Die Geschichte von Joe beginnt dort, wo sie auch endet. Auf den Stufen vor einem Haus am Nollendorfplatz. Früher war genau hier der Club Goya, eine Institution im Berliner Nachtleben. In den letzten Wochen war dies der Platz von Joe, der eigentlich Josef Musekamp heißt. Er war obdachlos, hier hat er in den letzten Wochen seines Lebens oft gesessen, geschlafen, Passanten um Geld gebeten, wenn er keines mehr hatte.

Und hier wurde er am 16. August, einem Mittwoch, tot aufgefunden. 54 Jahre alt ist Joe geworden. Immer wieder haben Menschen versucht, ihm zu helfen. Und immer wieder ist er durch die Maschen des Hilfesystems gerutscht. Wer war Joe Musekamp? Wo kommt er her? Wie hat er in Berlin gelebt?

Wir sind auf die Suche gegangen und haben Menschen getroffen, die in einem Hilfesystem arbeiten, das an seine Grenzen gestoßen ist.

Unsere erste Station ist eine Wiese am Eingang zum Tiergarten, unweit der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo. Sascha Sträßer, 29, hat diesen ruhigen Platz zum Reden ausgesucht. Er ist Sozialarbeiter. Er hat Joe vor zwei Jahren kennengelernt, damals war er selbst in einer schwierigen Phase. Seinen Job als Anlagenmechaniker hatte er gerade aufgegeben.

Zwei Jahre betreut Sascha Sträßer Joe

Er hatte zum Glauben gefunden, sagt er, wollte einen Neustart. Deswegen entschied er sich für ein Praktikum in der Bahnhofsmission. Dort, wo sich die Gestrandeten treffen.

Zwei Jahre betreut Sascha Sträßer Joe – erst ehrenamtlich, später als festangestellter mobiler Einzelfallhelfer bei der Bahnhofsmission. „Wir wollen diesen Menschen eine zweite Chance geben, auch wenn sie schon durch alle Hilferaster gefallen sind“, sagt Sascha Sträßer.

Niedrigschwellige Angebote nennen Sozialarbeiter die unterste Stufe dieser Hilfe. Eine Phase, in der man nicht zu viel verlangen darf. Zum Beispiel, dass Menschen wie Joe Vertrauen fassen, sich komplett öffnen und ihre Geschichte erzählen.

Die Bahnhofsmission ist Joes Basis. Sascha Sträßer holt ihm Medikamente aus der Apotheke, er kümmert sich um Termine beim Jobcenter, besucht ihn in Notübernachtungen und im Krankenhaus der Bundeswehr, wo Joe drei Wochen lag. Sascha Sträßer glaubt damals, dass es zu diesem Zeitpunkt mit Joe bergauf geht, dass er sein Leben wieder in den Griff bekommt.

„Man muss die Entscheidung akzeptieren. Auch wenn das schwer fällt“

Dann, von einem auf den anderen Tag, verschwindet Joe. Sträßer geht ihn suchen und findet ihn an den alten Plätzen wieder – am Bahnhof Zoo, am Ostbahnhof. „Wir hatten eine große Verbundenheit“, sagt Sascha Sträßer. „Joe hat mich als Freund gesehen. Doch richtig kennengelernt habe ich ihn nie. Und meine ausgestreckte Hand hat er nicht genommen.“

Joe war beratungsresistent, sagen manche, und Sascha Sträßer hat gelernt, mit solchen Menschen umzugehen. „Man muss die Entscheidung des anderen akzeptieren. Auch wenn das sehr schwer fällt.“

Was ist im Leben von Josef Musekamp passiert, das ihn an den Rand der Gesellschaft getrieben hat? Von seiner Biografie ist nur wenig wirklich gesichert. Josef Musekamp wurde 1963 in Nordhorn geboren, das liegt in Niedersachsen, an der Grenze zu den Niederlanden.

In dieser Gegend steht der Name Musekamp oft im Telefonbuch, doch in dem Ort leben nur ein paar Menschen mit diesem Namen. Hermine Musekamp, ihr Mann Johann, der gemeinsame Sohn Mirko und der Landwirt Leonhard. „Josef Musekamp? Nie gehört“, sagt Hermine Musekamp. „Der ist nicht aus dem Ort.“ Oder aber, hier erinnert sich niemand mehr an ihn.

