Zähne hat Andreas schon lange keine mehr. „Ich hatte solche Zahnschmerzen“, sagt er. „Da hab ich sie rausgepopelt, mit nem Schraubenzieher.“ Essen könne er aber alles, versichert er, „der Gaumen gewöhnt sich daran.“

Andreas sitzt in der Essensausgabe der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoologischer Garten. Er trägt eine dicke, grüne Stoffjacke, vor ihm steht eine Tasse Tee mit Zucker, eine dunkelblaue Kapuze verdeckt seine Haare. Schwer zu schätzen, wie alt er ist, der schwarze Vollbart ist schon ein bisschen grau, die Wangen eingefallen, das Gesicht mager. Wie viele Obdachlose wirkt auch Andreas seltsam alterslos. Andreas muss selbst ein bisschen nachdenken, dann sagt er: „Ich bin 55.“

Die Jacken bleiben an

Es ist 14 Uhr, die Essenausgabe der Bahnhofsmission hat gerade geöffnet und ein Pulk von dick eingepackten Menschen ist hereingeströmt. Die Männer und Frauen haben sich angestellt und Klappstullen, Kuchen, Suppe und Tee oder Kaffee in Empfang genommen. Nun sitzen sie an hellen Tischen und essen hastig. Kaum jemand hat sich die Mühe gemacht, die dicken Sachen auszuziehen. Vielleicht, weil einem mit Jacke einfach schneller warm wird, doch Andreas begründet es anders. „Hier wollen auch noch andere sitzen. Es muss schnell gehen.“

Seit fünf Jahren lebt Andreas auf der Straße; als er die ersten Nächte im Freien verbrachte, war es mild. Nun liegen fünf Tage Dauerfrost vor ihm. „Die Kälte ist nicht so schlimm, wenn es beständig ist, kann man sich darauf einstellen.“ Schlimmer sei es, wenn es jeden Tag anders ist. „Und wenn es kalt und nass ist. Daran gewöhnt man sich nicht.“

Andreas ist ein typischer Berliner Obdachloser. In der Regel sind es Männer, die auf der Straße landen, Männer, die psychisch krank sind, regelmäßig Alkohol trinken und über 50 sind. All das ist auch Andreas, nur alkoholabhängig ist er nicht. Nicht mehr. „Ich habe mit dem Saufen aufgehört, als ich auf die Straße kam“, sagt er. „Ich wusste, dass es da draußen gefährlich ist. Da wollte ich nicht trinken.“

Schlafplatz Bank-Vorraum

730 Notübernachtungsplätze für Obdachlose gibt es in Berlin – aber Andreas meidet sie. Warum, kann er nicht so richtig begründen. „Ich schlafe, wo es ein bisschen warm ist.“ In Vorräumen von Banken, dort, wo Bankautomaten stehen zum Beispiel.

„Ich versuche, mich unauffällig zu machen“, sagt er. Er bettele nicht, er sammele Flaschen. „Wenn ich genug habe, lass ich auch mal welche stehen.“ Die Straße, das weiß er, verändert die Menschen. „Auf der Straße wird man als Tier behandelt. Und man wird zum Tier – die einen mehr, die einen weniger.“ Er habe vor seiner Obdachlosigkeit zehn Jahre im Gefängnis gesessen. „Gefängnis oder Straße – was schlimmer ist, kann ich gar nicht sagen.“

Bis zu 600 Bedürftige kommen jeden Tag in die Bahnhofsmission, vielen ist anzusehen, dass sie krank sind. Dieter Puhl, der Leiter der Bahnhofsmission, kennt viele vom Sehen und etliche auch näher. „Es gibt zwei absolut falsche Vorurteile über Obdachlose“, sagt er, während vor der Tür weitere 100 Männer und Frauen auf Einlass warten. „Erstens, dass in Deutschland niemand obdachlos sein muss, und zweitens, dass die Leute selbst daran schuld sind.“

Freunde nicht stören

Viele der Männer und Frauen seien krank und bräuchten umfassende Hilfe, auch psychiatrische und medikamentöse. „In einem gewöhnlichen Leben ist das Umfeld mitentscheidend – Partner, Arbeitgeber, Freunde. Die treiben an oder drangsalieren. Obdachlos zu sein, heißt, völlig allein zu sein – mit allem“, sagt Puhl, der seit 23 Jahren in der Bahnhofsmission arbeitet.

Auch Andreas ist allein. Es ist Jahre her, dass ihm jemand zum Geburtstag gratuliert hat, und dass er Freunde getroffen hat und sich gut dabei gefühlt hat, daran kann er sich kaum noch erinnern. „Ich habe noch Freunde, aber ich möchte sie nicht stören in ihrem Leben.“

Andreas ist fast täglich in der Bahnhofsmission, er sagt, er bewundert die, die mit den Obdachlosen klar kommen. Er habe sich selbst oft nicht verstanden. Zurzeit ist er auch täglich in der Bahnhofsmission, weil er dort duschen kann. „Es geht mir aber nicht ums Saubersein“, sagt er. „Beim Duschen ist man eine Weile im Warmen.“