkünfte: In der Nacht zu Freitag zogen Flüchtlinge in die frühere Stasi-Zentrale in Lichtenberg ein. Rund 500 Menschen sollen dort wohnen. Laut Sozialverwaltung stieg die Zahl der Notunterkünfte damit auf 58, davon 26 Turnhallen. Mit anderen Einrichtungen wie Containerdörfern wurden 107 Orte für Flüchtlinge hergerichtet.

Traglufthallen am Tempelhofer Feld umstritten

Immobiliensuche: Bisher gelingt es, die Menschen in festen Gebäuden unterzubringen. Das einzige Zeltlager wurde wieder abgebaut. Doch es wird immer schwieriger, brauchbare Immobilien zu finden. Es gilt als sicher, dass im Winter etwa das ICC, die frühere Klinik in Heckeshorn und das komplette Flughafengebäude in Tempelhof benötigt werden.

In zwei Hangars leben bereits 2300 Asylsuchende. Bis Mitte Dezember sollen die Hangars 5,6 und 7 hergerichtet werden, was mangels Wasserversorgung und Sanitäreinrichtungen schwierig ist. Ob am Rande des Tempelhofer Feldes zudem Traglufthallen aufgestellt werden, ist noch umstritten.

Beschaffungsprobleme: Die Unterkünfte mit dem Nötigsten einzurichten, wird ebenfalls komplizierter. Sanitär-Container oder Pritschen sind praktisch ausverkauft, auch gibt es in ganz Deutschland kaum noch Betten. Nur ein Beispiel: Berlin hat bei Ikea mittlerweile rund 5000 Doppelstockbetten aus Holz gekauft. Das Unternehmen hat aber keine Bestände mehr, deshalb greift das Land nun auf Hersteller aus Österreich und Polen zurück.

Die polnischen Betten aus Metall seien besonders geeignet, weil sie schnell aufzubauen seien, heißt es im Senat. Im landeseigenen Großlager in Selchow am Flughafen Schönefeld sollen stets 3000 Doppelstockbetten vorrätig sein. Zurzeit reicht das jeweils für eine Woche. Decken, Kopfkissen und Bettwäsche kommen überwiegend von deutschen Lieferanten. Wie viel das alles bisher gekostet hat und ob es von den Firmen Flüchtlings-Rabatte gibt, war nicht in Erfahrung zu bringen.

Lageso hat 3200 alte Asylfälle abgearbeitet

Registrierung: Auf dem Gelände des Landesamts für Gesundheit und Soziales (Lageso) herrschte monatelang Chaos. Die Behörde in der Moabiter Turmstraße war bis vor Kurzem die einzige Erstaufnahmestelle in Berlin. Sie war mit dem großen Andrang überfordert. Seit die neue Erstaufnahmestelle in der Bundesallee in Wilmersdorf in Betrieb ist, läuft es besser. Inzwischen konnte das Lageso den Stau von 3200 Altfällen abarbeiten. Anders als in Moabit sitzen in der Bundesallee erstmals alle für Asyl zuständigen Behörden von Bund und Land unter einem Dach.

Laut Krisenstab spielt sich das Verfahren zunehmend ein. In dieser Woche konnten rund 250 Asylsuchende pro Tag betreut werden, bis hin zum Asylantrag. Ein neuer „Brückenkopf“ im Krisenstab kümmert sich allein darum, Flüchtlinge mit BVG-Bussen aus den Großunterkünften abzuholen und zur Registrierung in die Bundesallee zu bringen. So wird die Turmstraße weiter entlastet. Auf Sicht soll das Lageso als Anlaufstelle, also die dortige Wartenummernausgabe und Verteilung in Notunterkünfte geschlossen werden.

25 neue Bezirksamtsmitarbeiter

Haupthalle/Tempelhof: Den entscheidenden Schritt bereitet der Krisenstab in Tempelhof vor. Übrigens mit Hilfe der Unternehmensberatung McKinsey, die den Senat ehrenamtlich bei der „Prozessoptimierung“ der Flüchtlingsunterbringung unterstützt. In der Haupthalle des Flughafengebäudes ist bis Anfang 2016 eine weitere Registrierungsstelle geplant. Nach dem Modell von Heidelberg, wo die bisher einzige Behörde dieser Art arbeitet, soll sie deutlich größer werden als die an der Bundesallee.

Geplant ist, dass Beschäftigte von Bund und Land in Tempelhof täglich rund 800 Flüchtlinge durch das Asylverfahren schleusen. Zudem soll dort, in der Bundesallee und in der Registrierstelle in der Kruppstraße eine Art 13. Bürgeramt öffnen. 25 neue Bezirksamtsmitarbeiter werden sich dann nur um Flüchtlinge kümmern.

Lageso: Der weiterhin hohe Andrang auf das Lageso-Gelände in der Turmstraße wird sich aber so bald nicht ändern. Flüchtlinge, die bereits im Asylverfahren sind und die ihnen zustehenden Sozialleistungen erhalten wollen, müssen weiter dort vorsprechen. Anstatt von der Politik entlastet zu werden, wurde die Leistungsstelle nun mit einem neuen Problem konfrontiert.

Auf Druck der CSU verschärfte die Bundesebene das Asylrecht in einem Punkt, der bisher kaum bekannt ist: Asylsuchende müssen ihre Leistungen jetzt alle vier Wochen völlig neu beantragen. Bisher wurden ihre Bescheinigungen für mehrere Monate ausgestellt. Krisenstabsleiter Dieter Glietsch plädiert dafür, das zu überdenken.