Es ist dunkel, spät in der Nacht, der kalte Wind weht, die Finger tun weh, verlassen sind die Straßen in Kreuzberg. Öde ist es.

Auf der anderen Straßenseite geht einer sehr langsam, er spaziert dahin und pfeift dabei irgendeine Melodie. Ein echter Nachtflaneur. Weil mir das Pfeifen gefällt, pfeife ich ebenso eine Melodie, den Refrain von den Walker Brothers „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“, ein für Berlin von Oktober bis April passendes Lied, wie ich finde, sehr traurig zwar, immerhin kommt aber das Wort Sonne im Titel vor.

Die Melodien vermischen und ergänzen sich eine Weile – da ich aber deutlich schneller laufe, ist das Miteinanderanpfeifspiel schnell vorüber.

Als ich um die Ecke biege, jetzt ein wenig außer Atem, geht ein paar Meter vor mir eine Person; eine Frau ist es, das erkenne ich, sie telefoniert. Ich pfeife etwas leiser, jetzt hört man deutlich die Schritte von uns beiden. Sie horcht kurz auf, dreht sich um und legt dann einen Gang zu. Ich verstehe, dass sie sich unwohl fühlt. Soll ich aufhören zu pfeifen? Diese seltsame, nicht gewollte Spannung ein wenig dadurch rausnehmen?

Ich denke: Wenn eine Angst vor einem hat, sich verfolgt fühlt von jemandem, der dieses düstere und die Ausweglosigkeit thematisierende Lied pfeift, das muss schrecklich sein. Vielleicht sagt sie gerade in den Hörer: Der pfeift die ganze Zeit das Lied mit der Sonne, die niemals mehr scheint. Was soll ich jetzt machen? Der meint bestimmt, das MEINE Sonne nicht mehr scheint. Der meint mich! Genau das geht ihr vielleicht gerade durch den Kopf.

Jedenfalls wird ihr Schritt noch schneller. Soll ich etwas Fröhlicheres pfeifen, etwas, das jeder kennt? „Atemlos durch die Nacht“? „Rudolph, the Red-Nosed Reindeer“?

Oder einfach nicht pfeifen, lieber die Straßenseite wechseln? Das mache ich dann. In dem Moment hat aber auch die telefonierende Frau dieselbe Idee, und als sie mich dann aus den Augenwinkeln die Straßenseite wechseln sieht, bleibt sie stehen. Ich gehe weiter, viel schneller als sie, mir ist auch kalt, und fange dann wieder an zu pfeifen: „Don’t Worry, Be Happy“.