48 Obdachlose sind hier untergebracht

Im Berliner Melderegister taucht der Name Josef Musekamp das erste Mal 2002 auf. Doch dann verliert sich seine Spur. Vermutlich ist er für ein paar Jahre nach Mönchengladbach gegangen, später nach Cottbus, doch auch das sind vage Angaben. Sicher ist dagegen, dass Joe Anfang Februar wieder zurück an die Spree kam. Gemeldet war er zuletzt in der Scharnweberstraße 29, einem unauffälligen Mietshaus in Friedrichshain.

Am Klingelschild fehlen ein paar Namen, im Hof steht ein altes Sofa, ein Haufen ausrangierter Kleidung liegt in einer Ecke. 48 Obdachlose sind hier untergebracht, „die schwierigsten Fälle von ganz Friedrichshain“, sagt Uwe Lemme. Mit seinen 70 Jahren leitet er diese Einrichtung, die den vielversprechenden Namen Pension Heimat trägt.

Joe hat hier im vergangenen Winter eine Weile gelebt. Es war nicht einfach mit ihm, sagt Lemme. „Joe war aggressiv. Er hat randaliert. Immer wieder, ganz schlimm.“ Nach sechs Wochen hat es dem Leiter gereicht. Er rief die Polizei, sie nahmen Joe mit. Er kam nie wieder.

„Joe wollte nicht mitmachen“, sagt Uwe Lemme. Und für solche Menschen ist dann nicht einmal mehr in einer Obdachlosen-Zuflucht wie der Pension Heimat Platz. „Wir sind ständig ausgebucht. Es wird erst was frei, wenn einer stirbt“, sagt Uwe Lemme.

Zahl der Wohnungslosen steigt

Die Betten werden dringend gebraucht, denn Hilfsangebote wie diese sind rar. Auch das ist für den 70-Jährigen ein Grund, weiter zu machen. „Was würde aus den Obdachlosen in meinem Hause werden, wenn ich hier in Rente gehe?“

Nach Angaben der Bundesregierung ist die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland auf rund 335.000 gestiegen – ein Plus von 35 Prozent im Vergleich zu 2010. Unter ihnen sind etwa 29.000 Kinder. In Berlin sollen nach Angaben der Sozialverwaltung 5 000 bis 8000 Obdachlose leben. Hilfsorganisationen wie die Caritas dagegen gehen mittlerweile von mehr als 20.000 wohnungslosen Menschen in Berlin aus.

Für sie gibt es Notübernachtungen, kostenlose Essenausgaben, die Bahnhofsmission, die Caritas, gemeinnützige Vereine wie Mob und Motz, die Arbeiterwohlfahrt, Sozialdienste, ambulante medizinische Versorgung, Sozialberatungen und viele Helfer. Doch das dichte Netzwerk reicht nicht mehr.

Immer wieder hat er von seiner Vergangenheit erzählt

Die Zahl der Wohnungslosen steigt, die Armut auch, die Entwicklung der Mieten droht das Ganze zu beschleunigen. Selbst Mieter aus dem Mittelstand sorgen sich inzwischen um ihre Wohnungen. Und nicht zuletzt sind auch die Sozialarbeiter überfordert.

Sie können ihre Arbeit kaum noch leisten, brauchen selbst psychologische Hilfe. Sozialverbände fordern, dass sich endlich die Bundeskanzlerin und die Regierung mit diesem Problem beschäftigen müssen.

Wann genau Joe in die Obdachlosigkeit gerutscht ist, was er vorher gemacht hat, welchen Beruf er gelernt hat und ob er Familie hat, lässt sich heute kaum noch rekonstruieren. Immer wieder hat er von seiner Vergangenheit erzählt – oder zumindest von einer möglichen Version.

Demnach hat er 14 Geschwister, darunter einen Halbbruder. Er war verheiratet und hat als Polizist gearbeitet. Er erzählt, dass er Blues- und Rockmusiker war. Dann saß er etliche Jahre im Knast, dort traf er Joe Cocker. Tatsächlich saß Cocker mal wegen Drogen im Gefängnis.

