„Nur nach Hause geh’n wir nicht“: Wo das Heimatgefühl am stärksten ist

Das größte Stadion Berlins ist der Lieblingsort unseres Autors. Dort jubelte und weinte er. Ein Ort, den es so wie bisher vielleicht bald nicht mehr geben wird.

Das Berliner Olympiastadion bei Nacht.
Das Berliner Olympiastadion bei Nacht.

Der 23. März 2003 ist ein nasskalter, ungemütlicher Sonntag. Schon am Ostbahnhof drängeln sich viele Fußballfans in die S9 Richtung Spandau. Am Abend spielt Hertha BSC gegen Energie Cottbus zum Abschluss des 26. Spieltages in der Ersten Bundesliga. Der Tabellenvierte aus Berlin empfängt das Schlusslicht aus der Lausitz. Besonders viele Auswärtsfans steigen in den Zug ein, der mich zum ersten Mal ins  Olympiastadion bringen wird. Ich fahre mit meinem Vater zu einem wahrhaft imposanten Ort, der für mich das pure Berlin bedeutet und viel mehr ist als bloß ein Lieblingsort.

Schon nachdem wir vom S-Bahnhof Olympiastadion aussteigen und zu den Eingangstoren des Stadions laufen, sind wir von dem kolossalen betongrauen Rund beeindruckt. Die Größe raubt mir den Atem, ich fühle mich so klein, noch  kleiner, als ich es als achtjähriger Junge ohnehin schon bin. Der nächste prägende Moment folgt sogleich: rein ins Stadioninnere, die Massen an Menschen beobachten, runter zu den Plätzen im Familienblock, meine Idole wie Marcelinho oder Alex Alves beim Aufwärmen bewundern. Als dann die Hymne „Nur nach Hause“ von der Ostkurve angestimmt wird, bekomme ich eine Gänsehaut am ganzen Körper.

Sportliches Fazit meines ersten Hertha-Spiels live im Stadion: Nach einem 0:1-Rückstand kann Hertha das Spiel noch durch Tore von Pal Dardai, Alex Alves und Michael Preetz drehen. Mit einem 3:1 und einer Sieger-Limo geht es den langen Weg zurück nach Treptow. Was sich nicht mit Zahlen messen lässt, das sind die Emotionen.

Der Abend macht etwas mit mir, zu Hause schaute ich mir die Höhepunkte des Spiels noch einmal im Fernsehen an. Vielmehr als der reine Spielverlauf packt mich jedoch das Erlebnis, hautnah im Olympiastadion dabei gewesen zu sein. Die Massen hüpfend, brüllend und jubelnd mitzuerleben ist ein Gefühl, das ich in meinem Leben bis dato nicht kannte.

Keine zwei Wochen später – zum nächsten Heimspiel – komme ich wieder, und so beginnt eine Beziehung, die rational nicht zu erklären ist. Egal, ob Europapokal, graues Tabellenmittelfeld oder Abstiegskampf. Egal, ob Klassiker gegen Hamburg und Dortmund oder Exoten wie das lettische Ventspils oder dänische Odense. Hertha und das Olympiastadion werden zu meinem zweiten Zuhause.

Schon in frühen Jahren war das Olympiastadion das zweite Zuhause des Autors (mittig).
Schon in frühen Jahren war das Olympiastadion das zweite Zuhause des Autors (mittig).Nicolas Butylin

Als ich dann im jugendlichen Alter zum ersten Mal ohne Eltern, dafür mit Schulfreunden den Weg ins „Oly“ auf mich nehme, durchflutet Adrenalin meinen Körper. Für mich ist ein Samstagnachmittag im Stadion das Freiheitsgefühl schlechthin. Keine Termine, Ausbruch aus dem manchmal monotonen Alltag, keine Gedanken an die Schule, sondern nur Hertha, Fußball und Leidenschaft für den eigenen Verein.

