Wilhelm Schneider galt bis vor vier Jahren als ein unbeschriebenes Blatt. Der Mann, der bis 1944 mehr als 5 000 Rechtsakte der SS und der Wehrmacht beurkundete, der der Enteignung jüdischen Besitzes den Mantel der Rechtmäßigkeit verlieh, der Firmen zur Seite stand, die Menschenversuche machten und der SS-Oberen half, sich an den nach Auschwitz Deportierten persönlich zu bereichern. Er war Hausnotar der SS, von Himmler persönlich gefördert, einer der Top-Juristen im NS-Apparat.

Dass man heute überhaupt etwas über den Berliner Notar weiß, ist einem Hobbyhistoriker zu verdanken. Gerhard Niebergall, Pensionär aus Lichterfelde und ehrenamtlicher Mitarbeiter im Steglitzer Arbeitskreis Nationalsozialismus, beschäftigt sich seit 2012 mit Wilhelm Schneider. Ursprünglich ging es um die Vorbereitung einer Ausstellung über das frühere Wirtschafts-Verwaltungshauptamt der SS in Lichterfelde, in dem Wilhelm Schneider tätig war.

Mittlerweile aber geht es Gerhard Niebergall um viel mehr. Denn bei seinen Recherchen war er unerwartet auf behördlichen Widerstand gestoßen. Immer, wenn der 76-Jährige für seine Forschungen Einsicht in die Urkundenrollen des SS-Notars nehmen wollte, um dessen konkrete Beteiligung an NS-Verbrechen unter die Lupe zu nehmen, kam er nicht weiter. Die Einsicht wurde ihm vom zuständigen Amtsgericht Schöneberg verweigert. Begründung: Die Amtsgerichte, in deren Obhut sich die Urkundenrollen der Notare befinden, seien hinsichtlich deren Inhalt zur Verschwiegenheit verpflichtet.

Historiker fordern Aktenfreigabe für die Forschung

Niebergall war schockiert. „Die SS, als verbrecherische Organisation aufgelöst, soll nach wie vor bürgerlichen Vertrauensschutz genießen?“, fragt er. Niebergall, früher Referatsleiter in der Senatsverwaltung für Wirtschaft, wandte sich an die Präsidenten des Kammergerichts und des Landgerichts, an Justizsenator Thomas Heilmann (CDU), ans Bundesarchiv und den Leiter des Landesarchivs. Man habe mit allgemeinem Bedauern reagiert, mehr sei nicht passiert. Erst nachdem er 2014 prominente Unterstützung durch den NS-Forscher und Kolumnisten der Berliner Zeitung, Götz Aly, bekam, bewegte sich etwas. Aly und Niebergall, die nun als Duo für die Freigabe der Akten kämpfen, erhielten Sondergenehmigungen für die Einsichtnahme, allerdings nur für eine Handvoll Urkunden – von mehr als 5000.

Das reiche nicht, die Akten müssten für die Forschung ganz freigegeben werden, sagt Aly. Dass sich die Behörden samt Justizsenator so schwer täten mit einer Lösung, sei hochproblematisch. Die Wissenschaft werde blockiert. „Welche Bedeutung die Notare von 1933 bis 1945 hatten, ist bis heute praktisch nicht untersucht“, sagt er. Über das Wirtschafts-Verwaltungshauptamt der SS wisse man insgesamt wenig. Die Behörde war dem Reichssicherheitshauptamt, dem Terrorzentrum der SS, hierarchisch immerhin gleichgestellt. Sie stand für den ökonomischen Zweig der SS und war Schaltzentrale der Ausbeutung von Zehntausenden KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern ebenso wie Mittelpunkt eines Imperiums von etwa 500 SS-Firmen.

Viele offene Fragen, sagt Aly, könnten möglicherweise geklärt werden, wenn man mehr über Notar Schneider wüsste. Wie kam es zum Beispiel zu den ominösen Todeserklärungen führender SS-Leute, die für die Zeit nach dem Krieg neue Identitäten bekamen? Warum brauchten die SS-Totenkopfverbände und die Wehrmacht fortlaufend einen Notar? Wieso reiste Wilhelm Schneider 1944 so oft nach Budapest, wo zu der Zeit der Mord an den ungarischen Juden begann? „Über manche Lager gibt es kaum Informationen“, sagt Götz Aly.

Ganz anders läuft es in Nordrhein-Westfalen

Mit der Sachlage konfrontiert, hatte die Senatsjustizverwaltung schon 2013 bekundet, „unter Hochdruck“ an einer Lösung zu arbeiten. Warum ist bis heute nichts geschehen? Die Bundesnotarordnung sei das Hindernis, sagt Claudia Engfeld, Sprecherin von Justizsenator Heilmann. Eine Bundesratsinitiative Berlins für eine Gesetzesänderung sei nicht zielführend, da die meisten Länder nicht mitziehen würden. Allerdings arbeite das Bundesjustizministerium derzeit an einer Novellierung der Bundesnotarordnung, die noch in dieser Legislaturperiode in Kraft treten solle.

Nach Informationen der Berliner Zeitung sieht diese Novellierung vor, dass dann auch Notariatsakten nach spätestens einhundert .Jahren für die Öffentlichkeit freigegeben werden. Ob sich die Forschung um 2040 für die Aufklärung dieses Kapitels der NS-Geschichte interessieren wird? Götz Aly und Gerhard Niebergall bezweifeln das.

Was die beiden Männer ärgert: In Nordrhein-Westfalen ist das scheinbar Unmögliche möglich. Die Notariatsakten aus der NS-Zeit sind dort frei zugänglich, weil sie das Justizministerium nach einer Aufbewahrungszeit von 50 Jahren an die Staatsarchive abgeben lässt. Berlin lehnt eine solche Regelung bisher ab. Uwe Schaper, Direktor des Landesarchivs, sagt, die Bundesnotarordnung lasse in Verbindung mit dem Berliner Archivgesetz solche Ausnahmen nicht zu.

Niebergall und Aly wollen trotzdem nicht aufgeben. „Es geht um Millionen NS-Opfer, deren Würde so unter den Teppich gekehrt wird. Das ist nicht hinnehmbar“, sagt Niebergall.