Novemberrevolution 9.11.1918: Vor 100 Jahren wurde in Berlin die Republik ausgerufen

Vor einhundert Jahren wurde in Berlin die Republik ausgerufen. Gleich zweimal. Fast gleichzeitig. Der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann tat es vom Westbalkon des Reichstages aus. Der Führer des Spartakusbundes Karl Liebknecht proklamierte im Lustgarten vor dem Berliner Stadtschloss „die freie sozialistische Republik Deutschland“.

Die Vorstellung, die Sozialdemokraten unter Friedrich Ebert, dem ersten Reichskanzler der Republik, der 1919 zum ersten Reichspräsidenten wurde, hätten die Revolution – oder wie Oskar Lafontaine im Jahre 2008 behauptetet, die Arbeiterbewegung – verraten, ist Unsinn. So rabiat die junge Republik – auch unter Zuhilfenahme der alten Apparate – gegen alles, was links von ihr stand, vorging, so vernünftig war das auch.

Friedrich Ebert hat die Arbeiterbewegung gerettet

Die Entwicklungen in anderen Staaten Europas zeigen, das sich nirgends eine Räterepublik hat durchsetzen können. Die von Bela Kun im März 1919 proklamierte ungarische Räterepublik wurde im August des Jahres von rumänischen Truppen niedergeschlagen. Die Macht übernahm bis 1944 Nikolaus Horthy von Nagybánya. Er wurde ein treuer Gefährte Mussolinis und Hitlers. In Italien war aus den Auseinandersetzungen um Landnahmen und Fabrikbesetzungen Mussolini und sein Faschismus als Sieger hervorgegangen.

Friedrich Ebert und die von ihm geführte Sozialdemokratie haben nicht die Arbeiterbewegung verraten. Sie haben sie gerettet.

Freie Gewerkschaften, freie politische Betätigung hätte es in einem rätesozialistischen Deutschland nicht gegeben. Das wussten die Zeitgenossen nur zu gut. Die Entwicklung in der Sowjetunion stand ihnen deutlich vor Augen. Zehntausende Flüchtlinge hatten nicht nur viel zu erzählen. Schon ihre bloße Anwesenheit zeigte jedem, der Augen hatte, wie es um Freiheit und Demokratie in jenem Land aussah, das die Kommunisten als ihr Ideal betrachteten.

Die Weimarerer Republik war ein Erfolg

Die Revolution von 1918/19 ist nicht auf halber Strecke stehen geblieben. Sie wurde gestoppt, bevor sie dazu übergehen konnte, ihre Kinder zu fressen. Das ist das große Verdienst der Sozialdemokratie. Sie rettete Deutschland. Das Land wurde, obwohl es bis 1923 zu immer neuen Aufständen und Putschversuchen von links und rechts kam, nicht zerrissen. Es übernahm auch kein Militär oder ein faschistoider Diktator das Kommando.

Die Weimarer Republik war ein Erfolg. Das Genick brachen ihr die Weltwirtschaftskrise und der Hass, der ihr am Ende von links wie rechts entgegengebracht wurde.

Es war der Hass auf die Mitte, auf den Kompromiss, auf die friedliche Aushandlung von Interessen. Es war das Verlangen nach einem lautem Basta und nach Männern, die nicht nur auf den Tisch schlagen. Solche Stimmen gab es schon in den Jahren davor immer wieder. Aber lange, länger als die anderen 1917–1919 zusammengebrochenen Reiche, blieb die Weimarer Republik, die in Wahrheit ja eine Berliner Republik war, stabil.

Die Größe einer Revolution bemisst sich gerade nicht an der Anzahl der Toten

Am 10. November 1918 schrieb Theodor Wolff im Berliner Tageblatt über die Ereignisse des Vortages: „Die größte aller Revolutionen hat wie ein plötzlich losbrechender Sturmwind das kaiserliche Regime mit allem, was oben und unten dazugehörte, gestürzt. Man kann sie die größte aller Revolutionen nennen, weil niemals eine so fest gebaute, mit soliden Mauern umgebene Bastille so in einem Anlauf genommen wurde ... Gestern früh war, in Berlin wenigstens, das alles noch da. Gestern Nachmittag existierte nichts mehr davon.“

Theodor Wolff war nicht naiv. Er wusste, was noch alles da war. Aber es war ihm wichtig, darauf hinzuweisen, was die Revolution alles geschafft hatte. Ohne großes Blutvergießen. Er schrieb das auch, um die Leser und Leserinnen mit der Nase darauf zu stoßen, dass sie allen Grund hatten, stolz zu sein auf das, was geschehen war. Und er schrieb es, um deutlich zu machen, dass die Größe einer Revolution sich gerade nicht daran bemisst, wie viele Tote sie produziert.

Geschichte ist kein Reservoir an abrufbaren Erfahrungen

Die deutsche Revolution von 1918/19 war wohl die einzige erfolgreiche Revolution in einem hochindustrialisierten Staat vor 1989. Die Revolution von 1918/1919 war nicht nur die Abschaffung der Monarchie. Sie war Teil einer das ganze Leben umwälzenden Bewegung. Als im Januar 1919 bei den Wahlen zur Nationalversammlung erstmals in Deutschland Frauen auf nationaler Ebene wählen und gewählt werden durften, gab es 2,8 Millionen mehr weibliche als männliche Wähler.

Weimar war weiblich. Heute wissen wir, welchen Hass das bei vielen Männern schürt. Wir wissen es, nicht weil wir die Geschichte studieren, sondern weil wir sehen, was in den USA passiert. Die Geschichte ist kein Reservoir an abrufbaren Erfahrungen. Wir können sie brauchen, nicht weil sie uns etwas sagt darüber, woher wir kommen. Wir brauchen sie, um uns die An-, ja Hinfälligkeit eines jeden status quo vor Augen zu führen.

Wir sollten feiern

Jeder Blick zurück zeigt uns, was alles ständig geändert werden muss, damit das Ganze so bleiben kann, wie es ist. Die friedliche Heimkehr von Hunderttausenden Soldaten wäre dem Kaiserreich wohl nicht mehr möglich gewesen. Für dieses Minimalprogramm war die Verwandlung in eine Republik und die Ersetzung des Max von Baden durch Friedrich Ebert nötig gewesen.

Die frühen Jahre der ersten deutschen Republik waren schwere, waren auch gewalttätige Jahre. Aber sie waren ein Glück im Vergleich zu dem, was bei den anderen Verlierern des ersten Weltkrieges passierte. Wir sollten feiern.