NS-Regime: Das waren die Kämpfer der "Roten Kapelle"

Die Urteile sind noch nicht gefällt, die Todesstrafe ist den Angeklagten aber schon gewiss. Adolf Hitler hat als oberster Gerichtsherr eine „beschleunigte und verschärfte Bestrafung“ gefordert und Hermann Göring die Oberaufsicht über das Verfahren vor dem Reichskriegsgericht übertragen. Göring hat Obergerichtsrat Manfred Roeder als Ankläger berufen. Roeder gilt als „Hitlers Spürhund“.

Die Urteile werden am 19. Dezember 1942 fallen. Hitler hat angewiesen, im Hinrichtungsschuppen der Strafanstalt Plötzensee einen Stahlträger mit acht Eisenhaken, Fleischerhaken, anzu- bringen. Todesurteile werden dort bis dahin durch Enthauptung vollstreckt, bis 1936 mit dem Hand-, seitdem mit dem Fallbeil. Das entehrende Hängen kommt nun dazu – die Verurteilten sollen ihr Leben auswürgen.

Acht Männer und fünf Frauen sind angeklagt. Das Reichskriegsgericht wirft ihnen „Hoch- und Landesverrat“ vor. Alle Angeklagten sind Mitglieder der „Roten Kapelle“. Wer waren diese Männer und Frauen, die das NS-Regime vor 75 Jahren hinrichtete? Und wer war die Rote Kapelle?

Ein loses Netzwerk

Ein düsterer Dezembertag: Der Himmel wölbt sich bleiern über der Gedenkstätte Plötzensee, der Innenhof ist menschenleer, der Wind flüstert in den skelettierten Bäumen, Äste wiegen sich, Laub raschelt über Steinplatten. „Den Opfern der Hitlerdiktatur der Jahre 1933–1945“ prangt an der Gedenkwand. 2891 Männer und Frauen wurden hier hingerichtet.

Die Männer und Frauen, die Ende 1942 vor dem Reichskriegsgericht stehen, sind Gegner des NS-Regimes. Sie gehören zu einem losen Netzwerk von mutmaßlich 150 Personen unterschiedlicher weltanschaulicher Auffassung und sozialer Herkunft. Sie diskutieren politische und künstlerische Fragen, helfen Zwangsarbeitern und Verfolgten, dokumentieren Gewaltverbrechen, verfassen Flugschriften, verkehren mit anderen Widerstandsgruppen und informieren Vertreter der USA und der Sowjetunion über Vorgänge in deutschen Ministerien und Behörden.

Die Geschichte der Roten Kapelle ist weitaus weniger bekannt als die der Widerstandsgruppe um Stauffenberg (Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944) oder um die Geschwister Scholl (Weiße Rose). Zu ihr bekannten sich Publizisten und Künstler, Beamte und Militärs, Ärzte und Arbeiter, Studenten, Lehrlinge, Schüler. Etwa 40 Prozent von ihnen waren Frauen. Alle hatten nur eine politische Leitlinie: Weg mit Hitler!

Die deutsche Spionageabwehr und die Gestapo gaben der Gruppe ihren Namen, nachdem sie Funksprüche aus Moskau abgefangen hatten: Für Geheimdienstler ist ein Morsecodezeichen klopfender Funker ein Pianist; eine Gruppe von Pianisten ist eine Kapelle; weil die Zeichen aus Moskau kommen, Heimat des Kommunismus, ist die Kapelle rot.

Die Namensgebung machte aus der weltanschaulich offenen Widerstandsgruppe eine den Sowjets dienende Spionageorganisation. Dieses Geschichtsbild änderte sich erst zu Beginn der 90er-Jahre.

Sieben Widerstandskreise

Zwei Männer stehen im Zentrum der Gruppe, die sich ab Mitte der 30er-Jahre bildet: der Publizist und Luftwaffenoffizier Harro Schulze-Boysen, der in der Nachrichtenabteilung des Reichsluftfahrtministeriums tätig ist, und der Jurist und Nationalökonom Arvid Harnack, der als Geheimmitglied der KPD zum Schein in die NSDAP eintrat und als Oberregierungsrat im Reichswirtschaftsministerium arbeitet. Freunde und Bekannte der beiden und ihrer Ehefrauen knüpfen in Berlin ein Netzwerk aus sieben Widerstandskreisen. Unabhängig davon gibt es Gruppen in Paris und Brüssel.

Der Sozialdemokrat Adolf Grimme (später Kultusminister in Niedersachsen) und die Kommunisten Hans und Hilde Coppi gehören zum Netzwerk, der Journalist Adam Kuckhoff und seine Frau Greta (später Präsidentin der Deutschen Notenbank der DDR), die Ärztin Elfriede Paul, der Romancier Günther Weisenborn und seine Frau Joy.

