Wir dokumentieren Auszüge aus der Rede des US-Präsidenten vom Mittwochnachmittag im Wortlaut:

„Ich bringe die Freundschaft des amerikanischen Volkes mit, genauso wie ich meine Frau Michelle und Malia und Sasha mitgebracht habe. Sie haben vielleicht bemerkt, dass sie jetzt nicht bei mir sind, aber das Letzte was sie tun möchten, ist eine weitere Rede von mir zu hören. …

Heute, 60 Jahre nach dem Aufstand gegen die Unterdrückung, Gedenken wir der ostdeutschen Helden des 17. Juni. Als die Mauer am Ende fiel, waren es ihre Träume, die sich erfüllten. Ihre Stärke, ihre Leidenschaft, ihr Vorbild erinnern uns daran, dass bei all der Macht von Armeen, bei all der Macht von Regierungen, es die Bürger sind, die entscheiden, ob sie hinter Mauern leben wollen – oder diese Mauern niederreißen. …

In all dieser Zeit wurde das Schicksal dieser Stadt von einer einfachen Frage bestimmt: Wollen wir frei sein oder in Ketten leben? … Weil mutige Massen diese Mauer stürmten, weil korrupte Diktaturen von neuen Demokratien abgelöst wurden, weil Millionen auf diesem Kontinent jetzt den frischen Wind der Freiheit atmen können, können wir hier in Berlin, hier in Europa sagen: Unsere Werte haben gesiegt! Offenheit hat gesiegt. Toleranz hat gesiegt! Freiheit hat gesiegt! Hier in Berlin!

Heute kommen die Menschen oft an Plätzen wie diesem zusammen um sich an Geschichte zu erinnern – statt Geschichte zu schreiben. Und es stimmt: Wir sind nicht mehr von Betonmauern, Stacheldraht und Panzern an unseren Grenzen bedroht. Die Atombunker sind aus dem Alltag verschwunden. All dies gibt einem manchmal das Gefühl, dass die großen Herausforderungen bewältigt sind … Aber ich bin heute hier in Berlin um Ihnen zu sagen: Große Nationen sind nicht gleichgültig! Heutige Gefahren mögen nicht so offensichtlich sein, wie vor einem halben Jahrhundert. Aber der Kampf um Freiheit und Sicherheit und die Würde des Menschen geht weiter. …

Ich schlage vor, dass wir Frieden und Gerechtigkeit zu Hause vorleben. Weil wir von unserer eigenen Geschichte her wissen, dass Intoleranz Ungerechtigkeit hervorruft, ob sie auf Rasse basiert, Geschlecht, oder sexueller Orientierung. … Wir sind stärker, wenn wir allen unseren Bürgern, egal, wer sie sind, oder wie sie aussehen, eine Chance geben, und wenn unsere Frauen und Töchter die gleichen Chancen haben, wie unsere Männer und Söhne. Wenn wir die Praktiken in unseren Kirchen, unseren Moscheen, Synagogen und Tempeln respektieren, sind wir sicherer. Wenn wir den Immigranten mit seinen Talenten und seinen Träumen willkommen heißen, wird er uns bereichern. Wenn wir uns für unsere schwulen und lesbischen Brüder und Schwestern erheben, und ihre Liebe und ihre Rechte gleichwertig behandeln, verteidigen wir ebenso unsere Freiheit. … Wir sind freier, wenn alle unsere Mitmenschen nach ihrem eigenen Glück streben können. …

Solange Mauern in unseren Herzen existieren, die uns trennen, von denen, die nicht aussehen wie wir, oder wie wir denken, oder an einen anderen Gott glauben, müssen wir noch härter miteinander daran arbeiten, diese Mauern der Teilung niederzureißen. …

Während wir aus der Rezession herauskommen, dürfen wir unsere Augen nicht vor der größer werdenden Ungleichheit verschließen. … Friede und Gerechtigkeit bedeuten, jenen die Hand zu reichen, die Freiheit wollen, wo immer sie leben. Unterschiedliche Völker und Kulturen werden ihren eigenen Weg gehen, aber wir müssen uns davon verabschieden, dass die, die weit weg leben, nicht Selbstbestimmung ersehnen, genau so wie wir es tun. Dass sie nicht Menschenwürde und Rechtstaatlichkeit ersehnen, genau wie wir es tun. Wir müssen uns von der Ausrede verabschieden, dass wir nichts tun können, um sie zu unterstützen. Wir können nicht von der Rolle zurücktreten, die Werte verbreiten zu müssen, an die wir glauben, indem wir die Afghanen dabei unterstützen, Verantwortung zu übernehmen, oder indem wir für einen israelisch-palästinensischen Frieden arbeiten, oder in Birma einem Volk helfen, sich von jahrzehntelanger Diktatur zu befreien. All diese Menschen sind, wer ihr einst wart. Sie verdienen unsere Unterstützung, weil auch sie auf ihre Art Bürger Berlins sind. …

Friede und Gerechtigkeit bedeutet, eine Welt ohne Nuklearwaffen anzustreben. Wir sind auf dem Weg, Amerikas und Russlands Atomsprengköpfe auf die niedrigste Zahl seit den Fünfzigerjahren zu reduzieren. Heute kündige ich weitere Schritte an: Wir werden unsere strategischen Nuklearwaffen um bis zu ein Drittel reduzieren. … Gleichzeitig werde ich mit unseren Alliierten daran arbeiten, amerikanische und russische taktische Waffen drastisch zu reduzieren. Wir können dann an einem neuen internationalen Rahmen für eine friedliche Nuklearmacht arbeiten und damit die atomare Bewaffnung, die Nord Korea und Iran vielleicht anstreben, zurückweisen. …

Einer unserer Gründungsväter, James Madison , erklärte: Keine Nation kann ihre Freiheit inmitten fortwährender Kriegsführung bewahren. James Madison hat Recht. Deshalb müssen wir, auch wenn wir uns weiterhin der Gefahren des Terrors bewusst sind, den fortwährenden Krieg in unseren Köpfen besiegen. Und für Amerika bedeutet das, die Anstrengungen verdoppeln Guantanamo zu schließen, es bedeutet strikte Kontrolle von neuen Technologien wie Drohnen, das heißt, das Bedürfnis nach Sicherheit mit dem Schutz der Privatheit auszubalancieren. Und ich bin sicher, dass diese Balance erreicht werden kann. …

Junge Leute werden hier in Berlin Menschen finden, die aus den Wunden des Krieges auferstanden sind, um die Segnungen des Friedens zu erfahren, vom Schmerz der Trennung zur Freude der Wiedervereinigung. Sie werden sich daran erinnern, wie Menschen, gefangen hinter der Mauer, über Stacheldraht sprangen, über Minenfelder rannten, Tunnel gruben und durch die Spree schwammen, um ihre Freiheit einzufordern. Die Mauer ist Geschichte, aber wir müssen auch Geschichte schreiben. Und die Helden, die vor uns kamen, verlangen jetzt von uns, ihren hohen Idealen gerecht zu werden. Dass wir uns um die jungen Menschen kümmern, die keine Arbeit finden, um Mädchen, die in anderen Ländern nicht zur Schule gehen dürfen, dass wir wachsam unsere eigene Freiheit schützen, aber genauso jenen eine Hand reichen, die woanders nach Freiheit streben. Das ist die Lektion der Vergangenheit, das ist der Geist von Berlin. …“

Übersetzung: Anne Lena Mösken und Rudolf Novotny