Berlin - Das Informationsschreiben zur Neuorganisation des Verkehrs in der Bergmannstraße ist bereits in Jovan Davciks Briefkasten gelandet. Mit Begeisterung gelesen hat er es nicht. „Man versucht hier massiv, die Gewerbetreibenden in der Straße zu vernichten“, sagt Davcik. Der Inhaber einer Reinigung ist einer von 15.000 Haushalten, die das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg dieser Tage über die Umgestaltung ab 2022 unterrichtet.

In einem ersten Schritt sollen Tempo-20-Zonen im Kiez eingerichtet werden sowie eine zeitlich begrenzte Zufahrt von 6 bis 11 Uhr für den Lieferverkehr. Künftig sollen dann nur noch Anwohner durchfahren dürfen. „Der Bergmannkiez wird unser Modellprojekt für den Kiez der Zukunft, mit mehr Platz für Fußgänger:innen und Radfahrer:innen. Für Friedrichshain-Kreuzberg ist das eine wichtige Weichenstellung hin zu mehr Lebensqualität, besserer Luft, zusätzlichem Freiraum und klimafreundlicher Mobilität“, sagt Monika Herrmann, Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg.

Die Wünsche und Anforderungen der Anwohner und Geschäftstreibenden an die Verkehrsberuhigung seien zentraler Bestandteil der Neuorganisation. Von 2015  bis 2019 habe es eine umfangreiche Bürgerbeteiligung zur verkehrlichen Neuorganisation im Bergmannkiez gegeben. Über ein gesünderes Klima und mehr Naturflächen in der Bergmannstraße wird indes schon seit einem Jahrzehnt diskutiert. Die einen fordern eine Reduzierung des Verkehrslärms und eine bessere Parkraumbewirtschaftung, wie die Initiative „leiser-bergmannkiez“ beispielsweise.

Andere fürchten bei geringerer Mobilitätsauslastung finanzielle Verluste. „Ich weiß nicht, ob die Leute künftig mit dem Fahrrad oder zu Fuß in die Straße kommen. Wie soll man mehrere Anzüge ohne Auto transportieren?“, fragt sich Jovan Davcik. Er rechne mit Umsatzeinbußen, wenn die Straße komplett zugunsten der Einwohner verbaut wird.

Lutz Stolze ist es mittlerweile eigentlich leid, über diesen Konflikt zu sprechen. Der Chef der Kommedia-Buchhandlung am Marheinekeplatz im Bergmannkiez hat in den vergangenen Jahren bereits so viel dazu gesagt, dass der Ärger über die Pläne bei ihm fast schon verflogen ist. Dennoch äußert er Zweifel über die wirkliche Absicht des Bezirksamtes. „Ich finde es schon in Ordnung, dass die Autos generell aus der Stadt weg sollen. Ich habe aber immer noch den Verdacht, dass es in der Bergmannstraße mehr darum geht, den hohen Anteil an Grünen-Wählern zu beruhigen.“ Eine Lösung, um alle Parteien zu befrieden, sieht er aktuell nicht. „Ich hoffe nur, dass die Geschäfte nach Corona nicht auch noch dadurch kaputtgemacht werden“, sagt Stolze. Schließlich wolle er bald lieber wieder über Bücher reden.