Harro Schulze-Boysen ahnt schon 1937, worauf der NS-Wahn hinauslaufen wird: „Es wird der größte Krieg der Weltgeschichte, aber Hitler wird ihn nicht überleben.“

Gefesselt fristeten die zum Tode Verurteilten Regimegegner die letzten Stunden ihres Lebens im Erdgeschoss des großen Zellenbaus in Plötzensee (Haus III). Das Gebäude steht nicht mehr. Vom angrenzenden Hinrichtungsschuppen ist nur der hintere Teil erhalten. Der Ziegelbau liegt hinter der Gedenkmauer. Im Raum rechts informieren Wandschaukästen über die Geschichte der Strafanstalt und die Gräuel, die das NS-Regime hier verübte. Ein Kasten erzählt von der Roten Kapelle.

Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion – die Rote Kapelle hat Moskau davor gewarnt. Stalin aber kritzelt an den Rand der entscheidenden Meldung, die ihm der Volkskommissar für Staatssicherheit am 17. Juni 1941 vorlegt: „Schicken Sie Ihren ,Informanten' aus dem Stab der deutschen Luftwaffe zu seiner Hurenmutter zurück. Das ist kein ,Informant', sondern ein Desinformator.“ Fünf Tage später fällt die deutsche Wehrmacht in der Sowjetunion ein. Moskau ist jetzt an einer Zusammenarbeit mit der Gruppe um Schulze-Boysen und Harnack interessiert.

Hitler gewährt keine Gnade

Eine Flugschrift mit dem Titel „Die Sorge um Deutschlands Zukunft geht durch das Volk“ schreckt im Februar 1942 die Gestapo auf. Die sechsseitige Schrift ruft auf zum Widerstand gegen den Krieg, der „nicht Deutschland allein, sondern den ganzen Kontinent zum Trümmerfeld“ zu machen drohe. Die Gestapo hält die Ermittlungen zunächst für „aussichtslos“.

Keine Aktion der Roten Kapelle fliegt auf – bis die Sowjets einen unglaublichen Fehler begehen: Sie senden einen Funkspruch mit den Klarnamen von Schulze-Boysen und anderen. Die Gestapo nimmt Ende August 1942 erste Mitglieder fest.

Elf Todesurteile wegen „Hoch- und Landesverrats“ ergehen im Dezember 1942, dazu einmal sechs und einmal zehn Jahre Zuchthaus wegen „passiver Beihilfe zum Hochverrat“. Hitler weist alle Gnadengesuche ab. Die Zuchthausstrafen hebt er auf, die Verfahren werden wiederaufgenommen.

Tod im Minutentakt

Zwei Tage vor Heiligabend werden im Vierminutentakt gehängt: Rudolf von Scheliha, Harro Schulze-Boysen, Arvid Harnack, Kurt Schumacher, John Graudenz; und anschließend im Dreiminutentakt enthauptet: Horst Heilmann, Hans Coppi, Kurt Schulze, Ilse Stöbe, Libertas Schulze-Boysen, Elisabeth Schumacher.

Die wiederaufgenommenen Verfahren gegen Mildred Harnack und Erika von Brockdorff enden im Januar 1943 ebenfalls mit Todesurteilen. In den Folgemonaten werden 59 Mitglieder der Roten Kapelle hingerichtet: der Bildhauer Kurt Schumacher und die Tänzerin Oda Schottmüller, der Fräser Stanislaus Wesolek und der Elektriker Eugen Neutert, der Banklehrling Otto Gollnow und die Schülerin Liane Berkowitz, die in der Haft eine Tochter zur Welt bringt ...

Vier künstliche Grablichter flackern auf dem Boden in der Mitte des linken Raums im verbliebenen Teil des Hinrichtungsschuppens. Vier rote und vier weiße Nelken liegen dazwischen, ein Gedenkkranz liegt davor. An der Stirnwand, unter zwei schmalen vergitterten Fenstern, liegen weitere Kränze. Ein Stahlträger verbindet die Seitenwände. An ihm hängen fünf Eisenhaken. Es ist totenstill.

Versuche ehemaliger Widerstandskämpfer nach dem Krieg, Richter Manfred Roeder vor Gericht zu bringen, scheiterten. Roeder gelang es, die Rote Kapelle als „moralisch entartete“ kommunistische Verschwörung und ihre Mitglieder als „Landesverräter“ und „Spione“ darzustellen. So beeinflusste er die historische Einordnung der Gruppe in der Bundesrepublik.

Auch die DDR hob die Spionagetätigkeit der Roten Kapelle hervor, allerdings positiv: Historiker beschreiben sie als Widerstandsgruppe, die vom Antifaschismus der KPD abhängig und nur deshalb zu Aktionen befähigt war.

In beiden Deutschlands festigte sich das falsche Bild von der Roten Kapelle als kommunistische Spionagegruppe. Die Erkenntnis, jeder hätte Widerstand leisten können, und das Eingeständnis von Schuld und Mitverantwortung hatten hüben wie drüben keinen Platz. Der eine Staat wollte von seiner NS-Vergangenheit nichts wissen, der andere nur das, was in sein antifaschistisches Konzept passte.

„Alles, was ich tat“, schreibt Harro Schulze-Boysen am Tag seiner Hinrichtung seinen Eltern, „tat ich aus meinem Kopf, meinem Herzen und meiner Überzeugung heraus.“

Der Deutsche Bundestag hat die Urteile gegen die Mitglieder der Roten Kapelle aufgehoben und so die Toten rehabilitiert. Spät tat er das, am 8. September 2009.