Berlin - Um zwölf Uhr mittags bebte in Mahlow südlich von Berlin die Erde. Mit Getöse trieb eine Ramme eine Spundbohle in den sandigen Boden. Stahlprofile wie dieses werden die Baugrube einrahmen, in der in den kommenden Monaten ein wichtiger Abschnitt der künftigen Verbindung von Berlin zum Flughafen BER entsteht. Mit dem ersten Rammschlag wurde am Dienstag der Baubeginn der Mahlower Kurve gefeiert. „Ist doch nur eine Kurve, werden viele jetzt meinen“, sagte Berlins Verkehrs-Staatssekretär Ingmar Streese. Doch für den Bahnverkehr in der Region ist sie ziemlich wichtig, so der Grünen-Politiker.

Wenige Kilometer jenseits der Berliner Stadtgrenze wird die zweigleisige Trasse die Strecke in Richtung Dresden, die gerade neu gebaut wird, mit dem Berliner Außenring verbinden. Geplant ist, dass sich dort erstmals im Dezember 2025 Züge in die Kurve legen werden. Dann soll auch die Dresdner Bahn eröffnet werden. Die Mahlower Kurve wird mehrere Aufgaben erfüllen.

Züge lassen das „Schweineohr“ südlich von Berlin künftig links liegen

Die bedeutendste: „Dort wird der Airport Express im 15-Minuten-Takt verkehren“, erklärte Enak Ferlemann, Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium. Dank der neuen Direktverbindung müssen die Züge zum neuen Schönefelder Flughafen künftig keinen Umweg über das Ostkreuz mehr fahren. Außerdem können sie auf der neuen Dresdner Bahn auf Tempo 160 beschleunigen. Folge ist, dass die Fahrt vom Berliner Hauptbahnhof zur Station unter dem BER-Terminal 1 nur noch 20 Minuten dauern wird. „Das ist mit dem Auto nicht zu schaffen“, so der CDU-Politiker. Heute brauchen die schnellsten Regionalzüge eine halbe Stunde. „Hoffen wir also darauf, dass es irgendwann wieder viele Fluggäste geben wird, die den Airport Express dann nutzen werden“, fügte Alexander Kaczmarek, Konzernbevollmächtigter der Bahn für Berlin, hinzu. Weil die Luftfahrt wegen Corona darniederliegt, bewegt sich die Auslastung der Flughafenzüge derzeit meist im einstelligen Prozentbereich.

„Auch der Verkehr in Richtung Cottbus, Görlitz und eines Tages weiter nach Polen wird über die Mahlower Kurve geleitet“, sagte Ferlemann. Die Intercity-Linie 17 von Rostock nach Dresden, deren Züge heute schon im BER-Bahnhof halten, werden die neue Verbindung ebenfalls nutzen.

Alles in allem wird die Dresdner Bahn die Berliner Bahnkapazität deutlich erweitern. In Zukunft müssen Regional- und Fernzüge nach Süden nicht mehr wie heute noch einen zeitraubenden Umweg über Lichterfelde Ost und das „Schweineohr“, eine Kurve bei Großbeeren, fahren. Das verkürzt nicht nur die Reisezeit von Berlin nach Dresden um zehn Minuten, es entsteht auch Platz für mehr Zugfahrten. So sollen künftig drei Regionalzüge pro Stunde nach Blankenfelde und Wünsdorf-Waldstadt verkehren – heute sind es zwei pro Stunde.

Der Schriftsteller Erich Kästner reiste auf der Dresdener Bahn heim zu seiner geliebten Mutter in Dresden-Neustadt. Schnellzüge nach Prag, Wien und Budapest nahmen dort an Fahrt auf. Doch im Kalten Krieg geriet der Berliner Abschnitt ins Abseits. 1952 kam er unter die Räder: Die DDR-Reichsbahn stellte den Reisezugverkehr ein. DDR-Bürger sollten nicht länger am Anhalter Bahnhof ankommen, der im damaligen West-Berliner Bezirk Kreuzberg lag, sondern im Osten der Stadt.

Bis zu sechs Meter hohe Schallschutzwände

Inzwischen wird auch diese Folge der deutschen Teilung rückgängig gemacht. Mit dem Neubau des 14 Kilometer langen Abschnitts zwischen Südkreuz und Blankenfelde, der 700 Millionen Euro kostet, bekommt Berlin die wichtige Direktverbindung nach Süden wieder zurück. In Marienfelde und Lichtenrade wird seit etwas mehr als zwei Jahren gebaut. Für die Schallschutzwände, die zweieinhalb bis sechs Meter hoch werden, stehen schon viele Stahlträger. Die erste neu gebaute Unterführung, an der Säntisstraße, soll Ende des Jahres freigegeben werden. Nun gehen auch südlich der Berliner Stadtgrenze die Arbeiten in die Vollen.

Doch bis dahin war es ein langer Weg. „1997 hat das Planfeststellungsverfahren begonnen“, sagte Projektleiter Marcus Reuner. „Doch erst seit 2020 haben wir für den dritten Bauabschnitt, zu dem die Kurve gehört, bestandskräftiges Baurecht“ – seitdem die Gemeinde Blankenfelde-Mahlow und ein Anwohner ihre Klagen zurückzogen. Der Neubau der Dresdener Bahn ist eines der am längsten dauernden Verkehrsprojekte Deutschlands. Dazu hat auch Berlin beigetragen. Unter Klaus Wowereit (SPD), der aus Lichtenrade stammt und 2001 Regierender Bürgermeister wurde, lag das Verfahren jahrelang brach.

Besonders lang ist sie nicht, die Mahlower Kurve. „960 Meter“, sagt Projektleiter Reuner. Doch die Baukosten erreichen 62 Millionen Euro – was daran liegt, dass auch dieses Projekt kompliziert ist. Damit der Express zum BER nicht den Weg anderer Züge kreuzen muss, entstehen für das westliche Gleis Unterführungen und ein Trogbauwerk. Gut möglich, dass der Bahnknoten zwischen Mahlow und Blankenfelde künftig noch komplizierter wird. Blankenfeldes Bürgermeister Michael Schwuchow (SPD) lässt prüfen, ob dort ein Turmbahnhof machbar wäre.

Das Stellwerk Glasower Damm, von Bahn-Fans als Fotokulisse geschätzt, markiert den Bereich. Von 2023 an wird es nicht mehr benötigt. Doch vielleicht ließen sich die verglasten Obergeschosse weiterhin nutzen, sagt Alexander Kaczmarek. „Ein Café könnte ich mir dort gut vorstellen.“