Obdachlose Berlin Modellprojekt „Housing first“: Eine eigene Bleibe ohne Vorbedingungen

Erst einmal eine Wohnung! Und dann weitersehen. Auf diese Formel lässt sich das Modellprojekt „Housing first“ für Menschen, die bisher auf der Straße leben, in aller Kürze bringen. Die finanziellen Mittel stehen nun dafür bereit, wie Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) am Montag ankündigte: Mehr als 1,7 Millionen Euro können die beiden Träger – der Sozialdienst Katholischer Frauen sowie eine Partnerschaft aus der gemeinnützigen Neue Chance gGmbH und der Berliner Stadtmission – dafür in den kommenden drei Jahren ausgeben.

Der Sozialdienst will 30, die Neue Chance 40 kleine Wohnungen in der Hauptstadt akquirieren, in denen Leute leben sollen, die bislang obdachlos waren. Selbstständig. Ohne Bedingungen.

Idee stammt aus den USA

Die Vorbereitungen für diesen in Deutschland immer noch neuartigen Ansatz laufen bereits etwas länger. Ähnliche Modellprojekte gibt es aktuell etwa in Köln und in Düsseldorf. Die Idee selbst stammt aus den USA und läuft laut Sozialverwaltung inzwischen auch erfolgreich in Amsterdam, Glasgow, Kopenhagen und Lissabon. Es könne „ein Baustein“ der Politik gegen Obdachlosigkeit werden, betonte Sozialsenatorin Elke Breitenbach. Das Berliner Modellprojekt soll wissenschaftlich begleitet und bewertet werden.

Das Projekt richtet sich dabei tatsächlich an diejenigen, denen es aktuell am schlechtesten geht, weil sie auf der Straße leben und auch keine Interimsunterkunft in Anspruch nehmen.

Bis zu 80 Menschen könnten in der Probephase bis 2021 versorgt werden – angesichts von geschätzt 4000 bis 6000 Obdachlosen ist das noch wenig. Aber die bisherigen Erfahrungen seien sehr positiv. „Ich bin ein Fan von Housing first“, sagte Breitenbach.

Schrittweise organisiertes Hilfesystem

Das Besondere ist, dass die Menschen nicht in ein schrittweise organisiertes Hilfesystem einsteigen, in dem sie sich etwa durch Suchttherapien und andere Vorbedingungen bewähren müssen. Sondern sie erhalten als erstes eine Wohnung. „Wir geben ihnen damit Eigenverantwortung für ihr Leben und Würde zurück“, sagt Ingo Bullermann von der Neue Chance gGmbH. „Wir bestimmen nicht, wie die Menschen in ihren Wohnungen leben sollen“, ergänzt Elke Ihrlich vom Sozialdienst Katholischer Frauen (SKF).

Die 30 geplanten Wohnungen des SKF-Projekts sind ausschließlich für obdachlose Frauen vorgesehen. Beim Modellprojekt von Neue Chance und Stadtmission ist ein Viertel für Frauen, also zehn Wohnungen.

Bisher keine Vermieter

An einer Sache hapert es allerdings noch: Das Modellprojekt hat bisher keine Vermieter gefunden, auch nicht unter den landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften, die Wohnungen zur Verfügung stellen.

Dabei ist das Angebot gut: Denn an dem Projekt – das ist dann doch eine Vorbedingung – können nur Menschen teilnehmen, die Anspruch auf Sozialleistungen haben, also auch auf Übernahme der Miete vom Amt. Die Miete darf dabei bis zu 20 Prozent über dem amtlichen Richtwert (für eine Person derzeit 404,00 Euro Bruttokaltmiete plus Heizkosten) liegen. Zudem wird eine Haftpflicht- und eine Hausratsversicherung bezahlt.

Außerdem gibt es noch einen Sicherungsfonds, der die übliche Kaution bei einer Vermietung verdoppelt. Der Erfolg spricht für sich: Zwischen 80 und 95 Prozent der einst obdachlosen Mieter bleiben dauerhaft in ihren Wohnungen.

„Das ist ein wichtiger Paradigmenwechsel“

Zudem gibt es laufende Betreuungsangebote der beiden Sozialträger, sobald eine Wohnung bezogen ist. Allerdings ist alles freiwillig, wie Elke Ihrlich betont: Die Mieterinnen und Mieter können die Angebote auch folgen- und sanktionslos ablehnen, denn sie sollen behandelt werden wie andere Menschen auch. „Das ist ein wichtiger Paradigmenwechsel“, sagt Elke Ihrlich von Sozialdienst Katholischer Frauen.

Beide Träger wollen bis Ende Oktober verschärft nach Wohnungen für das Projekt suchen. Und dann nach Mieterinnen und Mietern.