Allein in die Bahnhofsmission kommen jeden Tag 700 Bedürftige

Joe erzählt, er habe danach zusammen mit Joe Cocker gespielt, ebenso mit den Scorpions. Es sind wirre Geschichten. Geschichten, bei denen nichts richtig zusammenpasst. So ist das bei vielen Menschen, die wie Joe auf der Straße leben. Die tageweise in einer der Notunterkünfte auftauchen, Hilfe annehmen und dann wieder verschwinden.

Allein in die Bahnhofsmission am Zoo kommen jeden Tag etwa 700 Bedürftige, sie kriegen warmes Essen, frisches Wasser, sie können duschen und sich neue Wäsche aus der Kleiderkammer holen. Die Straße hinter dem Bahnhof Zoo ist ein wichtiger Treffpunkt der Gestrandeten. Und ein bedrückender Ort des Elends und der Gewalt.

Erst kürzlich ist die Situation dort wieder eskaliert, als Obdachlose eine Mitarbeiterin in der Kleiderkammer mit dem Messer bedroht haben. Eine Woche blieb der Speisesaal geschlossen, das Essen wurde durch das Fenster gereicht. Polizisten sorgten dafür, dass es ruhig bleibt.

Die Mitarbeiter brauchten mal eine Pause. „Wir sind an der Obergrenze der Belastbarkeit angelangt“, sagte Dieter Puhl, der Leiter der Einrichtung. Es sollte ein Signal sein, dass Behörden und Politiker endlich was ändern müssen in der Organisation der Obdachlosenhilfe.

In Berlin gibt es sogar Unterkünfte , in denen sie nicht mal auf Alkohol und Drogen verzichten müssen

Dabei gehört das Hilfesystem für wohnungslose Menschen in Deutschland zu den besten in Europa. Sie haben Anspruch auf Arbeitslosengeld und Sozialhilfe, im Zweifelsfall bezahlen die Ämter sogar ein Hotelzimmer. Doch niemand kann dazu gezwungen werden, in eine Unterkunft zu ziehen.

In Berlin gibt es sogar Unterkünfte für Obdachlose, in denen sie nicht mal auf Alkohol und Drogen verzichten müssen. Doch in solchen Häusern einen Platz zu bekommen, das ist sehr schwierig. Joe hat es einmal versucht, erzählt einer seiner Betreuer. Er wollte runter von der Straße, ein festes Dach, wenn möglich ein Einzelzimmer. Es war keines frei. Joe blieb auf der Straße – und schon am nächsten Morgen sprach er nicht mehr davon.

Immer wieder müssen Einrichtungen wie die Teupe, das Erstaufnahmeheim für Wohnungslose in der Teupitzer Straße in Neukölln, Obdachlose abweisen. 236 Menschen leben in dem Heim, damit ist es ausgebucht.

Auf dem Gelände und in den Gemeinschaftsräumen sind Alkohol und Drogen zwar verboten, steht in der Hausordnung, aber nicht in den Zimmern der Bewohner. „Bei uns leben wohnungslose Menschen, die ihre Situation verändern wollen“, sagt der Leiter der Einrichtung, Marcel Deck.

Ein Zimmer für eine Familie

Sozialarbeiter helfen den Bewohnern, meist sind es Männer, beim Ausfüllen von Anträgen und bei der Suche nach einer Wohnung. Für einen Daueraufenthalt sind die Zimmer nicht geeignet, sie sind viel zu klein. Doch zurzeit müssen sogar Familien in einem Zimmer übernachten.

Dennoch bleiben manche Bewohner mehrere Jahre dort, weil sie längst keine Wohnung mehr finden in einer Größe und zu einem Preis, für die Jobcenter oder Sozialamt die Miete übernehmen. „Der Wohnungsmarkt hat sich extrem verschärft“, sagt Marcel Deck. „Für Wohnungslose ist er verschlossen. Ihre Chancen sind gleich Null.“

Früher hätten Vermieter noch Angebote per Fax geschickt, wenn sie freie Wohnungen hatten, sagt Deck. Etwa sechs Leute konnten damals im Laufe eines Monats von der Teupe in eine eigene Wohnung ziehen. Heute findet höchstens noch ein Bewohner im Monat eine eigene Bleibe. „Und unsere Zielgruppe wird immer größer“, sagt Marcel Deck.

