Emil Nolde wird zu Recht als großer Maler geehrt. Falls ihn unsere Bundeskanzlerin wirklich wegen seines Antisemitismus nicht länger in ihrem Büro sehen will, sollte sie umgehend aufhören, alljährlich zu den Wagnerfestspielen nach Bayreuth zu wallfahren. Gemessen an Richard Wagner war Nolde ein antisemitisches Nichts. O-Ton Wagner, anno 1850: „Der Jude herrscht, und wird so lange herrschen, als das Geld die Macht bleibt.“ In Gestalt der Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy und Giacomo Meyerbeer machten sich die Juden laut Wagner als „gänzlich fremdes Element“ und in der „wimmelnden Viellebigkeit von Würmern“ über den von ihnen bereits „zersetzten“ Körper der deutschen Tonkunst her. Dabei orientierten sie sich geschmacklich an der „frechen Zerstreutheit und Gleichgültigkeit einer jüdischen Gemeinde in der Synagoge während ihres musikalisch ausgeführten Gottesdienstes“. Soweit der geniale Komponist Wagner.

Ich trete seit Jahren dafür ein, den geschichtlichen Makel Deutschlands, der Deutschen und ihrer Repräsentanten nicht aus dem kulturellen Gedächtnis herauszuätzen. Liberalstalinisten, wie etwa Benedikt Erenz von der Zeit im Fall Ernst Moritz Arndt, pflegen diesen Putzzwang leidenschaftlich. Damit begünstigen sie das Vergessen, das Nichterklärenwollen. Natürlich sollen Wagner-Opern aufgeführt werden. Aber man könnte immer wieder einmal auf die Tickets drucken, dass er ein führender deutscher Antisemit gewesen ist. In Berlin-Friedenau umrahmen Wagner-Heroinnen den Cosimaplatz: Elsa-, Isolde-, Eva-, Brünnhilde-, Ortrud- und Kundrystraße. Diese Straßennamen sollen bleiben! Vertrackterweise erinnern hier lauter Frauen an einen Mann, der nicht allein als Antisemit schuldig geworden ist. Darüber hinaus machte er den Glauben an „Phantasieprodukte statt an Wirklichkeitserkenntnis“ populär, setzte die todessüchtige „ästhetische Sensation“ an die Stelle des pragmatischen Rationalismus. So trug er zu den weltanschaulichen Grundlagen der Nazirevolution bei, wie der konservative Historiker Siegfried A. Kaehler 1944 an Friedrich Meinecke schrieb.

Ebendeshalb gehören Richard Wagner und Emil Nolde zu Deutschland. Vergessen wir sie nicht! Dasselbe gilt für Ferdinand Sauerbruch, Caroline von Humboldt, Martin und Katharina Luther, Friedrich List, Wilhelm von Bode, Franz Mehring, Peter Christian Beuth, Achim von Arnim, den Freiherrn vom Stein und Hunderte andere. Der deutsche Antisemitismus speiste sich eben nicht aus den Dreckecken, sondern aus der Mitte der deutschen Gesellschaft, vielfach gefördert von Männern und Frauen, die sich um Künste, Wissenschaft und Politik verdient gemacht haben. Darin besteht das Problem. Was aber fand Angela Merkel so anziehend an dem düster-wilden Bild „Brandung“ und dem damit kontrastierenden Gartengemälde? Vermutlich folgte sie unbewusst der westdeutschen Nolde-Schwärmerei der Sechzigerjahre, an die ich mich gut erinnere: Die selbstverschuldete schreckliche Vergangenheit wurde damals als naturhaftes Hereinbrechen einer „deutschen Katastrophe“ imaginiert – aufgelöst und vergessen im blühenden, friedlichen Sommer des Wirtschaftswunders – aus Merkels späterer Sicht: des Einheitswunders.

Bleibt die Frage: Welche und wessen Bilder hängen Sie nun auf, Frau Kanzlerin?