Berlin - Die Friedrichshain-Kreuzberger nehmen es ganz genau: Fast 50 Straßenzüge inklusive Hausnummern listet das Bezirksamt auf. Die Bewohner können sich am Wochenende in einer nahen Sporthalle impfen lassen – ohne jede Anmeldung, ohne Termin. Doch bei der Adressenliste fällt auf: Es kommen nur Kreuzberger dran, Bewohner von Friedrichshain gehen leer aus. Nicht die einzige Merkwürdigkeit einer eigentlich gut klingenden Idee.

Es war Montag, der 3. Mai, die Corona-Inzidenz lag deutschlandweit bei etwa 150, Impfstoff war extrem knapp. Geimpft wurde streng nach Priorisierung. An den Impfzentren gab es keine freien Termine: Die Hausärzte fingen gerade erst an. Da flimmerten diese Bilder aus Köln-Chorweiler über die Bildschirme der Republik: In dem Hochhausviertel standen Menschen stundenlang geduldig Schlange, um sich gegen Covid-19 immunisieren zu lassen. Ein Lichtblick in der Krise.

Tags darauf trat die Berliner Landesregierung zu ihrer allwöchentlichen Sitzung zusammen. Anschließend verkündete der Regierende Bürgermeister Michael Müller der überraschten Öffentlichkeit, dass nun auch in Berlin in den Bezirken geimpft werden soll. Zunächst 10.000 Impfdosen stünden zur Verfügung. Verimpft werden sollten diese in Stadtteilzentren in sozialen Brennpunkten oder in Quartieren mit schwierigen Wohnsituationen. „Da ist etwas zu tun“, sagte der SPD-Politiker. Eine Name wurde auch gefunden: Schwerpunktimpfungen.

Impf-Bilanz aus Neukölln: Es wurden die Falschen geimpft

Am Freitag nach Himmelfahrt konnten sich in der Turnhalle der Schule in der Köllnischen Heide in Neukölln Bewohner der Weißen Siedlung rund um den Dammweg, der Highdeck-Siedlung beidseits der Sonnenallee sowie des Kiezes Südliches Kiehlufer impfen lassen. Allesamt Viertel mit hohem Anteil türkisch- und arabisch-stämmiger Bewohner sowie Menschen südosteuropäischer Herkunft. Damit wollte man diese oft bildungsfernen Schichten erreichen, Menschen, die keinen klassischen Hausarzt haben und deswegen auch weniger Zugang zu Impfangeboten. Ausreichend Dolmetscher standen bereit.

Die Neuköllner Impfer verabreichten an dem Wochenende fast 2300 Impfungen. Doch schnell stellte sich heraus, dass gar nicht so viele Impflinge aus den angestrebten Bevölkerungsgruppen kamen, stattdessen viele Englischsprachige aus Europa und allen Teilen der Welt. Er wolle nicht falsch verstanden werden, sagt Neuköllns Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) im Gespräch mit der Berliner Zeitung, jede Impfung sei gut. Aber: „Wir haben die eigentliche Zielgruppe nicht erreicht.“

Dennoch hat die Neuköllner Impfaktion Maßstäbe gesetzt: Es gibt pro Bezirk nur einen Impf-Ort. Und bisher waren es immer Sporthallen. Kein Wort ist mehr von den „Stadtteilzentren“, die Regierungschef Müller Anfang Mai noch angekündigt hatte.

Jeder Bezirk hat also nur einen Schuss. Deshalb lud Tempelhof-Schöneberg voriges Wochenende nur Bewohner einiger Schöneberger Postleitzahlbereiche ein – und niemanden aus Tempelhof. Und deswegen hat sich Friedrichshain-Kreuzberg dazu entschlossen, an diesem Wochenende in der Sporthalle in der Lobeckstraße nur Kreuzberger aus angrenzenden Quartieren zu impfen, aber keine Menschen aus Friedrichshain.

Ähnlich geht am Wochenende Treptow-Köpenick vor, wenn es in der Turnhalle des Anne-Frank-Gymnasiums die Bewohner des Kosmos- und des Kölner Viertels aus Altglienicke zum Impfen einlädt. Alle anderen nicht.

Gesundheitsämter wollen lieber selber impfen

Das Urteil der Gesundheitsstadträte fällt gedämpft aus. Knut Mildner-Spindler (Friedrichshain-Kreuzberg, Linke) vermisst ein Gesamtkonzept. Oliver Schworck aus Tempelhof-Schöneberg (SPD) spricht von einem „Ableger eines Impfzentrums“ und erkennt ein geradezu „preußisches ,Wir impfen jetzt alle‘!“ Doch genau das brauche man nicht. Falko Liecke aus Neukölln möchte am liebsten die Ärzte seines Gesundheitsamts im Kinder- und Jugendgesundheitsdienst und in anderen Sprechstunden impfen lassen – dort, wo die Menschen hinkommen.

Unterdessen geht das Schwerpunktimpfen weiter: Am Wochenende 18./19./20. Juni sind Mitte und Charlottenburg-Wilmersdorf an der Reihe.