160 Anfragen von Familien musste Linda Kauczor, Sozialarbeiterin in der Teupe, im vergangenen Jahr ablehnen. „Das System ist überlastet“, sagt sie. Dabei bieten immer mehr private Anbieter dem Senat Unterkünften für Wohnungslose an.

Das Jobcenter zahlt Joe jeden Monat 409 Euro

Unternehmer drängen auf den Markt, um Geld zu verdienen, doch den Obdachlosen fehlt in solchen Unterkünften jegliche professionelle Hilfe und Beratung. „Die Arbeit mit Wohnungslosen darf kein Geschäft sein“, sagt Einrichtungsleiter Marc Deck.

Joe ist im Hilfesystem registriert, das Jobcenter zahlt ihm jeden Monat 409 Euro, den Scheck holt er sich immer bei der Bahnhofsmission ab. Joe gibt das Geld schnell aus, meist für Alkohol und Zigaretten. Einmal hat er sich ein Handy gekauft und einen Laptop. Beides geht verloren oder wird geklaut, niemand weiß es so genau.

Sein Leben auf der Straße verläuft in Kurven, mal scheint es ihm besser zu gehen, wenn auch nur kurze Zeit. „Lichte Momente“ nennen das seine Helfer. Schwester Inge hat Joe in einem solchen Moment kennengelernt. Er hat „Summertime“ für sie auf der Gitarre gespielt und dazu gesungen – „and the livin’ is easy“.

Das Lied ist eine Hymne auf das gute, sorgenfreie Leben. „Das war eine kleine Sternstunde für Joe“ sagt Schwester Inge. „Da blitzte etwas in ihm auf, da habe ich seine Sehnsucht nach dem Leben erkannt.“

Manchmal war er hilflos wie ein Ertrinkender

Inge Kimmerle, so heißt Schwester Inge, ist 78 Jahre alt, eine liebenswerte und agile Frau, eine evangelische Religionspädagogin. Jeden Tag fährt sie zur Bahnhofsmission. Vor einem Jahr lernt sie dort Joe kennen. Wenn er nicht vor der Tür sitzt, sucht sie ihn rund um den Zoo. „Ich habe die Hoffnung für Joe nie aufgegeben. Es fiel mir nur so schwer, daran zu glauben.“

Manchmal findet sie ihn, irgendwo am Zoo, in schlimmem Zustand, an der Grenze zum Delirium. „Dann war er hilflos wie ein Ertrinkender, der nach dem Strohhalm greift“, sagt sie. „Vielleicht hat er auch erkannt, wie tief der Sumpf war, in dem er gesteckt hat.“ Schwester Inge verspricht Joe, sie werde ihm eine Gitarre schenken, wenn er mit dem Trinken aufhört.

Sie weiß, wie schwer das ist – und auch, wie schnell es geht, in ein Leben mit Drogen und Alkohol abzurutschen. Oft haben die Betroffenen eine schwierige Kindheit gehabt, mit Misserfolgen, Ablehnung, Missbrauch und Gewalt in der Familie.

„Besonders Männer erleben in einer solchen Situation eine starken Autonomieverlust, der oft mit einem Zusammenbruch ihrer Bewältigungsmöglichkeiten einhergeht“, sagt Susanne Gerull, Professorin für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit an der Alice Salomon-Hochschule in Berlin. Sie forscht zu den Themen Wohnungslosigkeit und Armut. Die Folge sind oft psychische Störungen, die dringend behandelt werden müssten.

An jedem Mittwoch zündet sie um 12.20 Uhr eine Kerze an

Auch Wissenschaftler der Uni München haben in ihrer Seewolf-Studie – die Abkürzung steht für Seelische Erkrankungsrate in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe – herausgefunden, dass fast die Hälfte der befragten Wohnungslosen schon in Kindheit und Jugend psychisch auffällig gewesen sind.