Da meine Besuche im Westend der Stadt im Teenager-Alter rapide zunehmen, fangen meine Eltern an, sich etwas über mein zweites Zuhause zu beschweren. Es bleibt allerdings dabei: Für mich führen alle Wege ins Olympiastadion, und da kann ich mich auch in jungen Jahren schon meinungsstark behaupten, egal, ob man eben den Bayern die Lederhosen ausgezogen oder durch eine bittere Heimniederlage den Abstieg erlitten hat.

Die untergehende Sonne scheint auf das Olympiastadion. Im Hintergrund das Berliner Stadtzentrum.
Die untergehende Sonne scheint auf das Olympiastadion. Im Hintergrund das Berliner Stadtzentrum.Christophe Gateau/dpa

Jegliche Sticheleien von Bekannten und Freunden, was ich denn in der grauen, halbleeren, kalten Betonschüssel wolle, wehre ich stets mit einem Lächeln ab. Zwar ist es im Olympiastadion an einem Januarabend in der Tat gefühlt kälter als in Nowosibirsk, jedoch wärmen das gleichzeitige Einpeitschen mit tausenden Herthanern und ein kleiner Schwips Glückseligkeit den Körper ungemein.

Mit 13 oder 14 Jahren - wahrscheinlich durch den Schulunterricht - fange ich an, mich mit der Geschichte meines Lieblingsortes auseinanderzusetzen. 1934 Baubeginn, 1936 Olympische Sommerspiele, das Stadion als sichtbarstes bauliches Zeugnis Berlins aus dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte. Schon damals merke ich, dass es zwei Lager gibt: pro-Denkmalschutz und Umbauinitiativen.

Meiner Ansicht nach stärkt der Ort in seiner jetzigen Form die aktive und sichtbare Auseinandersetzung mit der Geschichte Deutschlands, Berlins oder auch der von Hertha. So finde ich es aber auch sehr gut, dass in unmittelbarer Nähe zum Stadion die Jesse-Owens-Allee verläuft, benannt nach dem schwarzen Amerikaner, der 1936 vier Goldmedaillen abräumte und Hitler vor der Weltöffentlichkeit bloßstellte.

Konzerte oder Comedyshows besuche ich im Olympiastadion übrigens nicht.  Mario Barth ist nicht mein Humor und Rammstein, Coldplay oder das Lollapalooza sind nicht meine Musik. Und ich habe das Gefühl, dass ein Konzert- oder Festivalbesuch im größten Berliner Stadion fast so viel kostet wie eine Saison-Dauerkarte von Hertha. Also viel zu viel, da überlasse ich das Stadion auch mal gerne den Pop- und Rockfanatikern.

Bin ich in zehn Jahren noch im Olympiastadion?

Dabei weiß ich nicht mal, wie lange ich zu meinem Berliner Lieblingsort pilgern werde. Zunächst machte die Corona-Pandemie einen Besuch für mehr als zwei Jahre unmöglich, und auch die Zukunft von Hertha im Olympiastadion ist heikel: Ursprünglich wollte mein Herzensverein 2025 in ein neues, eigenes Stadion ziehen. Die Pläne wurden jedoch verschoben, es herrschte Uneinigkeit zwischen dem Verein, dem Senat und weiteren Entscheidungsträgern. Die Zukunft der Spielstätte ist bis heute unklar.

So muss man abwarten, wie das Spiel zwischen dem Verein, der Berliner Politik und Anwohnern weitergeht. Sportsenatorin Iris Spranger erwartet eine Verlängerung der Miete im Olympiastadion bis 2030 und bringt das Maifeld wiederholt in die Debatte. Fest steht: Es ist wichtig, dass die Heimat aller Herthafans – das Olympiastadion – nicht zu einer Ruine verfällt, sondern seine Daseinsberechtigung weiter behält. Schließlich haben sich viele Freunde und Bekannte das Stadion auf die Haut tätowieren lassen. Das Olympiastadion wird ganz sicher für immer identitätsstiftend und Heimat bleiben.