Berlin - Ein weiteres Heldenlied wäre viel schöner. Noch ein Text über lustige Durchsagen, schlagfertige Schaffner, hilfsbereite Busfahrer oder die kuriose Schönheit langer Fahrten mit dem Schienenersatzverkehr. Wenn man sich die Zeit nimmt. Aber. Zeit ist relativ. Nicht alle haben sie. In der Stadt fast niemand. Das ist schlecht für die Stimmung, das Miteinander, den Ton. Wer das oft zu spüren bekommt, sind all jene, die fürs Tempo zuständig sind. Für die Mobilität. Schaffner, Fahrer, Menschen an Info-Schaltern. Weil die gar nichts dafür können und sich trotzdem beschimpfen lassen müssen, schreibe ich oft freundliche Texte über den Öffentlichen Nahverkehr. Weil viele Fahrer, Schaffner und Menschen an den Info-Schaltern trotzdem Haltung bewahren, Geduld und Humor. In Momenten, in denen ich tief buddeln müsste nach meinem.

Der Fahrgast ist kein vollkommenes Geschöpf

Weil Zeit relativ ist, muss irgendwer bestimmen, was zu viel ist. Man kann ja nicht immer fünfe gerade sein lassen. Oder über vier Minuten hinwegsehen. Also, der Fahrgast muss das schon oft, denn Busse und Bahnen verspäten sich nun mal. Das liegt daran, dass alle so schnell sein wollen, da geht viel schief und in Folge langsamer. Versteh ich alles. Möchte ich nicht drüber lamentieren. Schreibe ich auch nicht drüber. Tun andere ja genug. Aber.

Auch der Fahrgast ist kein vollkommenes Geschöpf. Es kann etwa vorkommen, dass er sich verrechnet. Zwei Stunden in eine Richtung darf man fahren mit dem Einzelticket und zwischendurch aussteigen. Dass es nach dem Frühstück knapp werden würde, ist der Freundin, angereist aus einer anderen Stadt, und mir klar. Sie will daher ein neues Ticket kaufen. Ich beruhige sie. Vier Minuten! Und ich mit Jahres-Abo, seit Jahren. Die sogar Kurzstrecken-Tickets für Kinder kauft auf Strecken, die fast zu kurz sind, um den Automaten zu bedienen. Treue Kundin, Heldenlieder-Schreiberin. Der Kontrolleur würde, so er auf den letzten Metern zustiege, ein Auge zudrücken.

Vier Minuten kosten 60 Euro

Hätte er vielleicht gemacht. Wenn die Freundin nicht zunächst das Ticket suchen müsste. Weil sie es partout nicht findet, steigen wir ohne Protest mit ihm und seinem Kollegen aus. Während die Freundin schon nach den 60 Euro kramt, finde ich das Ticket zwischen circa 100 Zetteln in ihrem Rucksack. Großes Aufatmen. Kurz. „Das ist abgelaufen.“ Alle vier blicken wir zur Uhr. Zehn Minuten über der Zeit. Ich sage dem Kontrolleur, dass das Suchen und Aussteigen und Weitersuchen doch einige Minuten gedauert hätte. Er sagt, aber nicht zehn. Ich sage, dass wir ohnehin an der nächsten Station ausgestiegen wären. Mit vier Minuten drüber. Dass die Freundin ein neues Ticket kaufen wollte. Das sie dann vermutlich nicht hätte suchen müssen. Ich aber gesagt habe, vier Minuten seien schon ok.  Sind sie nicht. Vier Minuten sind absolut unrelativ und kosten 60 Euro. „Aber...“ Kein Aber. Ende der Durchsage. Aber dann halt auch kein Heldenlied diesmal.