Bei fast 75 Prozent der untersuchten wohnungslosen Menschen bestehe eine psychiatrische Behandlungsfähigkeit, resümieren die Wissenschaftler in der bisher größten Wohnungslosen-Studie Deutschlands.

Im Klartext: Psychiater und Psychologen könnten Obdachlosen helfen. Sie hätten vielleicht eine reale Chance, sie zu erreichen. So, wie Schwester Inge es immer wieder versucht.

An jedem Mittwoch zündet sie um 12.20 Uhr eine Kerze an auf dem Tisch im Speiseraum der Bahnhofsmission. Sie stellt ein Holzkreuz mit Jesus Christus darauf. Es ist eine kleine Andacht, zu der jedes Mal ein Dutzend Obdachlose und Mitarbeiter der Bahnhofsmission kommen. Sie beten und singen. Die Stille im Raum ist ungewohnt. Von draußen hört man laute Worte der Wartenden.

Joe will nicht ins Krankenhaus

Bald ist Mittagszeit. „Bei Gott sind wir immer alle willkommen“ singt Schwester Inge. Die bärtigen Männer am Tisch stimmen mit brummigen Bässen ein. „Jeder kann den Himmel auf die Erde ziehen“, sagt Schwester Inge. Sie streicht die rauen Hände der Männer. Niemand zieht seine Hand zurück.

Ein Stück Himmel am Bahnhof, steht auf einem Lieferwagen der Bahnhofsmission. Es ist das Motto der Helfer am Zoo. Leiter Dieter Puhl hat Ende Mai seine Verzweiflung über das Leben von Josef Musekamp in einem Facebook-Eintrag beschrieben. Joe war todkrank, saß vor der Bahnhofsmission lethargisch auf der Straße und hatte mit so ziemlich allem abgeschlossen.

„Man erträgt seinen Anblick kaum, wie er seit Tagen vor unserer Tür liegt und vielleicht bald sterben wird“, schreibt Puhl damals. „In ein Krankenhaus möchte er nicht, ein Leben dort ohne Alkohol erscheint ihm vermutlich auch schwierig“. Vor der Tür der Bahnhofsmission sei Joe jedoch in „guter Gesellschaft“, schreibt Puhl. „Freundliche Menschen, gute Worte, Vertrautheit, Leben.“ Aber dieser Bereich sei „kein Sterbezimmer“.

Dieter Puhls Veröffentlichung bewegt etwas. Menschen werden auf Joe aufmerksam, auch die Berliner Zeitung. „Ich bin total fertig, ich kann nicht mehr“, sagt Joe, als wir ihn damals treffen. Er erzählt ein wenig von seiner Geschichte, oder zumindest die Geschichte, die man bekommt, wenn man nach seiner fragt.

Schon vor zwei Jahren war er in einem schlimmen Zustand

Joes Körper war zu diesem Zeitpunkt schon lange ein Opfer seines harten Lebens. Insofern ist die Leiterin der Obdachlosenambulanz bei der Berliner Stadtmission in der Lehrter Straße auch nicht verwundert, als sie von Joes Tod hört. „Ich hätte schon viel eher damit gerechnet“, sagt Svetlana Krasovski.

Schon vor zwei Jahren, als sie Joe zum ersten Mal in der Ambulanz behandelt hat, war er in einem schlimmen Zustand. Die Ärzte brachten ihn ins Pflegezimmer, eine Art medizinische Wohngemeinschaft in der Ambulanz. Die Patienten können dort einige Tage in Einzelzimmern wohnen, sie werden medizinisch betreut, es gibt eine Küche und eine Dusche. Alkohol und Gewalt sind verboten.

