Das Berliner Landeskriminalamt (LKA) hatte offenbar kein Problem, mit einem Schwerkriminellen zusammenzuarbeiten. Während das sächsische LKA gegen die Anwerbung des Chemnitzer NSU-Helfers Thomas S. „erhebliche rechtliche Zweifel“ äußerte, weil er ein Hauptaktivist der rechten Szene war und zum Beispiel beim bundesweiten Vertrieb von Nazi-Musik half, wurde er im Jahr 2000 trotzdem von Berlin als V-Mann gewonnen. Weil gegen ihn ermittelt werde, könne man ihm möglicherweise keine Vertraulichkeit zusichern, begründeten die Sachsen damals ihre Zweifel.

Diese Bedenken gab es damals auch im Berliner LKA, allerdings wischte die Führung der Abteilung Staatsschutz sie offenbar beiseite. Immerhin konnte dank der Erkenntnisse des V-Mannes im Jahr 2003 die berüchtigte Naziband „Landser“ verurteilt werden. Warum Thomas S. trotz seiner kriminellen Karriere entgegen der sonst geltenden Richtlinien angeworben wurde, konnte die Polizei am Sonntag nicht sagen. „Das wird im Rahmen der Aufarbeitung noch geklärt werden müssen“, sagte Polizeisprecher Stefan Redlich. Möglicherweise hat der damalige Staatsschutz- und spätere LKA-Chef Peter-Michael Haeberer eine Erklärung. Die Grünen wollen den Pensionär in den Berliner Innenausschuss einladen. Auch einige SPD-Abgeordnete halten dies inzwischen für wünschenswert.

V-Mann-Berichte verwechselt

Dass der NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag erst spät über Thomas S. unterrichtet wurde, begründeten Polizeichefin Margarete Koppers und Innensenator Frank Henkel (CDU) mit dem Schutz der Personalien des Mannes. Ein von Koppers unterzeichnetes Schreiben des Staatsschutz-Chefs an die Bundesanwaltschaft vom April belegt dem Nachrichtenmagazin Spiegel zufolge, dass die Polizei die Akten über den V-Mann habe zurückhalten wollen. Die Polizei soll die Übersendung aller Akten nach Karlsruhe verweigert haben, weil „Einsicht durch den Untersuchungsausschuss nicht ausgeschlossen werden“ könne. Redlich sagte, der Spiegel zitiere nur einen Satz aus dem sechsseitigen Brief. „Darin steht auch, dass die Polizei das Ziel verfolgt, alle Bezüge des V-Mannes zum NSU grundsätzlich offen zu kommunizieren.“

Die Vertraulichkeit ist sowieso dahin. Um den Druck aus dem Skandal zu nehmen, haben Polizei und Bundesanwalt nun den Abgeordneten das komplette rund 400 Seiten starke Dossier zu Thomas S. geschickt. Und die wundern sich über dessen Lückenhaftigkeit und die teils schlampige Führung. So ist in der Akte ein Vorgang über das Attentat auf das Restaurant Mykonos im Jahr 1992 abgeheftet, woraus man voreilig schlussfolgern könnte, dass Thomas S. der Polizei den Täter verraten hat. Nur: Es handelt sich um einen Treffbericht zu einer völlig anderen V-Person.

Unterdessen stellte der SPD-Abgeordnete Tom Schreiber Strafanzeige gegen Unbekannt wegen Geheimnisverrats. Aus vertraulichen Sitzungen seien Infos an Medien weitergegeben worden, so Schreiber. Spiegel-Online, die Berliner Zeitung und andere hatten am Wochenende über DNA-Spuren berichtet, die auf eine Verbindung zwischen der NSU-Terrorzelle zur Berliner Rockerszene hindeuten. Darüber hatte Henkel die Innenpolitiker in einer geheimen Sitzung unterrichtet. Die DNA-Spur war an einer Patronenhülse entdeckt worden, die nach einer Schießerei vor einem Clubhaus der Bandidos entdeckt wurde. Inzwischen erklärte die Bundesanwaltschaft, diese Spur sei kein Beleg für eine Verbindung zwischen NSU und Rockern.