Manche Bewohner beginnen in dieser Zeit, Wäsche zu waschen, sich um den Haushalt zu kümmern und sich mit gesundem Essen zu versorgen. „Das hilft in die Normalität zurückzukehren. Danach beginnt die Sozialarbeit“, sagt Svetlana Krasovski. „Doch es hängt immer von der Motivation des Einzelnen ab, seine Situation zu verändern.“

Joe darf nicht im Pflegezimmer bleiben. Wegen „starker Aggressionen gegen Mitarbeiter und Mitpatienten“ entlassen ihn die Ärzte. Dennoch: Svetlana Krasovski sagt, Joe sei einer der interessantesten Persönlichkeiten gewesen, die sie während ihrer Arbeit mit Wohnungslosen kennengelernt habe. „Er hatte eine gewisse Anziehungskraft. Er kannte die Menschen gut. Joe hätte eine Chance gehabt. Aber wir konnten nicht mehr für ihn tun.“

„Ich wollte ihm helfen“

So wie Svetlana Krasovski haben in den vergangenen zwei Jahren viele Menschen die Wege von Joe gekreuzt. Elisabeth Mayer, die Pfarrerin der Paulus-Kirche in Tempelhof, und ihr Kirchenwart Dirk Helm haben Joe im Sommer zwei Wochen lang in einem kleinen Gartenhaus auf dem Kirchengelände einquartiert. Er hat eines Tages auf den Stufen vor der Kirche gelegen.

Joe bekam einen sauberen Schlafsack, Kleidung und jeden Morgen ein belegtes Brötchen vom Bäcker. „Der Mann hatte nichts“, sagt Dirk Helm. „Ich wollte ihm helfen.“ Die Pfarrerin kocht Joes Lieblingsessen. Spaghetti Bolognese. Nach zwei Wochen war Joe wieder verschwunden.

Oder Manuel Eigmann und Cengiz Tanriverdio, Streetworker vom Verein Gangway, die Joe am Ostbahnhof kennengelernt haben. Sie versuchen, den Obdachlosen wieder einen Weg zurück zu zeigen – wobei die ersten Schritte die schwierigsten sind. „Wir drängen uns nicht auf“, sagt Manuel Eigmann. Aber für Obdachlose ist manches leichter, wenn sie ein Streetworker begleitet. „Sie werden dann anders behandelt.“ Doch auch sie haben bei Joe kaum etwas erreicht.

Am frühen Morgen des 16. August 2017 werden die Rettungssanitäter von einem unbekannten Anrufer zum Nollendorfplatz gerufen. Der Mann, der auf den Stufen liegt, ist tot. Der Dauerdienst der Kriminalpolizei wird angefordert. Die Ermittler bringen den unbekannten Leichnam in die Rechtsmedizin, später obduzieren ihn Gerichtsmediziner. Mitarbeiter des Kriminaltechnischen Instituts nehmen Fingerabdrücke und gleichen sie mit der Datenbank ab. Der Tote ist Josef Musekamp.

In der Vermisstenstelle des Landeskriminalamtes suchen sie jetzt nach Angehörigen

„Hätten wir mehr Verantwortung für Joe übernehmen müssen?“, fragt Pfarrerin Elisabeth Mayer. Einer ihrer Glaubensgrundsätze ist, keinen Menschen verloren zu geben. Erst recht keine Bedürftigen wie Joe. Dirk Helm sagt: „Wir wollten Hilfe zur Selbsthilfe leisten.“ Es klingt wie eine Entschuldigung.

Eine Woche lang haben wir Joes Spuren in der Stadt verfolgt, seine Helfern nach seinem Leben befragt. Es bleiben Lücken. Und viele Fragen. Joe ist dem Ruf der Straße gefolgt.

Schwester Inge hat nach Joes Tod eine Andacht für ihn gehalten. Sascha Sträßer muss einen Termin beim Jobcenter absagen, den er mit Joe vereinbart hatte. Dieter Puhl, der Leiter der Bahnhofsmission, organisiert eine Gedenkfeier mit belegten Brötchen und Musik.

Er hat Songs rausgesucht von Nick Cave und Joe Cocker. Schließlich hat Joe immer erzählt, dass er mit Joe Cocker auf der Bühne stand. Es gibt eine Cover-Version eines bekannten Beatles-Songs, die Joe Cocker gern gesungen hat. With a little help from my friends.

In der Vermisstenstelle des Landeskriminalamtes suchen sie jetzt nach Angehörigen, die eine Bestattung bezahlen. Wenn sie niemanden finden, bekommt Joe ein Sozialgrab. Anonym. Wie sein Leben.